Alle 10 Tage 22 Franken: Zürcher Kryptowährung Leu soll Ungleichheit bekämpfen
Publiziert

Alle 10 Tage 22 FrankenZürcher Kryptowährung Leu soll Ungleichheit bekämpfen

Alle zehn Tage 22 Franken beziehen: Mit der als bedingungsloses Einkommen konzipierten Digitalwährung Leu will der Verein Encointer das Geldsystem revolutionieren.

von
Daniel Krähenbühl
1 / 4
Der Zürcher Alain Brenzikofer will mit der Digitalwährung Leu ein chancengleiches Geldsystem schaffen, das gleichzeitig die lokale Wirtschaft unterstützt.

Der Zürcher Alain Brenzikofer will mit der Digitalwährung Leu ein chancengleiches Geldsystem schaffen, das gleichzeitig die lokale Wirtschaft unterstützt.

Encointer
In der Bar und im Bücherladen Sphères kann man bereits mit dem Leu bezahlen. 

In der Bar und im Bücherladen Sphères kann man bereits mit dem Leu bezahlen. 

Encointer
Auch beim Openair Wipkingen, das am 17. und 18. Juni stattfindet, kann man an der Bar mit Leu bezahlen. 

Auch beim Openair Wipkingen, das am 17. und 18. Juni stattfindet, kann man an der Bar mit Leu bezahlen. 

Openair Wipkingen

Darum gehts

Lamborghinis, teure Villen und schöne Frauen an Partys unter Palmen: Krypto-Jünglinge stellen ihren vermeintlichen Luxus-Lifestyle oft prominent auf Social Media zur Schau. Der Zürcher Alain Brenzikofer tickt jedoch ganz anders: Mit seiner im Mai lancierten Digitalwährung Leu will er ein chancengleiches Geldsystem schaffen, das gleichzeitig die lokale Wirtschaft unterstützt.

Der Clou: Wer Leu erhalten will, muss lediglich alle zehn Tage an einem Treffen teilnehmen. Bei der sogenannten Zeremonie treffen sich Menschen zeitgleich in Gruppen von rund zehn Personen an verschiedenen Standorten in der Stadt. Dafür erhalten sie 22 Leu, was derzeit 22 Franken entspricht. Noch akzeptieren erst zwei Betriebe im Kreis 5 das neue Zahlungsmittel und setzen so den Wert der Währung fest: Die Bar Sphères und der Lebensmittelhändler Berg und Tal im Viadukt. Aber auch beim Openair Wipkingen, das am 17. und 18. Juni stattfindet, kann man an einer Bar mit Leu bezahlen.

Bei den beiden Betrieben fällt die erste Bilanz positiv aus: «Technisch funktioniert es so einfach wie Twint», sagt András Németh vom Geschäft Berg und Tal. Er habe sich für die Teilnahme beim Projekt entschieden, da es ein soziales Projekt sei, das der Gemeinschaft zugute komme. «Es ist keine Spekulation, sondern kleinteilige Kreislaufwirtschaft.» Bei den Kunden komme es an: «Die ersten Kundinnen und Kunden haben bereits mit Leu bezahlt.» Wie Philipp Probst vom Sphères sagt, habe auch er nur positive Erfahrungen gemacht. «Die Idee dahinter ist sehr spannend und es würde uns freuen, wenn das Experiment langfristigen Erfolg hat.»

Lokales Gewerbe soll profitieren

Wie Brenzikofer sagt, sei er 2018 auf die Idee gekommen, den Verein Encointer zu gründen. «Ich kam zur Einsicht, dass Bitcoin und die meisten anderen Kryptowährungen höchst asozial entworfen sind.» Im Gegensatz dazu soll Encointer globale und lokale Ungleichheit reduzieren und Chancengleichheit fördern – unabhängig von Alter, Geschlecht, Verwandtschaft oder Staatsangehörigkeit.

Weitere Regionalwährungen seines gemeinnützigen Vereins Encointer seien bereits in Basel, Berlin und Buenos Aires geplant. «Die Regionalwährungen soll vor allem dort zum Einsatz kommen, wo viele Menschen kein Bankkonto haben und auch keine Identitätsdokumente.»

Gleichzeitig sollen auch lokale Betriebe vom Leu profitieren, sagt Brenzikofer: «Die angesparten Leu verlieren jede Woche 1,35 Prozent an Wert. Der Leu soll also nicht gespart, sondern benutzt werden.» Das soll wiederum das lokale Gewerbe freuen.

«So selbstverständlich wie Twint»

Und wer bezahlt das Ganze? «Das geniale am Leu ist, dass das Gemeinschaftseinkommen von niemandem finanziert werden muss», sagt Brenzikofer. Der Leu werde – ähnlich wie es Geschäftsbanken tun würden – aus dem Nichts geschöpft. «Der Leu kann aber nur einen Wert haben, wenn verschiedene Gewerbe ihn als Zahlungsmittel akzeptieren und man ihn auch wieder weiterverwenden kann.» Wenn das lokale Gewerbe durch den Leu mehr Umsatz erzielen kann als zuvor, bringe er allen Beteiligten einen Mehrwert.

Einen kommerziellen Zweck verfolge er damit nicht, betont Brenzikofer: «Wir streben nicht nach Gewinn, das Ziel ist es, möglichst vielen Menschen Zugang zu einer Lokalwährung und einem bedingungslosen Einkommen zu ermöglichen.» Auch deshalb werde der Leu – ein Experiment für ein chancengleiches Geldsystem – jetzt der Gemeinschaft übergeben. Wie es weitergeht, sei noch offen: «Vielleicht wird der Leu bald so selbstverständlich wie Reka-Checks oder Twint, wer weiss?»

«Der Leu kann die lokale Wirtschaft beleben»

Deine Meinung

20 Kommentare