«Das ist moderne Ausbeutung» – Zürcher Start-up schreibt unbezahlte Stelle aus und erntet Shitstorm
Aktualisiert

«Das ist moderne Ausbeutung»Zürcher Start-up schreibt unbezahlte Stelle aus und erntet Shitstorm

Weil ein Start-up auf Freiwilligenarbeit setzt, hagelt es in den sozialen Medien Kritik. Die betroffene Gründerin nimmt Stellung dazu.

von
Lynn Sachs
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Ein Zürcher Start-up setzt auf Freiwilligenarbeit und wird dafür in den sozialen Medien kritisiert. Die betroffene Gründerin nimmt Stellung dazu.

Ein Zürcher Start-up setzt auf Freiwilligenarbeit und wird dafür in den sozialen Medien kritisiert. Die betroffene Gründerin nimmt Stellung dazu.

naanu Foods AG
«Ich habe zahlreiche böse Nachrichten erhalten. Darin wurde ich angefeindet und beschimpft. Das hat mich schockiert», sagt die 26-Jährige. 

«Ich habe zahlreiche böse Nachrichten erhalten. Darin wurde ich angefeindet und beschimpft. Das hat mich schockiert», sagt die 26-Jährige.

Screenshot Twitter
Beim betroffenen Start-up zeigt man sich schockiert über die vielen negativen Reaktionen. 

Beim betroffenen Start-up zeigt man sich schockiert über die vielen negativen Reaktionen.

Screenshot Twitter

Darum gehts

  • Ein Zürcher Jungunternehmen suchte mit einem Online-Inserat nach Freiwilligen.

  • Nicht alle finden das gut. In den sozialen Medien wurde das Thema rege diskutiert.

Kein Lohn, dafür ein Gratis-Mittagessen und die Fahrtkosten werden übernommen: In den sozialen Medien sorgt das Inserat eines Zürcher Start-ups für Kritik. «Manche Start-ups meinen, sie wären ein Religionsersatz. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Firmen meinen, es sei völlig ok, unbezahlte Stellen auszuschreiben», schreibt ein Twitter-Nutzer. Und ein anderer meint: «Das ist moderne Ausbeutung.»

Julia, die Gründerin des Start-ups Naanu, das sich auf die Produktion von veganen Cookies spezialisiert hat, sagt dazu: «Ich habe zahlreiche böse Nachrichten erhalten. Darin wurde ich angefeindet und beschimpft. Das hat mich schockiert.» Auch auf Reddit sei ein regelrechter Shitstorm ausgebrochen. Dabei habe sie nur nach Freiwilligen gesucht, die freitags oder samstags für einen halben oder ganzen Tag als Küchenhilfe in ihrer veganen Cookies-Produktion aushelfen können. Laut Julia haben sich auf das Inserat rund 300 Personen gemeldet. «Wir haben immer wieder Leute, die sich für unser Produkt interessieren und freiwillig mithelfen wollen», erzählt die 26-Jährige.

Als Jungunternehmerin sei sie auf eine solche Unterstützung angewiesen. «Wir stehen noch ganz am Anfang und müssen, wie viele andere Startups auch, Kosten sparen.» Das Ziel sei trotzdem, die Freiwilligen zukünftig zu entlohnen. Laut startups.ch-CEO Michele Blasucci nutzen Jungunternehmen Freiwilligenarbeit nicht nur aus Kostengründen, sondern auch als Erfolgsindikator. «Wenn sich viele Leute dafür interessieren, ein Produkt auch kostenfrei mitzugestalten oder auszuprobieren, dann ist das ein Zeichen dafür, dass ein Produkt auch auf dem Markt Erfolg haben könnte.»

«Freiwillige Arbeit sollte bezahlte Arbeit ergänzen und nicht konkurrenzieren»

Wie Nicole Niedermüller, Sprecherin bei Unia Zürich-Schaffhausen, erklärt, ist das Ausschreiben unbezahlter Stellen per se nicht rechtswidrig. «Freiwillige Arbeit unterscheidet sich aber in Umfang, Aufgaben und Charakter deutlich von bezahlter Arbeit und sollte, wo immer möglich, bezahlte Arbeit ergänzen und nicht konkurrenzieren.»

Seit Jahren stelle die Gewerkschaft mit Sorge fest, dass immer mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Praktikantinnen und Praktikanten als billige Arbeitskräfte anstellen oder unbezahlte Stellen ausschreiben, die sich in Anforderung und Anspruch nicht von denen regulär entlöhnter Beschäftigungsverhältnisse unterscheiden. «Diese Tendenz lässt sich in vielen Branchen nachweisen und trifft beispielsweise auf den Event- und Kulturbereich sowie Startups zu.»

Niedermüller rät Stellensuchenden dringend ab, sich auf Stellen ohne Bezahlung zu bewerben. «Menschen, die eine unbezahlte Stelle diesen Umfangs antreten, verzichten nicht nur auf den Lohn, der ihnen zustünde, sondern auch auf die AHV und eine betriebliche Altersversorgung durch die Pensionskasse des Arbeitgebers.»

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