Reisetrends: «Zukunft liegt im Soft-Adventure-Bereich»
Aktualisiert

Reisetrends«Zukunft liegt im Soft-Adventure-Bereich»

Eine neue Studie zeigt, was Schweizern heute in den Ferien wichtig ist. Und was zählt in 30 Jahren? Jetten wir dann ins Weltall? 20 Minuten Online sprach mit Tourismusexperte Hansruedi Müller.

von
R. Nicolussi
Damit sollen Raumfahrttouristen ins All: Virgin Galactic Spaceship II bei einem Testflug im vergangenen Oktober.

Damit sollen Raumfahrttouristen ins All: Virgin Galactic Spaceship II bei einem Testflug im vergangenen Oktober.

20 Minuten Online: Herr Müller, in den 1970er-Jahren waren Ferien am Mittelmeer schon eine grosse Sache. Heute ist es möglich, für verhältnismässig wenig Geld rund um die Welt zu jetten. Wohin werden wir in 20 Jahren reisen?

Hansruedi Müller*: Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Beliebtheit von Bergferien weiter steigen wird. Das hängt mit der Klimaveränderung zusammen. Wenn es in den Städten und am Mittelmeer zu heiss wird, werden die Menschen in die Höhe ziehen. Der Begriff «Sommerfrische» dürfte dann ein Revival erleben.

Sie kommen mit einem Ausdruck aus dem 19. Jahrhundert und ich dachte schon, Sie würden mir jetzt etwas von Ferien auf dem Mond erzählen.

Auch das wird es geben. Ob es dann der Mond sein wird oder einfach die Reise zu einem Hotel im All, wird sich zeigen. Bei gewissen Reiseveranstaltern kann man sich jedenfalls bereits heute für solche Reisen auf eine Liste setzen lassen. Und das, noch bevor klar ist, wohin die Reise gehen wird.

Elf Prozent der 25- bis 34-Jährigen sind gemäss dem Kuoni-Ferienreport 2011 der Meinung, dass in zehn Jahren eine Reise zum Mond ein wichtiger Reisewunsch sein wird. Ist das der Markt der Zukunft?

Das kann man so nicht sagen. Wir sprechen hier von einem Nischenmarkt.

Virgin Galactic : le premier vol

Und wie sehen Sie die Zukunft für Seniorenreisen? Schliesslich wird die Gesellschaft immer älter.

Die Tourismusbranche wird sich der demographischen Entwicklung anpassen. Sprich: es werden eher Produkte für gemächlichere Ferien entstehen. Sogenannte Seniorenreisen – die man beim Vermarkten selbstverständlich nie so nennen darf – werden an Bedeutung gewinnen. Neben Wander- und Veloferien wird es in der Tendenz vor allem mehr Ferien mit Aktiverholung und medizinischer Betreuung geben.

Wellness- und Wanderferien sind bereits jetzt und auch bei den Jungen sehr beliebt. Nichts Neues im Urlaub 2031?

Sie können davon ausgehen, dass da noch Dinge erfunden werden, die heute niemand kennt. Aber auch bestehende Ferienformen können plötzlich wiederentdeckt werden. Gerade am Beispiel Wandern kann man sehen, wie unvorhersehbar das ist. Wandern war lange out und ist jetzt total in.

Wird der Abenteuer-Urlaub zunehmen?

Hard-Adventures, also Bodyflying oder Hochgebirgstouren auf einen 8000er, werden immer nur ein Nischengeschäft bleiben. Was sich geändert hat, ist die Wahrnehmung. Wenn Globetrotter heute eine solche Tour macht, dann wissen es nachher alle, dabei waren aber nur 20 Personen. Das liegt an der Art, wie darüber kommuniziert wird. Eine Zunahme sehe ich jedoch bei Abenteur-Reisen mit geringem Risiko, also zum Beispiel Reisen quer durch Mauritius. Ich würde sogar sagen, die Zukunft liegt in diesem Soft-Adventure-Bereich.

Ein Schweizer Reisebüro bietet seit Neustem für 33 000 Franken einen Trip durch Irak, Iran und Afghanistan an. Werden Ferien in Kriegsgebieten mehr als ein Nischenmarkt?

Da sehe ich kein Potenzial. Wo es grosse Gefahren gibt, wollen die Touristen in der Regel nicht hin. Das Gleiche gilt für Länder, in denen grosse Armut oder Wasserknappheit herrscht. Wasser und Tourismus liegen nahe beieinander. Touristen wollen Duschen und genügend sauberes Wasser zur Verfügung haben. Länder wie Äthiopien und der Tschad werden daher wohl nie die grossen Touristenströme anziehen.

Andererseits erfreuen sich Reisen mit politischem Hintergrund grosser Beliebtheit.

Das stimmt. Gerade Reisen der vom Journalisten Erich Gysling mitbegründeten Background Tours sind sehr populär. Dass man mit einem Guide reist, der gute Beziehungen zu einem Land hat, wird zunehmen, besonders wegen der demografischen Entwicklung der Schweizer Bevölkerung.

Was erwartet die Branchen von den Ferien der Zukunft?

Man geht davon aus, dass die Ferien nicht mehr viel kürzer werden. Heute gehen die Schweizer lieber vier, fünf Mal in die Ferien, statt wie früher ein Mal für drei Wochen. Dieser Trend dürfte nicht anhalten. Auch deshalb nicht, weil Flüge wegen CO2-Abgaben tendenziell wieder teurer werden. Der irrsinnige Preiszerfall, den wir in den vergangenen Jahren hatten, dürfte so nicht weitergehen. Zudem wird die Branche versuchen mit Preisanreizen gegen die Saisonalität anzukämpfen. Damit dürften auch Ferien im November attraktiv werden.

* Prof. Dr. Hansruedi Müller ist Direktor des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus (FIF) der Universität Bern.

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