Mehr Meldungen im Corona-Jahr: Zürcher Polizei muss täglich 18 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken
Publiziert

Mehr Meldungen im Corona-JahrZürcher Polizei muss täglich 18 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken

Die Kriminalität im Kanton Zürich ist im Corona-Jahr 2020 zwar gesunken. Doch häusliche Gewalt und Raubstraftaten bei Jugendlichen haben markant zugenommen.

von
Thomas Mathis
1 / 4
Die Polizei musste 2020 täglich knapp 18 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. (Symbolbild)

Die Polizei musste 2020 täglich knapp 18 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. (Symbolbild)

Kantonspolizei Zürich
Die Meldungen über häusliche Gewalt sind um sechs Prozent gestiegen. (Symbolbild)

Die Meldungen über häusliche Gewalt sind um sechs Prozent gestiegen. (Symbolbild)

Kantonspolizei Zürich
Sicherheitsdirektor Mario Fehr spricht von einem gravierenden Problem.

Sicherheitsdirektor Mario Fehr spricht von einem gravierenden Problem.

Screenshot Kanton Zürich

Darum gehts

  • Das Corona-Jahr hat die Kriminalitätsstatistik im Kanton Zürich geprägt.

  • Zunahmen gab es insbesondere bei häuslicher Gewalt, Familienstreitigkeiten und Raubstraftaten.

  • Die Jugendkriminalität ist erneut gestiegen.

Die Kriminalität im Kanton Zürich hat sich verändert – das hat Sicherheitsdirektor Mario Fehr vor den Medien gesagt. Anlass war die Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik 2020 am Montag. «Die Zahlen sind das Spiegelbild des Pandemie-Jahrs», sagte er. Die Corona-Krise habe deutliche Spuren hinterlassen. Insgesamt ist die Kriminalität demnach zwar zurückgegangen, aber in den Bereichen häusliche Gewalt und Raubstraftaten gab es einen deutlichen Anstieg.

Die Meldungen über häusliche Gewalt ist 2020 um sechs Prozent gestiegen, bei Familienstreitigkeiten beträgt die Zunahme sogar 29 Prozent. Die Polizei ist gemäss den Zahlen täglich fast 18 Mal ausgerückt, im Vorjahr waren es rund 15 Mal pro Tag. Fehr sprach von einem gravierenden Problem. «Die Menschen waren häufiger zu Hause, was naturgemäss zu mehr Spannungen führte», so Fehr. Die Polizei habe entsprechend reagiert: Es wurden mehr Polizistinnen und Polizisten eingesetzt und die Verfügungen zu Gewaltschutz haben um 13 Prozent zugenommen. «Die Polizei nutzt die Möglichkeiten, um Frauen wirksam vor Gewalt zu schützen.» Zudem wurde die Stopp-Gewalt-gegen-Frauen-Kampagne lanciert.

Steigende Jugendkriminalität

Die Jugendkriminalität ist im Kanton Zürich erneut gestiegen – um zehn Prozent. Besonders hoch ist die Zunahme bei den Raubstraftaten, die um 74 Prozent zugenommen haben. Fehr führt das vor allem auf die eingeschränkten Möglichkeiten für Jugendliche durch die Corona-Massnahmen zurück. «Der Anstieg bei der Jugendkriminalität hat klar mit der Corona-Pandemie zu tun», so Fehr. Die Jugendlichen hätten keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung mehr. Oft seien diese Delikte gegen andere Jugendliche gerichtet. «Es ist deshalb sehr wichtig, dass es trotz Massnahmen vernünftige Freizeitangebote für Jugendliche gibt.»

Christiane Lentjes Meili, Chefin der Kriminalpolizei der Kapo, ergänzte: Die Jugendlichen würden in Gruppen agieren, die bewaffnete Tatausführung habe zugenommen. «Die oft ebenfalls jungen Opfer werden nicht nur mit Köpergewalt oder Messer bedroht, sondern auch konkret verletzt.» Ihnen werde danach etwa Portemonnaie oder Handy weggenommen. Ebenfalls festgestellt wurde eine Zunahme der jungen Intensivtäter. Die Kantonspolizei hat für das laufende Jahr deshalb das Schwerpunktziel, die Jugendkriminalität zu bekämpfen.

Von Grossstadt in die Bezirke

Aussergewöhnlich war das vergangene Jahr auch, weil sich die Straftaten aus der Stadt Zürich in andere Bezirke verlagert habe. Davon speziell betroffen sind Affoltern, Horgen, Meilen und Pfäffikon. «Es gab deutlich mehr in Wohnbezirken, die Stadt Zürich wurde entlastet», sagte Christiane Lentjes Meili, Chefin der Kriminalpolizei der Kapo. Zudem ist die Ausländerkriminalität zurückgegangen. Die Reiseeinschränkungen hätten Schmuggelrouten blockiert und umgeleitet. Abgenommen haben die vollendeten Tötungsdelikte.

In der Stadt Zürich gab es insgesamt einen Rückgang der Kriminalität um 5,3 Prozent. «Das sind die tiefsten Zahlen seit der Harmonisierung der Erfassung im Jahr 2009», sagte Felix Lengweiler, Chef Kriminalabteilung der Stadtpolizei Zürich. Gestiegen sind allerdings die Straftaten in den Bereichen Beschimpfung, Paketdiebstähle und Störung des öffentlichen Verkehrs. Letzteres ist auf die Blockierung der Quaibrücke im Juni durch Klima-Aktivistinnen und Klima-Aktivisten zurückzuführen.

Mehr Gewalt und Drohung gegen Beamte

Eine Zunahme um sogar 45 Prozent gab es beim Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen. Dabei handelt es sich um die Missachtung von Wegweisungen – unter anderem im Zusammenhang mit den Corona-Massnahmen. Als «unerfreulich» bezeichnete Lengweiler die erneute Zunahme im Bereich Gewalt und Drohung gegen Beamte. «Es sind jetzt mehr als ein Vorfall pro Tag», führte er aus. Das betreffe vor allem Mitarbeitende von öffentlichem Verkehr, Sanität, Sozialdiensten und Bundesasylzentrum. «Die Situation gibt zu denken.» Auch Fehr betonte, dass solche Straftaten in jeder Form inakzeptabel seien.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung