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Nach der Trauung gabs RimussZürcher Ex-Kokain-Dealer (65) heiratet in Bündner Gefängnis

Reini Lutz ist als Zürcher «Schneekönig» bekannt. Kurz vor Weihnachten hat er seine langjährige Partnerin im Gefängnis geheiratet. Es war die erste Hochzeit in der neuen Strafanstalt Cazis Tignez GR.

von
Stefan Hohler
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Das Hochzeitspaar nach der Trauung im Gefängnis Casiz Tignez im Domleschg GR.

Das Hochzeitspaar nach der Trauung im Gefängnis Casiz Tignez im Domleschg GR.

Sie versprechen der Standesbeamtin in guten und schlechten Zeiten füreinander da zu sein.

Sie versprechen der Standesbeamtin in guten und schlechten Zeiten füreinander da zu sein.

Die Standesbeamtin war für die Unterschrift von Lutz ins Gefängnis gekommen.

Die Standesbeamtin war für die Unterschrift von Lutz ins Gefängnis gekommen.

Darum gehts

  • Reinhard Lutz, bekannt als «Schneekönig», hat im Gefängnis seine langjährige Partnerin geheiratet.

  • Lutz sitzt wegen Drogendelikten noch bis Ende 2023 im Gefängnis.

  • Der 66-jährige Zürcher hat sein halbes Leben hinter Gitter verbracht und schrieb eine Biographie.

Für einmal musste Reinhard «Reini» Lutz an diesem Tag nicht die Sträflingskleider anziehen, sondern konnte sich fein rausputzen: weisses Tommy-Hilfiger-Hemd mit Krawatte und Anzugsjacke, elegante Hose und modische Navyboot-Schuhe. «Es muss einen ordentlichen Eindruck machen», brummt Lutz, jetzt fühle er sich seit langem wieder wie ein «normaler» Mensch. Lutz wird Ende Januar 66 Jahre alt und hat die Hälfte seines Lebens wegen Drogendelikten in Gefängnissen verbracht.

Seine Braut Edith, die mit Reini seit sechs Jahren ein Paar ist, konnte sich vorher in der Toilette noch umziehen und steht nun im kurzen Rotschwarzen und weissem Blumenstrauss vor dem improvisierten Traualtar im Besucherzimmer der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez im bündnerischen Domleschg. Für beide ist es die zweite Heirat. Die Aussicht auf das schneebedeckte 2574 Meter hohe Stätzerhorn wäre atemberaubend, wenn nicht ein hoher Stacheldrahtzaun und eine noch höhere Gefängnismauer nur noch den Blick auf den Berggipfel freigeben.

Augenscan und Temperaturmessung

Die Braut und die Trauzeugen mussten sich im technisch auf dem Höchststand befindlichen Gefängnis zuerst die Temperatur messen lassen, dann folgte ein biometrischer Augenscan bevor sie durch eine Sicherheitsschleuse mit Detektoren passieren konnten und anschliessend von zwei Vollzugsangestellten aufs Genauste gefilzt wurden.

Das Paar lächelte um die Wette, als die Standesbeamtin von Cazis ihnen das Hochzeitsversprechen abnimmt – die erste Trauung im Anfang 2020 neu eröffneten Gefängnis, das direkt neben der Strafanstalt Realta liegt und von aussen an die Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH erinnert. Zu zweit werde man jetzt durch das Leben gehen und vor allem ist Reini Lutz froh, dass ihn jemand an die Hand nimmt und ihm lernen wird, in Zukunft «nein» zu sagen. «Eine Ausnahme wird nur heute an der Hochzeit beim Jawort gemacht», sagt seine 37-jährige frischgebackene ecuadorianische Ehefrau schmunzelnd, aber bestimmt.

Anstossen mit Rimuss

Nach der Trauung darf das Paar mit alkoholfreiem Rimuss anstossen – mit sich und mit den beiden Trauzeugen sowie der Standesbeamtin und der Sozialarbeiterin. «Edith ist in den letzten sechs Jahren immer zu mir gestanden», sagt Lutz. Sie sei die Liebe seines Lebens. Das Paar hat sich kennen gelernt, als Lutz im Hafturlaub im Büro eines Geschäftspartners auf Edith traf und sich in sie verliebte.

Denn nochmals einen Vorfall wie vor zwei Jahren soll es nie mehr geben, als Lutz noch im offenen Strafvollzug einem Bekannten als Freundschaftsdienst ein Kilogramm Kokain vermittelte – ohne dabei etwas zu verdienen, was auch das Gericht irritierte. Lutz kriegte dafür zusätzliche zweieinhalb Jahre und statt der bedingten Entlassung im März 2022 kann er frühsten im November 2023 das Gefängnis verlassen. Bis dahin muss Edith weiter auf ihren Reini warten und wird ihn von Zeit zu Zeit besuchen, wobei die Anreise mit dem Zug vom Wohnort im Kanton Aargau ins Bündnerland jeweils eine Weltreise ist.

Buch über Entstehung der Zürcher Drogenszene

Im Gefängnis, wo Lutz in der Küche arbeitet, hat der Rentner genügend Zeit, sich seinem zweiten Buch zu widmen. Der «Schneekönig», wie er in den Medien heisst, wird über die Entstehung der Zürcher Drogenszene berichten und wie die Justiz mit Drogendealern umgeht. Das Buch sei mit persönlichen Müsterchen versehen, sagt Lutz. Dass er viel zu erzählen hat, bewies Lutz in seinem ersten Buch «Mein Leben als Schneekönig – Knete, Koks und Kanonen». Auf 280 Seiten beschreibt er sein abenteuerliches Leben in der Schweiz und Südamerika.

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