Aktualisiert 26.10.2010 15:13

Nachtleben

Zürcher Clubs graben sich das Wasser ab

Gleich fünf Zürcher Clubs schossen in den letzten Wochen aus dem Boden. Szenekenner erwarten einen harten Verdrängungskampf.

von
Joel Bedetti
Die Clublandschaft wächst schneller als das Festvolk: Party im inzwischen geschlossenen Rohstofflager.

Die Clublandschaft wächst schneller als das Festvolk: Party im inzwischen geschlossenen Rohstofflager.

Zürcher Partyfreunde haben aufregende Wochen hinter sich: Wer wollte, konnte fast an jedem Samstag die Neueröffnung eines Tanzlokals besuchen. Im Seefeld ging die Edel-Electro-Disco «Encore» auf, in Oerlikon ein Club namens «Franklin». In Zürich West öffnete direkt neben dem «Q» das «Queens» die Pforten, in Albisrieden können Freunde intimer Kellerclubatmosphäre in «Friedas Büxe» das Tanzbein schwingen. Und am kommenden Wochenende feiert der Electro-Grossclub «Pfingstweid», dessen Existenz jedoch nur temporärer Art sein wird, seine erste Party.

Wirklich erklären kann die Häufung auch unter den Zürcher Szenekennern niemand. Man komme halt schnell mal auf die Idee, einen Club zu eröffnen, meint Marc Blindenbacher vom Club «Härterei»: «Das ist nicht wie Flugzeugtriebwerke bauen. Eine Party organisieren kann jeder.»

Eher Künstler als Geschäftsmänner

Laut Alex Flach, der auf kult.ch regelmässig über den neusten Stand des Zürcher Nachtlebens informiert, liegt genau dort der Hund begraben: «Viele der neuen Clubbetreiber haben vorher in etablierten Lokalen Veranstaltungen gemacht. Eine gute Party zu organisieren und einen rentablen Club zu führen sind jedoch zwei Paar Schuhe.» Hinter einigen der neuen Clubs stünden eher Künstler als Geschäftsmänner, meint Flach. «Die haben keinen detaillierten Businessplan und keine Zielgruppenanalyse gemacht, die schauen einfach mal, wie es läuft.»

Das Publikum des Zürcher Nachtlebens wächst zwar beständig. Der stetige Ausbau des ZVV-Nachtnetzes hat bewirkt, dass mittlerweile jedes Wochenende über 30 000 Festfreudige aus der Agglomeration in die Limmatstadt kommen, vor allem am Samstag. «Und auch die neu zugezogenen Deutschen gehen gern in Clubs», sagt Alex Flach.

Halb leere Tanzflächen

Doch nach der jüngsten Gründungswelle, da sind sich alle Angefragten einig, hat das Angebot die Nachfrage endgültig überschritten. «Das sind jetzt ein paar Clubs zu viel», sagt Szene-Urgestein Arnold «Technopapst» Meier. «Jetzt kommt es zu einem Verdrängungskampf.» Meier sieht bereits dessen erste Symptome. «Einige Clubs haben am Freitagabend halb leere Tanzflächen», sagt Meier. Und nur mit den Einnahmen vom nach wie vor guten Samstagsgeschäft zu überleben, sei schwierig.

Martin Frigg, Geschäftsführer des vor kurzem geschlossenen Grossklubs Rohstofflager, ist der Meinung, der Verdrängungskampf habe schon längst eingesetzt. «Weil es für einen Club nichts Schlimmeres gibt als eine leere Tanzfläche, haben viele Besitzer mit langen Gästelisten die Eintrittskultur ruiniert», sagt Frigg. Manchmal frage er sich, wer in dem Geschäft eigentlich noch Gewinn mache.

Zu viele Electro-Clubs

Besonders im Segment von Electro und Minimal-Techno wird ein Wettbewerb mit Opfern erwartet. Der Bereich verzeichnete das grösste Wachstum, auch mit der Gründung von «Exil», «Revier» und «Cabaret» im vergangenen Jahr.

Zwar ist auch die Musik, einst der Sound der «Szenis», beliebter geworden, aber: «Die Clubs sind schneller gewachsen als das Publikum», sagt Arnold Meier. So mussten die Betreiber der 2009 eröffneten, grossräumigen «Alten Börse» nach vier Monaten ihr Konzept ändern, weil man mit Electro und Minimal zu wenig Leute anziehen konnte.

«Spitz auf Neues»

Sarah Bertschinger vom Club «Q» vermutet deshalb, dass nicht alle Anbieter überleben werden. Sie lässt durchblicken, dass die neuliche Umorientierung des «Q» auf R'n'B und Hiphop auch mit dem harten Markt zu tun hat: «Der Druck im Electro-Segment ist sehr hoch.»

Dominik Müller, Mitinhaber des Electro-Flaggschiffs «Zukunft», gibt sich im Hinblick auf die neue Konkurrenz gelassen. «Wir sind nicht in einem geschützten Markt.» Für die erste Zeit prognostiziert er den neuen Clubs Erfolg: «Zürich ist immer spitz auf Neues.» Längerfristig überlebe nur, wer gute Qualität anbieten könne. Auch Müller erwartet in nächster Zeit eine Marktbereinigung: «Das wird wohl nicht ohne Opfer gehen», sagt er.

Die Zürcher Tanzflächen wachsen indes unvermindert weiter: Mitte November soll beim Letzipark der Grossclub «Komplex» eröffnet werden.

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