Biologieprofessor - Zürcher Honig mit teils verbotenen Pestiziden belastet
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Biologieprofessor Zürcher Honig mit teils verbotenen Pestiziden belastet

Ein Biologieprofessor untersuchte zwei Stadtzürcher Honige und fand Pestizide, die für Menschen und Bienen gefährlich sein könnten. «Angstmacherei», findet Bauernpräsident Markus Ritter.

von
Leo Hurni
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Wie viel Pestizide finden sich in unseren Lebensmitteln? Biologieprofessor Edward Mitchell hat Honig auf Pestizide untersucht und fand Spuren verbotener Pestizide. 

Wie viel Pestizide finden sich in unseren Lebensmitteln? Biologieprofessor Edward Mitchell hat Honig auf Pestizide untersucht und fand Spuren verbotener Pestizide.

20min/Matthias Spicher
Mitchell fand sogenannte Neonikotinoide. Das sind Insektengifte, die häufig als Spritzmittel eingesetzt werden, da sie Fressfeinde der Pflanzen töten.

Mitchell fand sogenannte Neonikotinoide. Das sind Insektengifte, die häufig als Spritzmittel eingesetzt werden, da sie Fressfeinde der Pflanzen töten.

20min/Matthias Spicher
Das Bundesamt für Landwirtschaft hat deshalb Ende 2018 die drei Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam für die Verwendung im Freiland verboten. Zwei der drei Stoffe konnte Mitchell im Honig nachweisen. 

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat deshalb Ende 2018 die drei Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam für die Verwendung im Freiland verboten. Zwei der drei Stoffe konnte Mitchell im Honig nachweisen.

Boris Müller

Darum gehts

  • Ein Biologieprofessor weist in Honig aus der Stadt Zürich verbotene Pestizide nach.

  • Diese können für Bienen lebensbedrohlich sein.

  • Der Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes sieht die Resultate kritisch.

«In der Stadt sind die Bienen weit weg von Agrarflächen. Trotzdem finden sich im Honig Pestizide. Das ist beunruhigend», sagt Edward Mitchell, Biologieprofessor an der Universität Neuenburg und Komiteemitglied der Pestizid-Initiative. Er untersuchte zwei Honige, die auf Dächern der Stadt Zürich geerntet werden. Gefunden hat Mitchell sogenannte Neonikotinoide (siehe Box). Diese können für Bienen lebensbedrohlich sein.

Verbotene Stoffe gefunden

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat deshalb Ende 2018 drei dieser Stoffe für die Verwendung im Freiland verboten. In Gewächshäusern dürfen sie nach wie vor verwendet werden, behandelte Kulturen müssen aber bis zur Ernte im Gewächshaus verbleiben, heisst es beim Bundesamt. Zwei der drei verbotenen Stoffe, Clothianidin und Thiamethoxam, hat Mitchell jetzt im untersuchten Honig gefunden.

«Es stellt sich natürlich die Frage, wie diese Pestizide in den Honig gelangten», sagt Mitchell. In Zürich gebe es viele bepflanzte Balkone und Dachterrassen. Die Blumen dafür stammten oft aus Gewächshäusern, wo die Stoffe verwendet werden dürften. Der Forscher vermutet, dass die Pflanzen mit solchen Pestiziden besprüht und dann auf den Dächern und Balkonen gepflanzt wurden. Die Bienen haben das Gift dann über den Nektar aufgenommen.

«Resultate muss man in Verhältnis setzen»

Die Resultate der Analyse: Keines der gefundenen Pestizide habe ein Level erreicht, bei dem es gefährlich für Menschen oder lebensbedrohlich für die Bienen sei. Diese essen einen Teil des Honigs, den sie produzieren, stets selber. «Es wurden aber genug Nikotinoide gefunden, dass es die Bienen schwächer macht», so Mitchell.

Auch negative Effekte auf die Menschen schliesst er nicht aus. «Die gefundenen Werte sind zwar unter den Schwellenwerten, doch die Schadstoffe können auch für Menschen gefährlich sein.» So könnte die Entwicklung von Neuronen und Hirnstrukturen, die etwa mit der Lern- und Gedächtnisfunktion in Verbindung stehen, beeinträchtigt werden.

43-fache Menge des europäischen Durchschnitts im Zürcher Honig

Mitchell führte bereits internationale Studien durch, in denen er den Pestizidgehalt in Honigen vergleichen konnte. «Wir untersuchen den Honig, um weltweit Pestizidrückstände vergleichen zu können. An einer einzigen Bienenwabe sind Tausende von Bienen beteiligt. So lassen sich die Ergebnisse besser verallgemeinern», sagt Mitchell.

Der internationale Vergleich zeigt: Bei den Inhaltsstoffen Acetamiprid und Thamethoxam liege der Zürcher Honig weltweit in der oberen Hälfte. Der ebenfalls gefundene Inhaltsstoff Thiacloprid, der von Bienen gut entgiftet werden kann, sticht deutlicher heraus: In einem der beiden Honige wurde 43 Mal mehr davon gefunden als im europäischen Durchschnitt.

Bauernverband sieht Resultate kritisch

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes und selbst Bio-Imker, sieht die Resultate differenziert. «Mit den heutigen Messmethoden findet man praktisch alles. Die Frage ist, ob die Grenzwerte überschritten werden und die Gesundheit von Mensch und Bienen irgendwie beeinträchtigt wird. Entscheidend ist, dass die Kantonschemiker oder das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit die Messergebnisse für die Bevölkerung verständlich einordnen».

Dass die Messwerte klar unterhalb der zulässigen Grenzwerte liegen, ist für Ritter ein weiteres Indiz, dass mit den Ergebnissen hauptsächlich für die Pestizid-Initiative geworben wird. «Das ist ein weiteres Mal Angstmacherei im Abstimmungskampf. Den Leuten muss erklärt werden, wie solche Messwerte zu interpretieren sind. Dabei ist von den Fachleuten die Toxikologie zu beurteilen. Im vorliegenden Fall sind die Grenzwerte deutlich nicht erreicht.»

Der Schutz der Bienen sei wichtig, jede Bienenvergiftung sei eine zu viel. Das ist allerdings sehr selten der Fall. 2020 wies der Bienengesundheitsdienst (BGD) fünf Fälle nach, in denen Bienen aufgrund von Pestiziden vergiftet wurden. «Fünf Vergiftungsfälle bei 195’000 Bienenvölkern schweizweit müssen in eine Relation gestellt werden», so Ritter.

Neonikotinoide

Neonikotinoide sind die weltweit meist eingesetzten Insektengifte. Sie werden häufig als Beizmittel für Saatgut verwendet, aber auch als Spritzmittel eingesetzt. Neonikotinoide hatten lange in der Landwirtschaft den Ruf einer Wunderwaffe, weil sie Fressfeinde der Pflanzen töten, nützliche Insekten aber angeblich verschonten. Mittlerweile zeigt sich aber, dass die Substanzen Bienen und andere Pflanzenbestäuber schädigen können.

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