«Sie war eine streitbare Politikerin»: Zürcher «Stadtmutter» bekommt einen Platz
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«Sie war eine streitbare Politikerin»Zürcher «Stadtmutter» bekommt einen Platz

Emilie Lieberherr, die erste Stadträtin von Zürich wird geehrt: Der «Dennerplatz» im Kreis 5 wird nach der Politikerin benannt.

von
Stefan Hohler
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Emilie Lieberherr spricht 1994 in Bern auf dem Bundesplatz an der Demonstration gegen die Heraufsetzung des AHV-Alters bei den Frauen. 

Emilie Lieberherr spricht 1994 in Bern auf dem Bundesplatz an der Demonstration gegen die Heraufsetzung des AHV-Alters bei den Frauen.

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Die beiden dienstältesten Stadträte Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann 1990 auf einer Wahlkampftour.

Die beiden dienstältesten Stadträte Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann 1990 auf einer Wahlkampftour.

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Emilie Lieberherr begrüsst einen Drogensüchtigen an der offenen Drogenszene am Letten 1995. 

Emilie Lieberherr begrüsst einen Drogensüchtigen an der offenen Drogenszene am Letten 1995.

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Darum gehts

  • Die ehemalige Stadträtin Emilie Lieberherr erhält einen Platz an der Langstrasse im Kreis 5
  • Lieberherr war während 24 Jahren Vorsteherin des Zürcher Sozialamtes
  • Sie prägte die Drogen- und Alterspolitik der Stadt Zürich

Mit der Einweihung des Platzes vor der Dennerfiliale an der Langstrasse am Samstag in Anwesenheit von Stadträtin Karin Rykart (Grüne) wurde ein Postulat aus dem Gemeinderat erfüllt. Die beiden damaligen grünen Gemeinderätinnen Elena Marti und Katharina Prelicz-Huber hatten den Vorstoss letztes Jahr nach dem Frauenstreiktag am 14. Juni eingereicht.

Emilie Lieberherr (1924–2011) kämpfte an vorderster Front für das Frauenstimmrecht. Sie war die erste Stadträtin von Zürich (1970-1994) und sass ebenfalls als erste Frau für den Kanton Zürich im Ständerat. Dass ein Platz an der Langstrasse ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Vor allem in den Kreisen 4 und 5 lebten und wohnte ihre Klientel, welche «S Emilie», wie die beliebte und respektierte Politiker genannt wurde, betreute.

«Verantwortlich für Drogenelend»

Erfreut zeigen sich die Grünen. Initiantin Katharina Prelicz-Huber findet es grossartig, dass die Politikerin nun geehrt wird: «Emilie Lieberherr kämpfte für die Gleichstellung der Frauen, aber ebenso für die Armen oder die Randständigen. Der Ort im Kreis 5 ist sehr passend.»

FDP-Stadtparteipräsiden Severin Pflüger findet es ebenfalls schön, dass die «Stadtmutter» einen Platz erhält. «Sie war eine streitbare Politikerin, aber unabhängig vom parteipolitischem Couleur hat sie eine solche Würdigung verdient.»

Völlig daneben ist die Ehrung mit einem Platz für Mauro Tuena, Präsident der städtischen SVP: «Emilie Lieberherr war als Sozialamtsvorsteherin verantwortlich für die Entstehung der Drogenszene und das Elend an Platzspitz und Letten.» Er kann nicht verstehen, dass Lieberherr nun für ihre gescheiterte Drogen- und Sozialpolitik mit einer Platz geehrt wird.

Zerwürfnis mit der SP

Lieberherrs politische Karriere begann bei der SP. Nach dem Zerwürfnis mit der Partei wurde sie 1982 und 1986 mit Unterstützung des Zürcher Gewerkschaftsbundes in den Stadtrat gewählt. Im Jahr 1990 wurde Emilie Lieberherr aus der Partei ausgestossen.

Zuständig für die Strassenbenennung ist eine gleichnamige Kommission beim Sicherheitsdepartement. Diese Kommission, in der auch die Vorsteherin Einsitz hat, unterbreitet den Vorschlag dem Stadtrat, welcher dem Antrag zustimmen muss. Momentan sei kein weiterer Platz oder Strasse für eine Benennung vorgesehen, heisst es. Geeignete Männer und Frauen hätte es genügend, doch sei der Strassenraum begrenzt.

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