Mangel an Führungsnachwuchs: Zu stressig – Talente wollen nicht Chef sein
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Mangel an FührungsnachwuchsZu stressig – Talente wollen nicht Chef sein

Junge Angestellte scheuen sich vor Verantwortung und haben keine Lust mehr auf den Chefsessel. Doch viele Firmen müssen sich selber an der Nase nehmen.

von
Dominic Benz
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Den Schweizer Unternehmen fehlt der Nachwuchs in den Führungspositionen. Das ist das Ergebnis einer Befragung des deutschen Personalvermittlers Robert Half.

Den Schweizer Unternehmen fehlt der Nachwuchs in den Führungspositionen. Das ist das Ergebnis einer Befragung des deutschen Personalvermittlers Robert Half.

Gradyreese
Rund jedes fünfte Unternehmen hat sich in der Studie über den Mangel beklagt, darunter vor allem grössere Firmen.

Rund jedes fünfte Unternehmen hat sich in der Studie über den Mangel beklagt, darunter vor allem grössere Firmen.

Keystone/Martin Ruetschi
Rund 80 Prozent der befragten Personalverantwortlichen sehen den Grund für das Desinteresse der Mitarbeiter an einem Chefposten darin, dass viele Mitarbeiter keine zusätzliche Verantwortung übernehmen möchten. Über 60 Prozent gaben an, dass eine gute Work-Life-Balance wichtiger sei als ein höheres Gehalt oder eine gehobenere Position.

Rund 80 Prozent der befragten Personalverantwortlichen sehen den Grund für das Desinteresse der Mitarbeiter an einem Chefposten darin, dass viele Mitarbeiter keine zusätzliche Verantwortung übernehmen möchten. Über 60 Prozent gaben an, dass eine gute Work-Life-Balance wichtiger sei als ein höheres Gehalt oder eine gehobenere Position.

Keystone/Gaetan Bally

Keine Lust auf mehr Verantwortung, lieber mehr Freizeit als ein guter Lohn – die Gründe, warum junge Arbeitnehmer keine Lust auf einen Chefjob haben, sind verschieden. Tatsache ist: Den Schweizer Unternehmen fehlt der Nachwuchs in den Führungspositionen. Das ist das Ergebnis einer Befragung des Personalvermittlers Robert Half.

Rund jedes fünfte Unternehmen habe sich über den Mangel beklagt, sagt der Studienverantwortliche Yeng Chown. Darunter seien vor allem grössere Firmen.

Insgesamt 200 Schweizer Personalverantwortliche wurden befragt. Rund 80 Prozent sehen den Grund für das Desinteresse der Mitarbeiter an einem Chefposten darin, dass viele Mitarbeiter keine zusätzliche Verantwortung übernehmen möchten. Über 60 Prozent gaben an, dass eine gute Work-Life-Balance wichtiger sei als ein höheres Gehalt oder eine gehobenere Position. Weitere Gründe waren das zu hohe Geschäftstempo, zu geringe Motivation oder fehlende Trainings- und Mentoringprogramme, die Mitarbeiter unterstützen könnten.

Chefposten zu wenig attraktiv

Dass die Mitarbeiter keine Lust auf einen Chefjob haben, liegt allerdings nicht nur an ihnen selber. Die Unternehmen haben sich den Mangel teilweise selber zuzuschreiben. Die Führungspositionen seien weniger attraktiv als früher, sagt Chow. Vor allem in den Branchen, bei denen das Umfeld härter geworden sei.

So habe bei der jüngeren Generation ein Umdenken stattgefunden. Das Zauberwort heisst Work-Life-Balance. «Die Arbeitnehmer wollen nicht mehr alles nur wegen eines Jobs aufgeben.» Die Werte der Mitarbeiter hätten sich verändert. Teilzeit, Homeoffice und Flexibilität bei der Arbeit würden eine wichtigere Rolle spielen. «Die Unternehmen stehen in der Pflicht, sich den Bedürfnissen der Arbeitnehmer anzupassen», so Chow. Das sei letztlich eine Frage der Kultur bei den Unternehmen.»

Ansprüche haben sich verändert

Auch die Swisscom stellt fest, dass sich die Ansprüche an Führungspositionen verändern. «Selbstführung und die Führung von Themen werden wichtiger, dafür nimmt die hierarchische Führung an Bedeutung ab», sagt die Sprecherin Sabrina Hubacher auf Anfrage zu 20 Minuten. Von einem Mangel an Führungsnachwuchs will sie hingegen nichts wissen.

Bei Axa-Winterthur wird Flexibilität grossgeschrieben. Der Versicherer hat flachere Hierarchien eingeführt. «Das heisst: weniger Chefs und mehr Selbststeuerung», sagt die Personalchefin Mirjam Bamberger. Ebenso zentral sei die Teilzeitbeschäftigung. «Bei uns arbeitet auch das Topkader Teilzeit.»

Unternehmen sollten sich den Regeln der Zukunft anpassen, so Bamberger. Wenn man das nicht mache, müsse man sich nicht wundern, wenn Führungspositionen unbesetzt blieben.

Herr Winkler*, sind die heutigen Angestellten zu faul, um Chef zu werden?

Nein. Aber ihre Erwartungshaltung hat sich verändert: Das Bedürfnis, Teilzeit oder zu Hause zu arbeiten, wird immer grösser. Wenn das ein Chefposten nicht erlaubt, verzichten Arbeitnehmer heute eher darauf.

Also müssen die Firmen handeln.

Ja, denn die Arbeitnehmer machen den Chef-Job heute nicht mehr zu jedem Preis. Es liegt darum an den Firmen, sich mehr den Bedürfnissen der Arbeitnehmer anzupassen. Sie sollten die Chefrolle neu definieren. Eine Möglichkeit wäre etwa, den Chefposten mit zwei Personen zu besetzen oder die Möglichkeit für Homeoffice anzubieten. Wenn eine Firma genug Flexibilität bietet, findet sie auch gute Führungskräfte.

Der Chefposten als Krönung der Karriere. Ist das vorbei?

Chefposten bieten mehr Möglichkeiten für Mitbestimmung, mehr Handlungsspielraum, mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Chefposten bleiben somit interessant, gehen aber auf Kosten von höherer Arbeitszeitbelastung. Der Trend geht dahin, dass viele Arbeitnehmende, nachdem sie Chefpositionen übernommen haben, sich auch wieder in andere Funktionen begeben, die nicht mehr unbedingt Führungsverantwortung mit sich bringen. Einmal Chef – immer Chef, diese Aussage stimmt heute nicht mehr.

*Silvan Winkler leitet den Bereich der Mitarbeiter- und Organisationsforschung der GfK Schweiz.

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