Zug hatte bereits vor der Horrorfahrt Probleme

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Zug hatte bereits vor der Horrorfahrt Probleme

Beim schwersten Zugunglück in der Schweiz seit zwölf Jahren und einem der ungewöhnlichsten überhaupt sind bei Thun drei Bahnfachleute ums Leben gekommen. Der Bauzug hatte offensichtlich schon zu Beginn seiner Fahrt Probleme mit den Bremsen. Deshalb legte er in Frutigen einen nicht eingeplanten Halt ein.

Verzweifelt versucht die dreiköpfige Besatzung, ihren Zug anzuhalten. Doch die Bremsen versagen. Immer schneller donnert der Zug von Frutigen aus das Kandertal hinunter. Über Funk schlagen die Männer beim Stellwerk Alarm.

Jetzt steht der Fahrdienstleiter vor einem dramatischen Entscheid: Kann er seine Kollegen retten, wenn er sie weiterrasen lässt, oder bringt er damit weitere Menschen in Gefahr? In der Not beschliesst er, sie auf eine Eisenbahnbaustelle in Thun auffahren zu lassen. Dort kracht der Geisterzug mit enormer Wucht in zwei Materialwagen. Die glühenden Wracks schlittern noch 200 Meter weiter übers Gleis. Dann prallen sie auf einen stehenden Bauzug.

Feuerwehrkommandant Daniel Hürzeler stiess auf ein Bild des Grauens: «Zwei Tote fanden wir auf dem Bahntrassee, der dritte lag weiter vorn unter einem Wagen.» Bei der verunglückten Zugsbesatzung handelt es sich um einen 41- und einen 55-jährigen Oberwalliser sowie einen 46-jährigen Deutschen. Möglicherweise haben sie im letzten Moment noch versucht vom Zug zu springen.

«Der Fahrdienstleiter hat einen mutigen Entscheid getroffen. Die Untersuchung wird zeigen, ob er richtig gehandelt hat», sagt BLS-Direktor Mathias Tromp. Auf der Strecke gebe es keine Sicherheitsprobleme, obwohl es in Thun schon vor kurzem zu einem Unfall kam.

Patrick Marbach

Die schwersten Zugunglücke in der Schweiz

Der Zusammenstoss zweier Bauzüge bei Thun-Dürrenast mit drei Toten ist das folgenschwerste Zugunglück in der Schweiz seit zwölf Jahren. Nachstehend eine Chronik der schweren Bahnunfälle in der Schweiz:

- 24. Februar 2004: Beim Zusammenstoss eines Unimogs mit einem Regionalzug auf einem unbewachten Bahnübergang bei Walterswil (SO) kommen zwei Arbeiter des Winterdienstes ums Leben.

- 24. Oktober 2003: Der seitliche Zusammenstoss zweier Schnellzüge in Zürich-Oerlikon fordert einen Toten und 45 Verletzte.

- 7. August 2003: Beim Zusammenstoss zweier Personenzüge der Berner-Oberland-Bahnen (BOB) in Gsteigwiler (BE) stirbt ein Passagier an den Folgen der Verletzungen. 63 Menschen werden verletzt.

- 1. Dezember 2002: 38 Menschen werden verletzt, als ein Extrazug der Rorschach-Heiden-Bergbahn in Wienacht-Tobel (AR) wegen einer falsch gestellten Weiche auf einen Prellbock auffährt.

- 21. Februar 2002: Beim Zusammenstoss eines Güterzugs mit einer Rangierlok in Chiasso kommen die beiden Lokführer ums Leben; fünf weitere Menschen werden verletzt.

- 6. Juni 2000: Die Kollision eines Regionalzugs der Regionalverkehr Mittelland im luzernischen Hüswil mit einem Güterzug fordert einen Toten und drei Verletzte.

- 1. November 1999: Beim Zusammenstoss eines Regionalzugs mit einem Schnellzug im Bahnhof Bern-Weissenbühl kommen zwei Menschen ums Leben. Mehr als 50 Passagiere werden verletzt. Der Lokführer des Regionalzugs übersah ein Rotlicht.

- 23. September 1994: Ein Rangierzug rammt in Payerne (VD) auf einem Bahnübergang einen Schulbus. Ein Kind stirbt, acht weitere werden verletzt.

- 21. März 1994: Der Ausleger eines SBB-Schienenkrans schlitzt bei Däniken (SO) einen Schnellzug seitlich auf. Neun Passagiere kommen ums Leben, 19 weitere werden zum Teil schwer verletzt.

- 8. August 1992: Beim Bahnhof Zürich-Oerlikon stossen ein S-Bahn-Zug und ein Intercity seitlich zusammen. Ein Passagier kommt ums Leben, acht weitere werden zum Teil schwer verletzt.

- 16. Februar 1990: Drei Menschen werden getötet und zwölf weitere verletzt, als der Eurocity Mailand-Paris im Bahnhof von Saxon (VS) auf einen Bauzug der SBB auffährt.

- 24. August 1988: Bei einer Frontalkollision zweier Züge der Waldenburg-Bahn in Liestal (BL) sterben zwei Menschen und 14 weitere werden verletzt.

- 14. September 1985: In Bussigny (VD) kommen beim Zusammenstoss des Regionalzugs Lausanne-Genf mit zwei Lokomotiven fünf Menschen ums Leben; 56 Passagiere werden verletzt.

- 26. April 1985: Vier Menschen sterben beim Zusammenstoss zweier Züge der Privatbahn «Regionalverkehr Bern-Solothurn» bei Deisswil (BE), 16 Personen werden verletzt.

- 1. September 1984: Beim Frontalzusammenstoss zweier Züge in Martigny-Bourg (VS) werden sechs Personen getötet und 24 verletzt.

- 18. Juli 1982: Bei der Kollision eines Güterzuges mit dem Nachtschnellzug Dortmund-Rimini bei Othmarsingen (AG) werden sechs Personen getötet und ebenso viele verletzt.

- 12. September 1982: Ein mit deutschen Reisenden besetzter Bus wird auf dem Bahnübergang von Pfäffikon (ZH) von einem Regionalzug erfasst. 39 Insassen des Busses kommen ums Leben.

- 14. Februar 1976: Bei einer Frontalkollision zweier Züge auf der Schmalspurstrecke Yverdon-Sainte-Croix kommen sieben Personen ums Leben, 40 weitere werden verletzt.

- 23. Juli 1976: In der Nähe von Brig entgleist der «Riviera-Express» Ventimiglia - Amsterdam/Dortmund. Sechs Menschen sterben.

- 8. September 1976: Eine SBB-Lokomotive fährt bei Dietikon (ZH) in eine Gruppe von Geleisearbeitern. Sechs Menschen sterben.

- 18. Januar 1971: Zwei Züge des sogenannten «Goldküstenexpress» prallen wegen technischer Defekte und Fehlern von Stationsbeamten zwischen Herrliberg und Feldmeilen (ZH) zusammen. Sechs Personen sterben, 17 werden verletzt.

- 24. Juni 1968: Ein Extrazug mit rund 300 Mitgliedern der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Reiden (LU) kollidiert bei Saint Leonard (VS) mit einem entgegenkommenden Güterzug. 13 Menschen sterben, 103 werden verletzt.

- 1. Mai 1952: Ein «Roter Pfeil» der SBB prallt bei Villeneuve (VD) auf einen leer stehenden Personenzug. Dabei werden drei Menschen getötet; 26 werden verletzt.

- 1948: Ein Ski-Zug aus Einsiedeln krachte wegen falsch gestellter Rekuperationsbremse (Krokodil-Lok) praktisch

ungebremst in das Gebäude der Obst- und Weinbaugenossenschaft. Die Weiche wurde wegen eines Zuges der von Pfäffikon SZ kam umgestellt, um ein noch viel grösseres Unglück zu vermeiden. 22 Tote. (Quelle: Max Wohlwend.)

- 13. Dezember 1932: Der Lokalzug Luzern-Meggen stösst mit dem internationalen Schnellzug Stuttgart-Zürich-Luzern im Gütschtunnel vor Luzern zusammen. Dabei werden sechs Menschen getötet und rund ein Dutzend verletzt.

- 23. April 1924: In Bellinzona stossen zwei Schnellzüge zusammen. Der Unfall fordert 14 Tote und zahlreiche Verletzte.

- Das schwerste Unglück in der Geschichte der Schweizer Eisenbahnen ereignete sich am 14. Juni 1891: Bei Münchenstein (BL) stürzte die Eisenbahnbrücke über der Birs ein, als sie von einem Personenzug befahren wurde. 72 Menschen starben; 130 wurden verletzt.

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