Film rüttelt auf: «Zucker ist nicht das einzige Problem»
Publiziert

Film rüttelt auf«Zucker ist nicht das einzige Problem»

Im Film «Voll verzuckert» wird Zucker an den Pranger gestellt. Zu Recht, sagt Ernährungsexperte Nicolai Worm. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.

von
Fee Riebeling
1 / 12
Was Zucker mit uns anstellen kann, hat der Australier Damon Gameau in seinem Dokumentarfilm «Voll verzuckert» gezeigt. Im Selbstversuch hat er dafür diesen Berg Zucker in zwei Monaten zu sich genommen. Und zwar ausschliesslich in Form von als gesund deklarierten Lebensmitteln.

Was Zucker mit uns anstellen kann, hat der Australier Damon Gameau in seinem Dokumentarfilm «Voll verzuckert» gezeigt. Im Selbstversuch hat er dafür diesen Berg Zucker in zwei Monaten zu sich genommen. Und zwar ausschliesslich in Form von als gesund deklarierten Lebensmitteln.

Universum Film
Ein Film-Experiment mit Folgen: So nahm Gameau insgesamt acht Kilogramm zu, bekam Unterbauchfett und seine Leberwerte verschlechterten sich. Auch seine Haut liess zu wünschen übrig, genauso seine Laune.

Ein Film-Experiment mit Folgen: So nahm Gameau insgesamt acht Kilogramm zu, bekam Unterbauchfett und seine Leberwerte verschlechterten sich. Auch seine Haut liess zu wünschen übrig, genauso seine Laune.

Universum Film
Ökotrophologe und Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement überrascht das nicht.

Ökotrophologe und Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement überrascht das nicht.

Sandra Eckhardt

Drei Jahre hat sich der australische Schauspieler und Regisseur Damon Gameau von raffiniertem Zucker ferngehalten. Für seinen Dokumentarfilm «Voll verzuckert – That Sugar Film» änderte er das und ernährte sich zwei Monate lang wie der durchschnittliche Australier: Er konsumierte jeden Tag 160 Gramm Zucker – etwa 40 Teelöffel. Dies nicht pur oder in Form von Süssigkeiten, sondern indem er auf als gesund deklarierte Lebensmittel wie fettarmen Jogurt, Müesli oder Smoothies setzte.

Das Ergebnis liegt nicht nur dem Protagonisten selbst, sondern auch dem Zuschauer schwer im Magen. Denn die künstliche Süsse tut dem menschlichen Körper offensichtlich nicht gut: Gameau nahm acht Kilogramm zu, bekam Unterbauchfett und seine Leberwerte verschlechterten sich. Auch seine Haut liess zu wünschen übrig. Das kommt nicht von ungefähr, sagt Ökotrophologe und Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHPG) in Saarbrücken.

Herr Worm, warum braucht es einen solchen Film?

Er zeigt, dass es schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit hat, wenn man mit zu viel Zucker in eine überkalorische Ernährung rutscht. Aber es stört mich, dass der Anschein erweckt wird, als wäre allein Zucker das Problem. Auch Backwaren aus Weissmehl und andere stärkehaltige Produkte wie Getreide, Kartoffeln, Reis und Pasta sind problematisch. Denn sie sind im Endeffekt auch nur Zucker, beinhalten kaum Ballaststoffe und halten deswegen nicht langfristig satt. Und das führt zum Mehrkonsum, zu Übergewicht und schliesslich zu gesundheitlichen Problemen.

Warum stellt Gameau dann vor allem Zucker an den Pranger?

Zucker hat ein Zusatzproblem. Denn während Stärke zu 100 Prozent aus Glucose besteht, besteht Zucker nur zu 50 Prozent daraus. Die anderen 50 Prozent sind Fructose. Und die kann nur in der Leber verwertet werden. Damit der Körper mit Fructose überhaupt etwas anfangen kann, muss die Leber sie in Glucose umwandeln, die all unsere Zellen verwerten können. Wenn jemand auf einen Schlag viel oder immer wieder Fructose zu sich nimmt, dann überlastet er damit seine Leber. Ist das der Fall, wandelt sie die Fructose in Fett um. Das führt irgendwann zu einer Fettleber.

Wie schlimm ist eine solche?

Die Fettleber führt dazu, dass die Leber Insulin-resistent wird und sich eine Störung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels etabliert. Die Zellen nehmen Insulin dann nicht mehr wahr und produzieren immer weiter Zucker.

Warum ist das schlimm?

Normalerweise ist es die Aufgabe der Leber, in der Nacht, wenn wir nüchtern sind, das Gehirn mit Zucker zu versorgen, damit es weiterarbeiten kann. Und wenn wir dann frühstücken, kommen Kohlenhydrate in den Darmtrakt. In der Folge wird Insulin ausgeschüttet. Das signalisiert der Leber, die Produktion von Zucker einzustellen, weil dieser dann aus der Nahrung kommt. Wenn aber die Leber verfettet ist, dann klappt das nicht mehr. Hinzu kommt, dass auch die Bauchspeicheldrüse verfettet und kein Insulin mehr herstellen kann. Daraus entsteht dann irgendwann Diabetes-Typ-2 (siehe Box 1).

Hat Zucker auch positive Seiten?

Er versüsst das Leben. Es wertet viele Speisen geschmacklich auf. Und auch wenn ich vor allem als Kohlenhydrat-Kritiker bekannt bin, trinke ich meinen Espresso mit Zucker. Auch in meine Tomatensuppe gebe ich jeweils eine Prise. Schliesslich soll man Lebensmittel geniessen können. Es geht nicht darum, Zucker zu verteufeln, denn er ist nicht per se schlecht. Vielmehr geht es darum, die unkontrollierte Zuckerzufuhr in den Griff zu bekommen.

Wie lässt sich das erreichen?

Als Erstes sollte man die Finger von gesüssten Getränken lassen. Es fängt bei einer Apfelschorle an: Wenn sie einen Liter trinken, haben sie einen halben Liter Apfelsaft intus, der den Zucker von etwa zehn Äpfeln enthält. Niemand würde 10 Äpfel am Tag essen – trinken schon. Ich empfehle: Früchte soll man essen und gegen Durst Wasser trinken.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt höchstens sechs Teelöffel Zucker am Tag. Was halten Sie davon?

Ich sträube mich gegen solche Vorgaben. Sinnvoller wäre es, den Menschen aufzuzeigen, dass es vor allem wichtig ist, die Kohlenhydrat- und damit auch die Zuckerzufuhr auf den individuellen Lebensstil anzupassen (siehe Box 2): Jemand, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, benötigt weitaus weniger als ein Hochleistungssportler. Der könnte ohne Kohlenhydrate und insbesondere ohne Zucker nicht die extremen Leistungen bringen, die man von ihm erwartet. Allein dieses kleine Beispiel zeigt: Man muss differenzieren.

Um auf die 160 Gramm Zucker am Tag zu kommen, isst Filmemacher Damon Gameau nicht Fast Food und Süssigkeiten, sondern vermeintlich gesunde Lebensmittel. (Video: Youtube/Universum Film)

Diabetes Typ I und Typ II

Der Diabetes vom Typ I trifft in der Regel junge Menschen. Bei dieser Form der Erkrankung werden die sogenannten Beta-Zellen, die in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) das Insulin produzieren, zerstört. Aus diesem Grund müssen sich diese Patienten das Insulin regelmässig selbst in Form von Spritzen zuführen, um einem erhöhten Blutzuckerspiegel entgegenzuwirken.

Anders ist das beim Diabetes des Typs II, von dem etwa 90 Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind. Durch eine längerfristige, überhöhte Energiezufuhr und andere, noch unbekannte Faktoren, entsteht bei einigen Organen eine Insulin-Resistenz. Diesen Effekt versucht die Bauchspeicheldrüse auszugleichen, indem sie noch mehr Insulin produziert – eine Belastung, der die Insulin-Produzentin nicht ewig standhält: Es kommt zu einer stark reduzierten Insulin-Ausschüttung, der Blutzuckerwert steigt. Diese Form des Diabetes ist auch als Altersdiabetes bekannt. Heute erkranken daran vor allem Übergewichtige – vereinzelt erkranken sogar Kinder an dem durch Ernährungsfehler entstehenden Leiden.

Flexi-Carb (Buch)

So verschieden die Menschen sind, so unterschiedlich müssen sie sich auch ernähren. Davon ist Nicolai Worm überzeugt. Warum es so wichtig ist, die Kohlenhydratzufuhr immer mit dem Lebensstil abzustimmen und wie man das am besten erreicht, schildert er in seinem neuen Buch «Flexi-Carb: Mediterran geniessen. Lebensstil beachten – Kohlenhydrate anpassen. Schlank und gesund bleiben», das im Dezember 2015 im Riva Verlag erscheint.

«Voll verzuckert – That Sugar Film»

Zucker ist weltweit das am weitesten verbreitete Nahrungsmittel. Doch welchen Effekt hat Zucker auf uns? Dieser Frage geht Damon Gameau in «Voll verzuckert» im Selbstversuch auf den Grund. Zudem besucht er Fachleute, Ärzte, Wissenschaftler sowie Zucker-Geschädigte und öffnet dem Zuschauer so die Augen.

«Voll verzuckert – That Sugar Film» kommt am 29. November 2015 in die Schweizer Kinos.

Deine Meinung