Teurer Strafvollzug: Zu wenig Plätze für psychisch kranke Täter
Aktualisiert

Teurer StrafvollzugZu wenig Plätze für psychisch kranke Täter

Es fehlt den Kantonen an Therapieplätzen für den Strafvollzug. Dabei droht eine Kostenexplosion: Der Betrieb der neuen Plätze soll 50 bis 100 Millionen Franken pro Jahr kosten.

von
gbr
Aufenthaltsraum im Sicherheitstrakt des Zentrums für stationäre forensiche Therapie in Rheinau ZH.

Aufenthaltsraum im Sicherheitstrakt des Zentrums für stationäre forensiche Therapie in Rheinau ZH.

Schweizer Gerichte verurteilten zwischen 2009 und 2012 509 psychisch kranke Straftäter zu einer stationären Therapie – die «kleine Verwahrung» boomt, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. In derselben Zeitspanne seien aber nur 146 Häftlinge aus dem Vollzug entlassen worden, was eine Zunahme von 363 Häftlingen ergibt.

Deshalb seien alle Therapieplätze besetzt, die Kantone müssten neue Anstalten aufbauen und in Betrieb nehmen. Gemäss «Tages-Anzeiger» rechnet Experte Benjamin Brägger, ehemaliger Leiter des Neuenburger Amts für Strafvollzug, mit Ausgaben von 250'000 Franken pro Täter und Jahr – bei rund 400 zusätzlichen nötigen Massnahmeplätzen. Die Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) spricht von 200 fehlenden Betten. 50 bis 100 Millionen Franken wird das pro Jahr kosten.

Hohes Sicherheitsbedürfnis kostet

Zwei Gründe werden für den Anstieg der «kleinen Verwahrung» und die zusätzlichen nötigen Plätze in der Zeitung genannt: Erstens erfreue sich die Massnahme bei den Richtern steigender Beliebtheit. Die Zahl der Urteile steigt seit Mitte der 2000er-Jahre an, seit 2008 werden jährlich über 100 Massnahmen ausgesprochen. Strafrechtler Peter Albrecht stellt in der Zeitschrift «Plädoyer» eine «gewisse Masslosigkeit» fest, die Anwendung der Massnahme habe sich «erheblich ausgeweitet».

Zweitens, und damit verbunden, herrsche in der Bevölkerung zunehmend eine «Nullrisiko-Erwartung», so die KKJPD. Freigänge werden gestrichen, Zusatzgutachten bestellt, Verlegungen werden verzögert – «die Behörden sind vorsichtiger geworden», sagt Steffen Lau, der Chefarzt des Zentrums für stationäre forensische Therapie in Rheinau ZH. Benjamin Brägger sagt: «Bei Sexual- und Gewaltstraftätern werden kaum mehr Lockerungen oder Entlassungen gewährt.» Auch deswegen braucht es immer mehr Plätze. Und immer mehr Geld.

Deine Meinung