Versuchte Frauentötung: «Zuerst nahm er mir Pass und Handy weg, dann ging er mit dem Messer auf mich los»
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Versuchte Frauentötung«Zuerst nahm er mir Pass und Handy weg, dann ging er mit dem Messer auf mich los»

Jede Woche überlebt eine Frau einen Tötungsversuch, einen sogenannten versuchten Femizid. 20 Minuten gibt diesen Frauen eine Stimme. Eine von ihnen ist Aline (28). Sie überlebte die Hölle in Amerika.

von
Anja Zingg
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Aline (28) wurde von ihrem damaligen Partner fast zu Tode geprügelt. 

Aline (28) wurde von ihrem damaligen Partner fast zu Tode geprügelt.

Privat

Darum gehts

  • Laut eidgenössischem Gleichstellungsbüro erfolgt jede Woche ein Tötungsversuch an einer Frau.

  • Angst und Scham halten die Frauen ab, ihre Geschichte zu erzählen.

  • Fünf von ihnen wollen ihr Schweigen brechen und erzählen bei 20 Minuten, was sie erlebt haben.

  • Eine davon ist Aline(28).

  • Der Liebe wegen ging sie nach Amerika und kam dabei fast ums Leben.

Aline hatte eine schwierige Kindheit und war nach der Lehre unzufrieden mit ihrer Situation in der Schweiz. Da lernte sie online Pablo aus Amerika kennen. Aline spricht mit ruhiger Stimme über das, was sie in einem fremden Land, weit weg von ihrem Umfeld, erlebt hat. Heute kämpft sie sich zurück ins Leben.

«Pablo und ich lernten uns online kennen. Er ist Amerikaner. Wir schrieben über Facebook und ich spürte sofort eine unglaubliche Verbundenheit zu ihm. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Nach vier Monaten reiste ich das erste Mal zu ihm. Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich verwundert, dass ich einfach in ein fremdes Land flog. Aber in dem Moment hatte es sich richtig angefühlt.

Wir verbrachten zwei Wochen miteinander und sie waren wunderbar. Danach besuchte ich ihn so oft wie möglich, mit dem Touristenvisum konnte ich jeweils drei Monate bleiben. Dann ging ich zurück in die Schweiz und sobald es wieder möglich war, beantragte ich ein neues Visum.

Zur Serie

Fünf Frauen berichten

Jede Woche überlebt eine Frau in der Schweiz einen Femizidversuch. Ein Femizid bezeichnet die Tötung aufgrund des Geschlechts. 20 Minuten hat mit fünf Frauen gesprochen, die dem Tod nach einem solchen Angriff knapp entronnen sind. Das sind ihre Geschichten:

Pablo war schon immer sehr besitzergreifend gewesen. Er wies mich zurecht, wenn ich Menschen auf der Strasse grüsste. Aber zu Beginn der Beziehung machte ich mir darüber nicht viele Gedanken, fand die Eifersucht sogar romantisch. Als ich noch dachte, bei uns sei alles perfekt, hatte er mich bereits manipuliert. Er hatte mich isoliert, ausser ihn traf ich niemanden, Freunde hatte ich keine in Amerika. Wir wohnten mit seiner Mutter und wechselnden Mitbewohnern in einem Haus.

Schwere Kindheit

Pablo ist der Sohn von südamerikanischen Einwanderern. Auch er hatte keine einfache Kindheit, seine Mutter hatte einen gewalttätigen Partner. Wurde Pablo laut oder aufbrausend, tat ich das oft als Temperament ab.

Pablo hatte inzwischen keinen Job mehr. Er hat seine Stelle gekündigt, mit der Begründung, er könne mir nicht vertrauen, wenn er bei der Arbeit sei. Wir lebten also von meinen Ersparnissen. Am Anfang zahlte ich noch Miete für eine Wohnung in der Schweiz und andere laufende Kosten wie Krankenkasse.

Der erste Schlag

Wenn ich doch mal ohne ihn raus ging, musste ich immer den ganzen Hin- und Rückweg mit ihm telefonieren und den Weg filmen. Als ich eines Tages nach Hause kam, sass er am Tisch und sagte, er habe gehört, dass ich auf dem Heimweg mit jemanden gesprochen hätte, wer das sei. Ich versicherte ihm, dass ich lediglich den Taxifahrer gegrüsst habe, doch er glaubte mir nicht. Pablo wurde laut und schrie, ich sei undankbar. Aus dem Nichts schlug er mich das allererste Mal.

Ich war völlig perplex, trotz allem habe ich das nicht kommen sehen. So überraschend der Schlag war, so schnell wechselte seine Stimmung. Er sank vor mir zusammen, fing an zu weinen und entschuldigte sich. Danach war drei Tage alles perfekt. Er war der beste Partner, den man sich vorstellen kann, war liebevoll, machte mir Komplimente. Aber dann fing es wieder von vorne an.

Die Gewalt eskaliert

Er schlug mich oft, aber an den Tagen, an denen es lebensgefährlich wurde, veränderte sich seine Ausstrahlung, sein Blick, sogar seine Stimme. An einem Abend kam er mit dem Messer auf mich zu. Er war in diesen Momenten immer völlig ruhig. Mit Müh und Not überzeugte ich ihn, das Messer wegzulegen, was er auch tat. Als würde ein Schalter umgelegt, rastete er aus und prügelte Stunden auf mich ein. All das passierte im Haus, wo auch seine Mutter wohnte. Sie tat, als höre sie nichts. Einmal sagte ich ihr direkt, dass ihr Sohn mich schlage. Sie meinte bloss, aber er liebt dich doch so sehr.

Mehrere Male prügelte er wie im Wahn auf mich ein. Einmal warf er mir Vasen und Bücher an den Kopf, ich bangte mehr als einmal um mein Leben. Sobald er abliess, tat ihm alles fürchterlich leid. Ich war inzwischen völlig isoliert, Pablo nahm mir den Pass und das Handy ab. Ich konnte niemanden mehr in der Schweiz kontaktieren und auch meine Wohnung und Rechnungen nicht mehr zahlen.

«Kommen Sie schnell, sonst sterbe ich»

Es verging nicht viel Zeit, da rief mich Pablo an. Seine Stimme tönte wie an jenem Abend mit dem Messer. Er kam ins Haus und ich verschwand mit meinem Handy ins Badezimmer. In diesem Moment wusste ich, heute werde ich sterben. Ich wählte den Notruf und sagte: “Kommen Sie schnell, sonst werde ich sterben.”

Innert kürzester Zeit kamen sieben Streifenwagen. Während Pablo ungeduldig an die Badezimmertüre klopfte, verschafften sich bewaffnete Polizisten zutritt. Pablo wurde verhaftet, ich machte eine Aussage und kam in ein Frauenhaus.

Pablo konnte am selben Tag wieder nach Hause. Am zweiten Tag im Frauenhaus habe ich ihn so sehr vermisst, dass ich wieder zurückkehrte. Diese Beziehung war für mich wie eine Sucht. So ging das noch zwei weitere Male, ich floh ins Frauenhaus und kehrte nach kurzer Zeit zu ihm zurück. Auch im Frauenhaus sagten sie mir: “Aline, du wirst sterben, verlass ihn.” Aber ich konnte nicht.

Flucht aus den Staaten

Erst beim dritten Anlauf gelang es mir. Pablo vertraute mir mittlerweile so fest, dass ich meinen Pass zurückbekommen hatte. Heimlich organisierte mir das Frauenhaus einen Flug in die Schweiz, ein Verwandter übernahm die Kosten. Pablo ging an jenem Morgen aus dem Haus, ich wartete, bis auch seine Mutter weg war und bestellte mir ein Taxi. Erst als ich am Flughafen durch den Sicherheitscheck war, glaubte ich daran, tatsächlich wegzukommen. Aber innerlich hat es mich zerrissen, nach wie vor liebte ich seine liebevolle Art so sehr und gleichzeitig wusste ich, dass ich sterben werde, wenn ich bleibe.

Zurück in der Schweiz musste ich bei Null anfangen. Da Pablo mir alles genommen hatte, hatte ich meine Wohnung in der Schweiz verloren und Schulden bei der Krankenkasse.

Ich bin seit rund eineinhalb Jahren wieder in der Schweiz und kämpfe darum, mir mein Leben wieder aufzubauen. Ich bin nach wie vor noch am Schulden abbezahlen. Aber ich bin auch stolz, dass ich den Weg aus dieser Beziehung geschafft habe.»

Um die Frauen zu schützen wurden einige Punkte in ihrer Biografie geändert.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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