«Nehmen Schicksal in die eigenen Hände» - Zu wenig Testkapazitäten – Clubs müssen sich selber helfen
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«Nehmen Schicksal in die eigenen Hände»Zu wenig Testkapazitäten – Clubs müssen sich selber helfen

Das Partyleben nimmt am Wochenende richtig Fahrt auf. Weil es den Club-Eintritt nur mit Zertifikat gibt und Testangebote Mangelware sind, springen die Clubs in die Bresche.

von
Christian Holzer
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Lange Schlangen und …

Lange Schlangen und …

20min/Noah Knüsel
…Eintritt nur mit Zertifikat. 

…Eintritt nur mit Zertifikat.

20min/Noah Knüsel
Gemäss Bestimmung des Bundesrates dürfen Tanzveranstaltungen nur für Personen mit einem GGG (Geimpft, Genesen oder Getestet)-Zertifikat durchgeführt werden.

Gemäss Bestimmung des Bundesrates dürfen Tanzveranstaltungen nur für Personen mit einem GGG (Geimpft, Genesen oder Getestet)-Zertifikat durchgeführt werden.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Das Partyleben nimmt wieder Fahrt auf – doch in grösseren Städten mangelt es an Covid-Testkapazitäten.

  • Damit Besucherinnen und Besucher nicht ausbleiben, stellen viele Clubbetreiber eigene Kapazitäten.

  • Die Kantone zählen auf die Impfwilligkeit und Apotheken.

  • Letztere wollen in den nächsten Wochen viele Testmöglichkeiten anbieten.

  • Branchenvertreter sprechen von einer Ungleichbehandlung.

In Basel, Bern, Zürich und vielen anderen Schweizer Städten wird das ÖV-Angebot für Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmer wieder hochgefahren. Kein Wunder: Die meisten Clubs laden heute oder morgen – teilweise gleich an beiden Abenden – zur grossen «Willkommen zurück»-Sause. Trotz der Vorfreude sorgen sich Veranstalter jedoch auch um leere Tanzflächen: Denn gerade junge Schweizerinnen und Schweizer sind zum Grossteil nicht doppelt geimpft und verfügen somit auch nicht über ein Zertifikat. Dieses ist jedoch gemäss Bundesvorschrift für einen Clubbesuch zwingend notwendig. Weil es für Clubbesucherinnen und -besucher gerade in den grösseren Kantonen zu wenig Testkapazitäten gibt, stellen immer mehr Betriebene eigene Angebot auf die Beine – oder wie es Jan Kamarys vom Berner Club Le Ciel ausdrückt: «Wir nehmen unser Schicksal in die eigenen Hände.»

Der Clubbesitzer hat sich entschieden, bereits ab diesem Wochenende Antigen-Schnelltests anzubieten: «Nur so können wir garantieren, dass unsere Gäste sich auf Covid-19 testen lassen können und sie das nötige Zertifikat bekommen, um in den Club zu gelangen.» Während dieses Wochenende nur die Gäste vom Le Ciel in den Genuss des kostenlosen Angebots kommen, soll das Angebot nächste Woche bereits allen Berner Nachteulen zur Verfügung stehen: «Hier muss man jetzt Gas geben. Sonst bleiben die Clubs leer, obschon Partypeople nichts lieber als in den Club möchten.» Andere Locations, wie das Mascotte in Zürich oder die Bar Rouge in Basel, bieten ihren Gästen Tests in Zusammenarbeit mit Apotheken an. Jedoch reichten all diese Kapazitäten nicht aus, sagt Max Reichen, Vizepräsident der Schweizer Bar und Club Kommission SBCK: «Es braucht auf jeden Fall eine Lösung für die nächsten Monate.» Diese Lösung könne nicht auf Kosten der Clubbetreiber gehen: Während der Bund einen Grossteil der Material-Kosten übernimmt, müssen die Clubs jedoch Personalkosten selber tragen. Reichen sieht den Staat in der Pflicht.

Apotheken bereiten Testoffensive vor

Die Kantone, die für den Betrieb der Testzentren zuständig sind, zeigen jedoch keine hohe Bereitschaft dazu. Sie sehen ihren Auftrag derzeit eher im Impfen als im Testen. «Der Kanton sieht keine zusätzliche Unterstützung, wie beispielsweise ein mobiles Testzentrum vor», heisst es etwa bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. In Zürich wurden immerhin die Öffnungszeiten des Testzentrums Kasernenwiese donnerstags bis samstags auf 22 Uhr verlängert. «Ein weiterer Ausbau der Kapazitäten ist derzeit nicht geplant», so Jérôme Weber, Sprecher der Gesundheitsdirektion Zürich. Neben den Testzentren würden beispielsweise auch Apotheken Tests anbieten.

Gemäss des Schweizer Apothekerverbandes Pharmasuisse können derzeit 150 Apotheken Covid-Tests und Zertifikate zur Verfügung stellen. Es sollen jedoch schon bald 400 sein, sagt Vorstandsmitglied Stefan Wild: «Damit wir die offiziellen Zertifikate ausstellen dürfen, braucht es die Bewilligung der Kantone, das ist aktuell der verlangsamende Faktor.» Bereits in zwei Wochen sollen es 320 Apotheken sein, die Zertifikate ausstellen dürfen. Die Betriebe sollen sich jeweils den Bedürfnissen der Nachtschwärmer anpassen: «Sie werden sich teilweise bereits im Club testen lassen können oder in Zelten in der Innenstadt, je nach Standort auch bis weit nach Mitternacht», so Wild.

Es würde mit Hochdruck daran gearbeitet, der Bund gebe ein enormes Tempo vor: «Wir würden uns wünschen, dass der Bundesrat seine Entscheide nicht jeweils 48 Stunden nach Bekanntgabe umgesetzt sehen will.» Ausserdem sei etwas mehr Pragmatismus gefragt: «Jetzt, wo es noch zu wenig Testmöglichkeiten gibt, sollten Partymenschen auch einfach mit ausgedrucktem Negativ-Testergebnis in den Club kommen – nicht nur mit Zertifikat.»

Tanzen nur mit GGG

Gemäss des Entscheid des Bundesrates von 23. Juni dürfen Tanzveranstaltungen (egal ob drinnen oder draussen) ausschliesslich mit dem offiziellen GGG-Zertifikat durchgeführt werden. Heisst: Gäste müssen elektronisch nachweisen können, dass sie entweder an Covid erkrankt und genesen sind (gültig für sechs Monate), geimpft wurden (gültig für zwölf Monate nach zweiter Dosis) oder sie gegen Covid-19 getestet sind (negativer Antigen-Schnelltest gültig für 48 Stunden, negativer PCR-Test gültig für 72 Stunden).

Nur im Club ist das Zertifikat zwingend

Das sieht auch Alexander Bücheli, Sprecher der SBCK so. Einmal mehr erfährt die Club-Branche eine Ungleichbehandlung: «Clubs und Tanzveranstaltungen sind die einzigen Orte in der Schweiz, wo der Zugang nur mittels Zertifikat möglich ist.» Zudem würden noch immer viele Unklarheiten im Raum stehen: «Etliche glauben, dass sie nur nach einer Impfung ein Covid-Zertifikat bekommen.» Die Akzeptanz, das Zertifikat zu nutzen, sei bei jungen Menschen hoch, man dürfe dies auf keinen Fall verspielen: «Auch aus diesem Grund ist es wichtig, dass das Testangebot nicht nur gut ausgebaut, sondern auch kostenlos ist und funktioniert.» Um etwas Aufklärungsarbeit zu leisten, hat die SBCK am Donnerstag eine eigene Kampagne lanciert.

Hier kannst du am Wochenende feiern

Zürich

  • Friedas Büxe (Termine in externer Teststelle)

  • Zukunft

  • Hive (Tests via Apotheke)

  • Mascotte (Testcenter im Club, Termine müssen online gebucht werden)

  • Club Bellevue (Teststation vor Club, keine Anmeldung notwendig)

  • Club Jade (Türöffnung am Samstag, Testcenter vor Club, neben Jade-Gästen können sich alle Ausgehwilligen testen lassen, Termine müssen online gebucht werden)

Basel

  • Bar Rouge (eigene Teststation vor Ort)

  • Nordstern

Bern, Freiburg, Solothurn

  • Le Ciel (Covid-Testteam vor Ort, keine Anmeldung notwendig)

  • Kapitel

  • Du Theatre

  • Gasekessel Biel

  • Kulturfabrik Lyss (Covid-Schnelltest vor Ort, Anmeldung per Mail)

  • Lapart Freiburg

  • Kofmehl Solothurn (Teststation nebenan, Termine müssen online gebucht werden)

Ostschweiz

  • Ivy, St. Gallen

  • Trischli, St. Gallen

  • Alpenchique, St. Gallen (Testkapazität vor Ort)

Zentralschweiz (Test nur via Testzentren)

  • Rok Klub, Luzern

  • Klub Kegelbahn, Luzern

  • Treibhaus, Luzern

  • Skylounge, Zug

  • Chicago Musik Bar und Lounge, Zug

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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