Aktualisiert 29.05.2014 13:40

Alternative zur SterbehilfeZu Tode hungern statt Giftcocktail trinken

Um frühzeitig zu sterben, verzichtet einer von hundert Betagten auf Essen und Trinken. Der ehemalige Zürcher Stadtarzt sieht darin eine Alternative zu aktiver Sterbehilfe.

von
N. Glaus
Alte Leute könnten friedlicher aus dem Leben scheiden, wenn sie einfach mit Essen und Trinken aufhörten. Dies sagt der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein.

Alte Leute könnten friedlicher aus dem Leben scheiden, wenn sie einfach mit Essen und Trinken aufhörten. Dies sagt der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein.

Der Altersfreitod wird in der Schweiz zurzeit heftig diskutiert. Die Sterbehilfe Organisation Exit engagiert sich dafür, dass betagte Menschen ihr Leben auch vorzeitig beenden können, auch wenn sie an keiner tödlichen Krankheit leiden. Man spricht dabei auch von einem Lebensbilanzsuizid.

Exit verabreicht seinen Kunden einen Giftcocktail, der rasch zum Tod führt. Laut dem ehemaligen Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein gibt es für sterbewillige Senioren aber eine bessere Alternative: Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» stellt er das «Terminale Fasten» zur Diskussion: Alte Leute könnten friedlicher aus dem Leben scheiden, wenn sie einfach mit Essen und Trinken aufhörten.

Georg Bosshard, Leitender Arzt an der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich, ist Experte auf dem Gebiet: «Es geht dabei um ältere Leute, die noch bei klarem Bewusstsein sind.» Dass die älteren Leute freiwillig hungern, um zu sterben, sei eher in Alters- und Pflegeheimen anzutreffen, als in einem Spital. Dies komme in etwa einem von einhundert Todesfällen von betagten Menschen vor. Man müsse aber Folgendes unterscheiden: «Oft haben ältere Menschen aufgrund einer Krankheit gar kein Bedürfnis nach Essen und Trinken mehr», so Bosshard.

«Das Leiden ist nicht vorhersagbar»

Laut dem Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein sterben Betroffene nach rund zehn Tagen. Hunger und Durst würden sie dabei nicht zwingend verspüren. Steffen Eychmüller, Ärztlicher Leiter des Palliativzentrums am Berner Inselspital, ist aber der Meinung, dass sich dies nicht so einfach pauschalisieren lässt: «Es kommt sehr darauf an, in welchem Zustand sich der Körper befindet, wie funktionsfähig die Nieren, das Herz oder das Gehirn noch sind.» Unter Umständen könnten Menschen Wochen überleben, ohne zu essen oder zu trinken. Er bestätigt allerdings: «Wenn man langsam auf das Trinken und Essen verzichtet, lässt sich das Hunger- und Durstgefühl anpassen.» Es sei zudem bekannt, dass sich das Hunger- und Durstgefühl durch die richtige Mundpflege beeinflussen lasse.

«Der Lebensfunken erlischt»

Für Steffen Eychmüller ist allerdings das Sterbefasten kein eigentlicher Alterssuizid: «Ich selber erlebe immer wieder eindrucksvoll, wie bei älteren Menschen der Lebensfunken erlischt.» Wenn die Betagten mit ihrem Leben abgeschlossen hätten und sterben möchten, dann würden zum Teil auch Medikamente nichts mehr nützen.

Auch Bosshard sagt: «Die sterbenswilligen Patienten machen nicht aktiv etwas um zu sterben, sie machen bewusst etwas nicht mehr.» In diesem Sinne sei das terminale Fasten keine Alternative zur Sterbehilfe. Es sei nur eine Variante von möglichen Lebensend-Entscheiden. Bosshard betont zudem, dass es von Vorteil sei, dass ein Arzt oder ausgebildetes Pflegepersonal die betagten Leute in diesem Prozess begleiten.

«Sterbefasten ist auch bei Exit ein Thema»

Bei der Sterbehilfeorganisation Exit ist das Sterbefasten ebenfalls Thema. «Wir schauen, dass Menschen, die selbstbestimmt sterben möchten, über alle Möglichkeiten informiert sind: Weiterleben, Schul- oder Palliativ-Medizin in Anspruch nehmen oder eben auch Sterbefasten», erklärt der Vizepräsident Bernhard Sutter.

Schliesslich müsse jede Person für sich selber entscheiden können, wie sie sterben möchte. «Viele Leute bevorzugen, mit einem Schlafmittel zu sterben. Man nimmt das Mittel und schläft ein.» Laut Sutter entspricht dies dem Tod, wie ihn sich viele Leute vorstellen und wünschen.

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