Zu viele Lehrstellen: Zu wenige Lehrlinge - Firmen locken mit Boni
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Zu viele LehrstellenZu wenige Lehrlinge - Firmen locken mit Boni

Ein Smart als Dienstwagen, ein gratis Sprachkurs oder 15'000 Franken beim Abschluss - so locken Firmen Lehrlinge an. Eine Methode, die von Experten verurteilt wird.

von
Tanja Bircher

Lehrlinge sind zurzeit Mangelware. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits gibt es immer weniger Volksschulabgänger. «Seit 2008 sind es im Kanton Aargau beispielsweise 15 Prozent weniger», sagt Lucas Landolt, Geschäftsführer der Pro Lehrstelle AG. Das habe vor allem mit dem Geburtenrückgang zu tun. Andererseits werde es schwieriger, geeignete Bewerber zu finden. «Viele Jugendliche schliessen mit schlechten Noten ab»,erklärt er. Ein zusätzlicher Grund sei, dass motivierte und talentierte Jugendliche sich oft für das Gymnasium entschieden, heisst es beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Schulabgänger bleiben voraussichtlich bis ins Jahr 2018 rückläufig.

Ein Smart als Belohnung

Diese Entwicklung bringt viele Firmen in die Bredoullie, weil ihre Lehrstellen unbesetzt bleiben. Um diesem Zustand Abhilfe zu schaffen, greifen einige zu einem altbewährten Mittel: Sie werben mit Goodies für ihre Ausbildung. Ein Beispiel ist der Gastronomie-Betreiber Marché International mit Sitz in Kemptthal, eine Tochterfirma von Mövenpick. Das Unternehmen wirbt für angehende Systemgastronomie-Fachmänner und -Fachfrauen mit einem Smart als Dienstwagen, Versicherung und Benzin inklusive, wie die NZZ am Mittwoch schreibt. «Dieses Angebot gilt für das letzte Lehrjahr für die Person mit dem besten Notendurchschnitt», sagt Sprecherin Nicole Maissen. Motivation und Belohnung seien die Hauptmotive, natürlich aber gehe es auch um eine Art Anreiz. «Wir spüren einen Rückgang an Bewerbungen.»

Auch bei Swisscom warten Geschenke auf Bewerber. Die Firma bietet den Lehrlingen gratis Sprachkurse an. «Diese werden offeriert, wenn sich ein Lernender für ein Projekt in einer anderen Sprachregion bewirbt oder vielleicht für die Schule noch zusätzlich Unterstützung braucht», sagt Swisscom-Sprecherin Annina Merk.

Kino-Werbespots für angehende Maurer

In gewissen Branchen ist der Lehrlingsmangel grösser als in anderen: «Metzger, Baumeister, Plattenleger und Haustechniker sind Beispiele dafür», so Landolt. Matthias Engel, Sprecher des Baumeister-Verbands sagt, vor allem in der Stadt seien die Lehrstellen schwer zu besetzen. «Wir werben mit dem höchsten Handwerkerlohn im Bauhauptgewerbe, direkt nach der Lehre verdient ein Bauarbeiter bei uns 5500 Franken.» Ausserdem macht der Verband mit Kino-Werbespots auf den Beruf des Maurers und Strassenbauers aufmerksam.

15'000 Franken bei Lehrabschluss

Im Kanton Wallis wurde im Jahr 2012 die Eintrittsprämie für Lehrlinge des Bauhauptgewerbes durch eine Erfolgsprämie ersetzt, die nach bestandener Lehre ausbezahlt wird. «Alle erfolgreichen Absolventen des ersten Lehrgangs erhielten unter dieser Regelung zusammen mit dem Diplom einen Scheck von über 15'000 Franken, davon waren 4000 Franken Bonus», schreibt Serge Métrailler, Sekretär des Walliser Baumeisterverbands.

Mit Goodies und Boni auf Lehrlingfang zu gehen, sei nichts Neues, sagt Landolt. «In den 80-er Jahren hat die Aargauer Kantonalbank jedem ein Töffli geschenkt, der sich für eine Lehrstelle bei der Firma entschied.» Ob das der richtige Anreiz sei, bezweifelt Landolt stark: «Meiner Meinung nach ist das ‹fürd Füchs›, man sollte jemanden einstellen, weil er Interesse am Beruf hat und nicht weil er ein Geschenk will.» Auch Jürg Zellweger vom Schweizerischen Arbeitgeberverband steht dieser Methode skeptisch gegenüber: «Jugendliche sollten sich von solchen Angeboten nicht leiten lassen, sondern einen Beruf wählen, der zu ihnen passt.»

(Video Youtube/Infra Schweiz)

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