Bach trocknet aus: Zürich zapft Bach ab, Thurgau verbietet es – «Die Alarmgrenze ist erreicht»

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Bach trocknet ausZürich zapft Bach ab, Thurgau verbietet es – «Die Alarmgrenze ist erreicht»

Die Nachbarkantone Zürich und Thurgau sind sich nicht einig: Während auf der einen Seite ein gemeinsamer Bach abgepumpt wird, wird dies auf der anderen Seite verboten. Der Verein Aqua Viva warnt vor den Folgen der Austrocknung.

von
Vincent Vogler
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Der Geisslibach im April 2021. 

Der Geisslibach im April 2021. 

zVg.
Im Thurgau wird das Gewässer Geisslibach genannt, im Kanton Zürich Mülibach.

Im Thurgau wird das Gewässer Geisslibach genannt, im Kanton Zürich Mülibach.

Screenshot/Google Maps

Darum gehts

  • Ein Bach fliesst vom Kanton Zürich aus durch den Kanton Thurgau in den Rhein.

  • Auf Zürcher Seite heisst er Mülibach, auf Thurgauer Seite Geisslibach.

  • Während das Gewässer in Zürich abgezapft und für die Bewässerung von landwirtschaftlichem Boden genutzt wird, ist dies bei ihren Nachbaren Verboten.

  • Grund ist die Gefahr der Austrocknung aufgrund der momentanen Hitze.

  • Wenn weiter ausgepumpt wird, seien die Folgen für die Ökologie im Bach fatal, erklärt Aqua Viva.

Ein Bach, zwei Namen und drei Parteien: Die Situation an der Kantonsgrenze zwischen Zürich und Thurgau ist speziell. Grund ist ein Gewässer, über dessen Nutzung sich die beiden Kantone uneinig sind. Konkret geht es um den Mülibach, der von Waltalingen ZH knapp drei Kilometer lang durch den Kanton Zürich fliesst , bevor er den Kanton Thurgau erreicht und ab diesem Moment als Geisslibach bezeichnet wird. Dieser fliesst im Thurgau sieben Kilometer lang, bis zur Mündung in den Rhein. 

Damit das Gewässer nicht austrocknet und weil der Bach als wichtiger Lebensraum für gefährdete Äschen und andere Lebewesen dient, gibt es auf Thurgauer Seite keine Erlaubnis, das Wasser für die Bewässerung der anliegenden Landwirtschaft abzuzapfen. Stattdessen werden die Bauern mit einer kilometerlangen Leitung aus dem Rhein versorgt. Anders ist die Gesetzeslage bachaufwärts im Kanton Zürich: Dort darf und wird Wasser für die Bauern aus dem Mülibach entnommen, wie die «Schaffhauser Nachrichten» (Bezahlartikel) berichten.

«Irgendwann ist der Bach weg»

Andri Bryner, Vorstandsmitglied von Aqua Viva und Hydrologe, hält das Verhalten auf Zürcher Seite für kritisch: «Die Wasserschicht im Bach wird immer dünner und dadurch steigt auch die Wassertemperatur immer weiter an.» Dies sei fatal für Fische, die aus dem zu warmen Rhein in den Bach flüchten. «Der Rhein hat teilweise 27 Grad, das ist tödlich für die Äsche und der Geisslibach austrocknet, dann haben sie keinen Rückzugsort mehr», so Bryner.

Doch nicht nur der Fisch leide, die gesamte Ökologie werde früher oder später zusammenbrechen, wenn nicht aufgepasst werde. «Es ist irgendwann kein Bach mehr, sondern eine Kette von Tümpeln», warnt der Hydrologe. Er könne die Situation der Bauern zwar auch verstehen, die Alarmgrenze sei nun jedoch erreicht. 

Bach ist für Bauern essentiell

Heinz Ehmann, Leiter der Abteilung Gewässerqualität und -nutzung im Thurgauer Amt für Umwelt, sagt auf Anfrage, dass man mit den verantwortlichen Personen in Zürich in Kontakt sei. «Wir haben unsere Nachbarn vor rund zwei Wochen darauf aufmerksam gemacht, dass wir im hier auf ein gewässerübergreifendes Wasserentnahme-Verbot zusteuern», so Ehmann. Am 22. Juli ist dieses im Kanton Thurgau in Kraft getreten.

Dass in Zürich dennoch weiterhin Wasser abgepumpt wird, findet Ehmann in Ordnung. «Man kann nur intervenieren, wenn gegen ein Gesetz verstossen wird und das tun sie nicht.» Das betont auch Wolfgang Bollack, Sprecher der Baudirektion im Kanton Zürich: «Der Wasserstand stellt kein Problem dar. Es ist genug Wasser vorhanden.» Ein Verbot halte der Kanton, nach Abwägung der Interessen, für nicht verhältnismässig. «Es hätte den Totalausfall von mehreren Hektaren Gemüsekulturen zur Folge», erklärt Bollack.

Verbot kommt spätestens 2024

Aber: «Die erlaubte Menge an Wasser, welche abgezapft werden darf, ist begrenzt.» Zudem habe man die Sperrzeit für die Wasserentnahme auf 12 bis 20 Uhr verlängert. Ausgenommen ist das Bewässern von Neupflanzungen. Bryner, von Aqua Viva, ist nicht überzeugt, dass diese Massnahmen reichen werden: «Ob dies genügt, den Bach vor einer Schädigung oder sogar dem gänzlichen Kollaps zu bewahren, ist offen.» Die Konzession, die die Wasserentnahme in Zürich gestattet, läuft noch bis 2024. Spätestens dann greift auch dort ein Verbot. 

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