Offene Stellen: Zu wenig Arbeitskräfte – wo sind all die Angestellten hin, die nun fehlen?

Aktualisiert

Offene StellenZu wenig Arbeitskräfte – wo sind all die Angestellten hin, die nun fehlen?

Firmen suchen verzweifelt nach Personal. Besonders die Gastrobranche und das Gesundheitswesen leiden. Die Ex-Mitarbeitenden kommen wohl nicht mehr zurück.

von
Fabian Pöschl
Marcel Urech
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Gepäck-Chaos am Flughafen: Das ist auch eine Folge des Personalmangels.

Gepäck-Chaos am Flughafen: Das ist auch eine Folge des Personalmangels.

20min/News-Scout
Zurück zur Swiss wechselten die Leute nur, wenn sie dafür Benefits wie zum Beispiel mehr Lohn erhielten, sagt Personalexperte Marc Koller von Hunter Personal.

Zurück zur Swiss wechselten die Leute nur, wenn sie dafür Benefits wie zum Beispiel mehr Lohn erhielten, sagt Personalexperte Marc Koller von Hunter Personal.

REUTERS
Auch die Gastrobranche leidet stark unter dem Personalmangel. Das ist auch eine Folge von Corona.

Auch die Gastrobranche leidet stark unter dem Personalmangel. Das ist auch eine Folge von Corona.

20min/SonjaMulitze

Darum gehts

  • In der Schweiz ist der Personalmangel so gross, dass er das Wachstum gefährdet.

  • Das hat auch mit Corona zu tun, das bei vielen Arbeitnehmenden zu einem Umdenken geführt hat.

  • Es fehlen zudem Arbeitskräfte aus dem Ausland, und die Baby-Boomer gehen langsam in Pension.

Die Swiss streicht mitten in den Sommerferien Hunderte Flüge, weil das Personal fehlt. Restaurants stehen vor dem Aus, weil sie keine Angestellten finden. Auch auf dem Bau und im Gesundheitswesen gibt es viele offene Stellen.

Die Wirtschaft ist alarmiert. «Firmen suchen händeringend nach Personal», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, zu 20 Minuten. «Der Fachkräftemangel ist neben Lieferengpässen die grösste Gefahr für unser Wachstum.» Es treffe vor allem Firmen, die besonders unter den Corona-Massnahmen gelitten hätten.

Wer in der angestammten Tätigkeit nicht mehr zufrieden ist, finde nun relativ einfach eine neue Stelle. «Es gibt keine Zahlen, wo die Leute hin sind, aber wir vermuten, dass etliche in ihre angestammten Bereiche zurückgegangen sind», so Minsch. Angestellte im Gastgewerbe hätten zuvor beispielsweise eine Ausbildung als Schreinerin oder Dentalhygieniker gemacht und arbeiteten wieder dort.

Gefragte Ex-Swiss-Leute

«Wer Skills hat, findet einen Job», sagt Personalexperte Marc Koller von Hunter Personal. Gefragt seien etwa Leute, die Französisch sprechen. Hier könnten die Ex-Leute der Swiss punkten, die meist Fremdsprachen beherrschen.

Leute aus dem Gastgewerbe hätten Skills im Kundenumgang, das sei vielerorts gefragt. Und wer mit Lebensmitteln umgehen könne, sei auch in der Produktion geeignet. Zurück zur Swiss oder in die Gastronomie werden die Leute nur noch wechseln, wenn sie dafür Benefits wie zum Beispiel mehr Lohn bekommen, ist Koller überzeugt.

Viele sind wohl auch in die Logistikbranche gegangen, zu Onlinehändlern oder zur Post, vermutet Personalexperte Jörg Buckmann. Auch bei der Feuerwehr, bei der Polizei oder bei einfacheren Bürojobs gebe es nun wohl viele neue Angestellte. «Viele haben wegen der Unsicherheit wegen Corona ihrem Job den Rücken gekehrt und sind in typische Quereinsteigerberufe gegangen», so Buckmann.

Hast du seit dem Ausbruch der Pandemie den Job gewechselt?

Der Personalmangel wird noch akuter, ist Buckmann überzeugt. Immer mehr Leute gingen in Pension, während weniger Junge in den Arbeitsmarkt nachkämen. «Die Schere wird immer grösser. Jedes Jahr verlieren wir so eine fünfstellige Zahl an Arbeitskräften», so Buckmann.

Von der Gastro in die Industrie

Auch Mario Ferrigno, Geschäftsführer des Stellenvermittlers Job4You, berichtet von Firmen, die händeringend um Personal kämpfen. Gerade in der Gastrobranche habe es viele Abgänge gegeben.

Das sei nicht verwunderlich, denn in dieser Branche seien viele Menschen unterbezahlt, die Arbeitszeiten lang und die Wertschätzung gering, so Ferrigno. Zahlreiche Arbeitnehmende seien darum zum Beispiel in die Industrie gewechselt, die mit faireren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen locke.

Weniger Bewerbungen aus dem Ausland

Aus der Gastrobranche habe er zudem gehört, dass es früher viele Bewerbungen aus dem Ausland (siehe Box) gegeben habe. Diese würden nun fehlen. Das hänge damit zusammen, dass auch Firmen im Ausland dringend nach Arbeitskräften suchen und diese in ihrer Heimat bleiben oder dorthin zurückgehen.

Zuwanderung löst Problem nicht

Mit Zuwanderung lasse sich das Problem nicht lösen, sagt Economiesuisse-Experte Minsch. «Auch im EU-Raum fehlen die Arbeitskräfte. Das Problem ist nicht auf die Schweiz begrenzt», so Minsch. Wichtige Hebel könnten eine längere Bindung älterer Mitarbeitender oder ein höherer Beschäftigungsanteil von Frauen sein. «Wenn es nur ein paar Prozent mehr wären, hätte das schon einen starken Effekt auf die Wirtschaft», so Minsch. 

Auch im Gesundheitsbereich mangelt es an Personal. Die Corona-Krise habe eindrücklich gezeigt, wie wichtig und gleichzeitig chronisch unterbezahlt und überfordert die Pflegefachleute bereits heute sind, so Ferrigno.

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