Aktualisiert 20.09.2013 22:54

Krieg in Graffiti-SzeneZürcher Sprayer schaffen immer grössere «Werke»

KCBR ist Zürichs bekannteste und berüchtigtste Graffiti-Crew. Letzte Woche hat sich die Bande einen doppelstöckigen SBB-Wagen vorgenommen. Die Bahn ärgert es.

von
Vroni Fehlmann
Mit ihrem neusten Werk erlangen KCBR höchste Beachtung in der Szene.

Mit ihrem neusten Werk erlangen KCBR höchste Beachtung in der Szene.

Grösser, höher, besser: In der Graffitiszene will man mit möglichst spektakulären Werken auffallen. Auch verschiedene Zürcher Crews versuchen sich immer wieder zu übertrumpfen. Diese Woche hat die KCBR-Crew einen Coup gelandet: Sie besprayten einen SBB-Wagen komplett, vom Boden bis zum Dach und vom Anfang bis zum Ende. Für einen solchen Vandalenakt gibt es in der Szene ein Höchstmass an Beachtung, genannt «Fame».

Die SBB ist darüber gar nicht erfreut. «Sprayereien sind eine Sachbeschädigung. Wir bringen jeden Fall konsequent zur Anzeige», erklärt SBB-Sprecher Reto Schärli. Die versprayten Züge würden so schnell wie möglich gereinigt. Die Kosten, welche schnell mal mehrere tausend Franken betragen können, müsse der Verursacher übernehmen. Laut Schärli werden die SBB-Züge überwacht. Doch wie konnten dann Mitglieder einer Sprayercrew unbehelligt einen ganzen Wagen komplett besprayen? Priska Rast, Graffiti-Beauftragte der Stadt Zürich, kennt womöglich die Antwort: «Viele Züge mögen gesichert sein. Doch es wäre zu kostspielig, sämtliche SBB-Züge zu überwachen.»

Feuerlöscher, Wasserpistolen und Farbroller

Dass sich die Mitglieder der Sprayercrews bei ihren Aktionen oft in Lebensgefahr begeben, scheint sie nicht zu abzuschrecken. «Sprayer suchen sich Orte, die möglichst speziell, hoch und sichtbar sind. Sie wollen mit ihren Sprayereien auffallen», erklärt die Zürcher Graffiti-Beauftragte Priska Rast. Dabei gehe es immer um Konkurrenzkämpfe. «Die Szene lebt davon», so Rast. Sie betont aber: «Bei solchen Aktionen stecken teils sehr waghalsige Sprayer dahinter.»

Dafür ist ihnen offenbar jedes Mittel recht: «Auch wenn Spraydosen nach wie vor als Standard gelten, werden in der Szene mittlerweile auch andere Methoden verwendet.» Dazu zählten auch mit Farbe gefüllte Feuerlöscher, grosse Wasserpistolen oder Farbroller an langen Stangen. Damit komme man bei Wänden an viel höhere Stellen, so Rast. Sie betont aber: «Hinter solchen Aktionen stecken Profis.»

«Das sind Anarchisten»

Laut Rast kann man aber nicht von einer grossen Graffitiszene sprechen. «Es gibt viele Splitterszenen, die zum Teil nur wenig miteinander gemeinsam haben. Die mögen sich untereinander teils gar nicht.» Es gebe jene Sprayer, die eine gestalterische Absicht verfolgen – sie wollen kahle Betonwände verschönern oder erschaffen Kunstwerke, die sie dann für Geld verkaufen.

Dann gibt es aber auch Crews, die um jeden Preis auffallen wollen. «Das sind Anarchisten. Denen ist es egal, ob sie etwas zerstören oder nicht», so Rast. Viele davon entstammen der Hausbesetzerszene. Auch «KCBR» gehöre zu dieser Szene. Die Crew ist schweizweit bekannt, im Mai erschien sogar ein Dokufilm über sie. Dazu gibt es ein Buch, herausgegeben vom Verlag des Schauspielers Patrick Frey. Und das Motto von KCBR scheint offensichtlich: Höher, breiter, besser.

In der Zürcher Graffitiszene werden KCBR sogar als «Kings of everything» bezeichnet. Umso weniger verwundert es, dass bei der Stadtpolizei Zürich bereits über 300 Anzeigen eingegangen sind, bei denen der Schriftzug der Crew verwendet worden ist.

«Sprayer zu überführen, ist schwierig. Es kommt selten zu einer Begegnung mit ihnen», erklärt Polizeisprecher Marco Bisa. Eine Verhaftung sei dann möglich, wenn sie inflagranti erwischt werden oder mit Spraydosen und weiteren Utensilien angetroffen werden. Auch Farbspuren an den Händen können ihnen zum Verhängnis werden. «Wird einer verhaftet, wird sein Tag mit anderen, ungeklärten Sprayereien verglichen. Dafür sind meist umfangreiche Ermittlungen nötig», sagt Bisa.

Insgesamt sind im Jahr 2012 bei der Stadtpolizei Zürich rund 2'000 Anzeigen wegen Sprayereien eingegangen. Die Schadenssumme, die diese letztes Jahr verursacht haben, beläuft sich auf etwa 2 Millionen Franken, Tendenz steigend.

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