Tote Sprayerin: «Züge bemalen ist in der Graffiti-Szene das Nonplusultra»

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Tote Sprayerin«Züge bemalen ist in der Graffiti-Szene das Nonplusultra»

Die Berner Sprayerin Y.A.* (29) kam bei der Flucht vor der Polizei ums Leben. Die Trauer ist gross – doch die Gefahr war bekannt. Ein Graffiti-Künstler erklärt, weshalb er das Risiko weiterhin eingeht.

von
Nicolas Brütsch
Céline Krapf
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Züge zu bemalen sei in der Graffiti-Szene das «Nonplusultra». «Dein Werk wird so von jedem wahrgenommen und du bekommst deinen Respekt», sagt ein Berner Sprayer. 

Züge zu bemalen sei in der Graffiti-Szene das «Nonplusultra». «Dein Werk wird so von jedem wahrgenommen und du bekommst deinen Respekt», sagt ein Berner Sprayer.

20min
In der Nacht auf den Samstag verunfallte am Bahnhof Bern Bümpliz Nord eine 29-jährige Sprayerin. 

In der Nacht auf den Samstag verunfallte am Bahnhof Bern Bümpliz Nord eine 29-jährige Sprayerin.

20min 
Die junge Frau wurde von der Polizei beim Sprayen erwischt und flüchtete. Nach einem Sprung über ein Geländer stürzte sie auf den Kopf.

Die junge Frau wurde von der Polizei beim Sprayen erwischt und flüchtete. Nach einem Sprung über ein Geländer stürzte sie auf den Kopf.

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Darum gehts

  • In der Nacht auf Samstag verstarb eine Sprayerin (29) bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei beim Bahnhof Bümpliz Nord.

  • Schüler und Szene trauern um die Zeichnungslehrerin. Für einige ist klar: Die Polizei sei verantwortlich für den Tod der Frau.

  • «Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert», sagt ein Insider – und erklärt, weshalb er trotzdem weitermacht.

Am Unfallort liegen Blumen, immer wieder verabschieden sich Menschen mit Tränen in den Augen vor Ort von der Verstorbenen: Die Sprayerin Y.A.* (29) kam in der Nacht auf Samstag in Bümpliz BE bei der Flucht vor der Polizei ums Leben. Diese hatte mehrere Personen dabei erwischt, als sie eine Zugskomposition besprühten. Die junge Frau war in der Region als Zeichnungslehrerin tätig, bei Schülern und der Szene ist die Trauer gross.

Natascha (16) ging seit letztem Sommer bei der jungen Frau zur Schule: «Eine tolle, liebenswürdige Person», sagt sie zu 20 Minuten. Die Schulleitung habe am Sonntagabend via Klassenchat über den Vorfall informiert. «Der Schock über ihren Tod ist bei all meinen Mitschülerinnen riesig.» Gerade noch letzte Woche sei sie im Unterricht bei A. gewesen: «Ich kann nicht fassen, dass sie jetzt einfach nicht mehr da ist», sagt Natascha.

Sprayer sei «öfter auf den Gleisen unterwegs als ein SBB-Mitarbeiter»

Der Tod der Lehrerin bewegt auch die Szene. «Das Verhältnis zur Polizei ist in Bern sehr stark
angespannt», schreibt ein Insider auf Anfrage von 20 Minuten. «Gerade beim Sprayen finden seit einigen Jahren regelrechte Hetzjagden statt.» Der Bereich um Bümpliz habe viele Orte mit erheblicher Sturzgefahr. Im Raum Bern sei es bereits mehrfach zu ähnlichen Situationen gekommen – nur mit viel Glück sei niemand dabei gestorben, berichtet ein anderer Insider.

«Am Tod von Y.A. ist die Polizei schuld. Wir Sprayer werden wie Tiere gejagt», sagt ein Berner Sprayer (41) zu 20 Minuten. «Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert.» Er selbst sei «öfter auf den Gleisen unterwegs als ein SBB-Mitarbeiter». Züge zu bemalen sei in der Graffiti-Szene das «Nonplusultra». «Dein Werk wird so von jedem wahrgenommen und du bekommst deinen Respekt», sagt der 41-Jährige. Das kleine Weglein neben den Gleisen, das eigentlich für Bahnarbeiter gedacht ist, sei sein Fluchtweg, falls die Polizei aufkreuze: «Die Züge streifen einen fast, derart nah fahren sie vorbei.»

Weshalb gehen die Menschen dieses hohe Risiko für ein Graffiti ein? «Auf den Geleisen zu malen, gibt Sprayern den Kick. Den brauchen sie», sagt der Berner Graffiti-Fotograf Peter Lauener zu 20 Minuten. «Die Gefahr, von einem Zug überrollt zu werden oder auf der Flucht vor der Polizei zu verunfallen, nimmt man bewusst in Kauf.» Auch der tödliche Unfall werde nichts daran ändern, dass sich Sprayer weiterhin in Gefahr begeben werden, sagt Lauener. «Das gehört einfach dazu.»

Die Berner Kantonspolizei sagt, man habe verhältnismässig gehandelt und die Flüchtenden dazu aufgefordert, anzuhalten. Sie weist auf das laufende Verfahren hin: Unter der Leitung der Regionalen Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland sind Ermittlungen zu den Umständen des Sturzes aufgenommen worden.

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Brauchst du oder braucht jemand, den du kennst, eine Rechtsberatung?

Hier findest du Hilfe:

Reklamationszentrale, Hilfe bei rechtlichen Fragen

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