Zürcher Zwillinge halfen Ärzten
Aktualisiert

Zürcher Zwillinge halfen Ärzten

Dass die Trennung von Siamesischen Zwillingen am Zürcher Kinderspital erfolgreich verlief, lag vor allem daran, dass die Verwachsungen unkompliziert waren. Die Kinder hatten zudem selbst schon vor der Geburt «vorgearbeitet».

Zusammengewachsen waren die Zwillinge an Brustbein und Bauch. Die beiden Lebern waren mit einer Art «Leberzapfen» verbunden. Die Operateure mussten keine komplizierten Organtrennungen vornehmen, wie Martin Meuli, Direktor der Chirurgischen Kispi-Klinik am Freitag vor den Medien sagte. Die sehr guten Erfolgsaussichten ersparten allen Beteiligten zudem schwierige ethische Überlegungen.

Entdeckt worden war die Verwachsung in der 16. Schwangerschaftswoche auf einem Ultraschallbild, wie der Gynäkologe Ernst Beinder vom Universitätsspital sagte. Beinder war im Team aus Spezialisten verschiedener Gebiete mit dabei, das auf die Entdeckung hin zusammengestellt wurde. Immer einbezogen waren die Eltern der Ungeborenen.

«Extrem aufregend»

Die Kinder lagen im Mutterleib Gesicht gegen Gesicht. Was einige Zeit später folgte, war laut Beinder «extrem aufregend und unvorhergesehen»: Einer der Föten hatte sich um 180 Grad gedreht. Jetzt lagen die Kinder «Kopf an Po». Eine solche Drehung sei in der Literatur nirgends dokumentiert, sagte Beinder.

Mit dieser Drehung hatten die Babies für ihre Trennung schon mal tüchtig vorgearbeitet: Die Verdrehung schnürte die Blutversorgung des «Leberzapfens» teilweise ab, die Verbindung wurde schwächer, das Lebergewebe wurde teilweise durch Bindegewebe ersetzt.

In der 35. Woche wurden die Buben per Kaiserschnitt entbunden. Im Kinderspital, damit sie gleich gut versorgt werden konnten. Der erste schrie schon los, als der zweite noch im Mutterleib steckte. «Ein gutes Zeichen», wie Neonatologe Oskar Bänziger anmerkte.

Die beiden hauten sich gegenseitig die Füsse ins Gesicht und nuckelten an den Zehen des jeweils anderen. Nachdem die Untersuchungen gezeigt hatten, dass mit den Kleinen soweit alles in Ordnung war, wurden sie in ein Bettchen gelegt, gut überwacht und fleissig geschöppelt.

Im Alter von einer Woche wurden sie zur Trennung in den Operationssaal gefahren. Das war nach Meuli der frühest mögliche sinnvolle und sichere Zeitpunkt.

Das meiste war anders, als bei anderen Operationen, sagte Anästhesist Markus Weiss: Da lagen zwei Patienten seitlich auf dem Operationstisch, statt wie gewohnt einer allein auf dem Rücken. Man sei schlecht an die Köpfe herangekommen, aber schliesslich schliefen beide Kinder tief.

Bloss zwei kleine Narben

Gute drei Stunden dauerte der detailliert vorbereitete Eingriff. 30 bis 35 Personen waren daran beteiligt, wie Chefoperateur Meuli sagte. «Langsam, bedächtig und besonnen» habe man sich durch die zirka sechs Zentimeter grosse zusammengewachsene Stelle gearbeitet. Die Gewebebrücke wurde mit einem speziellen Gerät versiegelt, so dass es nicht zu Blutungen kam.

Nach der Operation wurden die nun getrennten Zwillinge in der Intensivstation betreut. In den nächsten Tagen werden sie entlassen und dürfen heim. Auf sie wartet laut Meuli ein völlig normales Leben ohne Behinderungen.

Aus kosmetischen Gründen habe man «nabelerhaltend» gearbeitet. So werden am Ende bloss zwei kleine Narben die Kinder an ihren aufregenden Start ins Leben erinnern. (sda)

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