Aktualisiert 21.11.2016 09:49

Kanton St. GallenZu verwöhnt – Kind darf nicht in Primarschule

Weil Marko (7) von seinen Eltern überbehütet wurde, ist er nicht reif für die Schule. Das sehen seine Eltern anders und kämpfen dafür bis vors Bundesgericht.

Das Bundesgericht in Lausanne bestätigte ein Urteil des St. Galler Verwaltungsgericht: Der 7-jährige Serbe muss in der Sonderschule bleiben.

Das Bundesgericht in Lausanne bestätigte ein Urteil des St. Galler Verwaltungsgericht: Der 7-jährige Serbe muss in der Sonderschule bleiben.

Keystone/Christian Brun

Marko (7) darf nicht in die Regelklasse einer Primarschule im Kanton St. Gallen. Das hat das Bundesgericht kürzlich entschieden. Grund: Er sei von seinen Eltern zu sehr verwöhnt worden, sei überbehütet und weise deshalb Defizite in Sprache, logischem Denken und Motorik auf. Marko kann kaum Treppensteigen, ohne sich dabei abzustützen. Auch den Bleistift kann er nicht anständig halten, die Striche erscheinen zittrig auf den Blättern. Zudem hapert es bei der Sprache gewaltig.

Im Bericht des Schulpsychologen heisst es laut «SonntagsZeitung», dass Marko von seinen Eltern alle Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden. Die Folge: Das Kind ist vom normalen Schulbetrieb überfordert.

Probleme mit Frosch und Schildkröte

Die Schulbehörden verfügten, dass Marko die Heilpädagogische Schule besuchen muss. Das passte jedoch den Eltern nicht – sie legten Rekurs bei allen Instanzen ein, bis vor Bundesgericht. Die Eltern halten dagegen und erwägen nun gar den Gang vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg.

Wie es im Bundesgerichtsurteil heisst, liessen die Eltern für ihren Sohn in der serbischen Heimat drei kinderärztliche und psychologische Gutachten erstellen, die besagen, dass Marko eine Regelklasse besuchen könne. Bereits das Verwaltungsgericht hatte in erster Instanz diesen Gutachten wenig Beachtung geschenkt, da den serbischen Fachpersonen das St. Galler Schulsystem fremd sein dürfte.

Auch sonst gehen die Wahrnehmungen der Eltern und der hiesigen Fachpersonen weit auseinander. So sagen die Eltern, das Kind könne auf Serbisch und auf Deutsch auf 100 zählen. Der Schulpsychologische Dienst stellte jedoch fest, dass das Kind nur bis 13 zählen kann. Ausserdem könne es Tiere wie den Frosch oder die Schildkröte nicht benennen.

Verwöhnen eine Form von Kindsmisshandlung

«Das Verwöhnen hat eindeutig zugenommen», sagt Jürg Frick, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Autor des Buches «Die Droge Verwöhnung» in der «SonntagsZeitung». «Verwöhnte Kids», sagt Frick, «haben Probleme sich zu konzentrieren, eine hohe Anspruchshaltung, eine tiefe Frusttoleranz und wenig Ausdauer». Und weiter: Extremes Verwöhnen sei «eine Form von Kindsmisshandlung».

Frick erlebt in seiner Beratung immer wieder, dass Eltern die Hausaufgaben für den Nachwuchs erledigen oder die Kinder überallhin begleiten, auch wenn das gar nicht nötig wäre. Gleichzeitig nehmen Eltern den Kinder Entscheidungen nicht ab: Mütter erzählen dem Experten, dass sie ihrem Spross für den Znüni im Kindergarten drei verschiedene Verpflegungspakete mitgäben, weil sich der Kleine zu Hause nicht entscheiden könne.

(20 Minuten)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.