Aktualisiert 02.12.2019 13:17

Reise in den Süden

Zug fährt erst weiter, wenn 40 Passagiere aussteigen

Aus Sicherheitsgründen bittet die SBB Dutzende Passagiere, in Arth-Goldau auszusteigen. Bei den Passagieren ist der Ärger gross.

von
B. Zanni
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Die Züge von  Zürich ins Tessin waren am frühen Samstagmorgen, 5. Oktober, völlig überfüllt.

Die Züge von Zürich ins Tessin waren am frühen Samstagmorgen, 5. Oktober, völlig überfüllt.

Leser-Reporter
Mehrere Personen wurden gebeten, auszusteigen, wie Leserreporter berichten.

Mehrere Personen wurden gebeten, auszusteigen, wie Leserreporter berichten.

Leser-Reporter
«Kurz vor der Haltestelle Zug wurden wir darüber Informiert, dass alle Reisenden ohne gültige Reservierung dort aussteigen müssen und den nächsten Zug eine halbe Stunde später nehmen müssen», berichtet eine genervte Leserin.

«Kurz vor der Haltestelle Zug wurden wir darüber Informiert, dass alle Reisenden ohne gültige Reservierung dort aussteigen müssen und den nächsten Zug eine halbe Stunde später nehmen müssen», berichtet eine genervte Leserin.

Keystone/Gaetan Bally

Vielerorts starteten am Samstag die Herbstferien. Leser-Reporterin A.B.* wollte mit einem Tagesausflug ins italienische Como dem tristen Wetter in der Nordschweiz entfliehen. Als der Eurocity in Arth-Goldau hielt, überraschte sie die darauffolgende Durchsage. «Der Zug war bumsvoll, sodass die Durchsage kam, der Zug fahre nicht weiter, falls hier nicht 30 bis 40 Leute aussteigen», berichtet die 59-Jährige 1.-Klass-Passagierin.

Als Alternative sei diesen Passagieren ein Zug angeboten worden, der eine Stunde später in Lugano eintreffen sollte. «Ich empfand diese Durchsage als Nötigung. Ich hätte erwartet, dass die SBB auf den Ferienverkehr vorbereitet ist», sagt B. Da der Zug weitergefahren sei, nehme sie an, dass genügend Passagiere ausgestiegen seien. «Aber liebe SBB, gute Planung sieht anders aus. Wie wär es mit Entlastungszügen?», kritisiert die Leser-Reporterin.

«Es hat uns abgelöscht»

Y.Z.* erlebte eine Stunde später in Arth-Goldau dieselbe Durchsage. «Es hiess, dass 30 bis 40 Leute aussteigen müssen, ansonsten könne der Zug aus Sicherheitsgründen nicht durch den Gotthard Basistunnel fahren», sagt Z. Sie und ihre Begleiterin seien der Aufforderung gefolgt.

Eigentlich hätten sie einen Ausflug auf den Monte Brè in Lugano machen wollen, so die 51-Jährige. «Mit dem Chaos hat es uns aber abgelöscht. Wir fahren nun wieder nachhause und verdauen den Frust mit einem Fondue.» Sie sei enttäuscht. «Ich fahre seit 40 Jahren ÖV – sowas habe ich noch nie erlebt!»

«Die Stimmung ist angespannt und aggressiv»

Auch S.R.* ist vom Zug-Chaos betroffen. «Eine Frau diskutierte heftig mit dem Kontrolleur und gab ihm die Schuld an der Überfüllung des Zuges. Die Stimmung momentan im Zug ist angespannt und agressiv. Es wird gedrängelt, geschubst und lautstark diskutiert», erzählt die 16-Jährige.

In Rotkreuz ZG war den Reisenden laut R. mitgeteilt worden, dass mindestens 30 Personen pro Waggon den Zug verlassen müssten. Da offenbar nicht genügend Passagiere der Durchsage gefolgt seien, habe der Zug nicht durch den Basistunnel fahren können. «Unser Zug fährt nicht bis nach Lugano. Bellinzona wird unsere Endstation sein.» Vor allem für Gruppen, die reserviert hätten, sei dieser Zugausfall ein Problem.

Auch A.D.* klagt, dass der Intercity nach Lugano überfüllt sei. «Das Restaurant und die erste Klasse sind sind voll. Leute müssen auf dem Boden sitzen.»

Reservierungen seien nötig

Die SBB begründet die Aufforderungen zum Aussteigen mit Sicherheitsbestimmungen für den Gotthardtunnel. «Wir riskieren keine Menschenleben. Unser Zugpersonal ist verpflichtet, jederzeit alle Durchgänge und Notausgänge freizuhalten. Das ist nur bis zu einer Belegung von 140 Prozent möglich», sagt Mediensprecher Daniele Pallecchi. Die Passagiere, die den Zug verlassen, erhielten einen Konsumationsgutschein von fünf Franken.

Die SBB ruft Reisende dazu auf, in der Ferienzeit wie auch an Feiertagen und Wochenenden die Auslastung der Züge mit einer Fahrplanabfrage zu kontrollieren und allenfalls Platzreservierungen zu tätigen. Die Reservationsgebühr könne beim Service-Personal im Speisewagen an Zahlung gegeben werden, wenn ein Platz im Speisewagen reserviert werde.

Der Einsatz von Entlastungszügen in den Süden ist laut Pallecchi nicht unendlich möglich. «Jedes verfügbare Rad rollt an diesem Wochenende. Doch länger als 400 Meter kann ein einzelner Zug leider nicht werden.»

*Name der Redaktion bekannt.

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