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Zürich: Umstrittener Pasolini-Film darf doch gezeigt werden

Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Pasolini-Film «Salò oder Die 120 Tage von Sodom» krebst die Zürcher Stadtpolizei zurück: Der zuerst verbotene Film darf nun doch gezeigt werden.

Der zuerst verbotene Film darf nun doch gezeigt werden. Man habe den künstlerischen Wert zu wenig gewürdigt, sagt die Polizei.

Sie komme zum Schluss, dass der Film des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini gezeigt werden darf. Bedingung ist das Einhalten der gängigen Altersvorschriften betreffend Jugendschutz, wie die Zürcher Stadtpolizei in einer Mitteilung vom Mittwoch schreibt.

Verschiedene Gespräche und Reaktionen hätten gezeigt, dass die Polizei den künstlerischen Wert offenbar zuwenig gewürdigt habe, heisst es weiter. Dies hätten Gerichtsurteile in den Nachbarländern zu diesem Film bestätigt.

Antifaschismus-Kritik

Pasolinis letzter Film, «Salò», gilt seit seinem Erscheinen im Jahr 1975 als eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte. Wegen der expliziten Darstellung von Gewalt wurde er in vielen Ländern verboten. Für den Kommunisten Pasolini war der Film extremster Ausdruck seiner antifaschistischen Haltung. Als Kritik am Antifaschismus wurde er auch von der Filmkritik gewürdigt.

Die Zürcher Polizei hatte «Salò», der in der St. Jakob-Kirche beim Stauffacher eine Pasolini-Retrospektive hätte beschliessen sollen, am letzten Donnerstag verboten. Wegen seiner Darstellungen von Vergewaltigung, Folter und Szenen mit menschlichen Ausscheidungen stufte sie ihn gemäss Strafgesetzbuch Artikel 197 Absatz 3 als gewaltverherrlichend und pornografisch ein.

Freude im Kino

Obwohl die Film-Verantwortlichen nach einem Gespräch mit der Polizei auf eine Vorführung am Sonntagabend verzichtet hatten, ging von christlichen Fundamentalisten eine Strafanzeige gegen das Kino Xenix ein. Dieses organisierte die Pasolini-Wochen in der Kirche, weil ihr Stammhaus gerade renoviert wird.

Mit grosser Freude nahmen am Mittwochnachmittag die Betreiber des Kinos Xenix den Polizeientscheid auf. Bei einem Weiterbestehen des Verbots hätten sie den Rechtsweg beschritten, erklärte der Kommunikationsbeauftragte des Kinos, Mirko Vaiz, auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Es sei aber sicher die richtige Entscheidung gewesen, den Film am vergangenen Sonntag nicht zu zeigen, sagte Vaiz weiter. Das Xenix will den Film aber noch im Laufe des Jahres zeigen.

Im Einzelfall entscheiden

Gerichte taten sich in der Vergangenheit immer schwer mit Fällen wie dem von «Salò». Grundsätzlich verbietet das Gesetz pornografische Darstellungen mit Kindern, Tieren, Gewalt und menschlichen Ausscheidungen. Eine Ausnahme gilt, wenn das Werk einen schutzwürdigen kulturellen und wissenschaftlichen Wert hat.

Wann dies der Fall ist, kann laut einem Bundesgerichtsentscheid von 2005 nicht allgemeingültig festgelegt werden. Gemäss den Lausanner Richtern liegt es im Wesen der Kunst, dass sie ständig neue Formen annimmt, Normen sprengt und das Bestehende in Frage stellt.

Es sei deshalb nicht möglich, Kunst abschliessend zu definieren. Der Richter habe daher von Fall zu Fall über den kulturellen Wert eines Werkes zu entscheiden. (sda)

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