Aktualisiert 20.11.2010 11:55

Hirnerschütterungen im Sport«Zum Glück bin ich noch hier»

Nicht nur im Eishockey sind Hirnerschütterungen ein grosses Problem. Auch Ex-FCZ-Captain Hannu Tihinen erinnert sich nur ungern an seine Kopfverletzungen.

von
Monika Brand

Hannu Tihinen war nie ein durchschnittlicher Fussballprofi. Nicht weil er als Finne aus dem hohen Norden Lapplands sowieso schon aus dem Rahmen fiel. Sondern weil er sich stets auch über das Leben nach dem Fussball Gedanken machte. Der heute 34-Jährige erlernte im Laufe der Jahre sechs Sprachen und fragte sich schon mal, wie andere Kicker überhaupt Fussball spielen konnten, «wenn ich sah, dass sie kaum lesen konnten», so Tihinen und fügt mit einem Grinsen an: «Sie hatten wohl andere Qualitäten.» So erstaunt es denn auch nicht, dass es genau der Ex-FCZ-Captain war, der sich nach seiner fünften oder sechsten Gehirnerschütterung freiwillig nach einer Möglichkeit umsah, um künftig seinen Kopf zu schützen. Und es erstaunt auch nicht, dass es Tihinen ist, der zu diesem Thema bereitwillig am 30. Interdisziplinären Zürcher Symposium ein gut 20-minütiges Referat vor fast 200 Ärzten hält. Auf Deutsch - in einer seiner Fremdsprachen notabene.

«Zum Glück bin ich immer noch hier, ich habe einige schlimme Gehirnerschütterungen gehabt», sagt Tihinen. Bereits zu seinen Zeiten in Finnland und in Norwegen, aber auch in der Schweiz. In seiner ersten Spielzeit mit dem FC Zürich prallte der Verteidiger im zweitletzten Saisonspiel gegen YB in einem Kopfballduell mit einem Gegner zusammen und blieb blutüberströmt liegen. Das Resultat: eine etwa zehn Zentimeter lange Platzwunde am Hinterkopf. Tihinen: «Das war der schlimmste Moment in meiner Karriere. Ich hatte das Gefühl, der Arzt hat die Finger in meinem Kopf.» Trotzdem steht der Fussballer fünf Tage später wieder auf dem Platz - und feiert mit einem «Turban» den Meistertitel. Ein fahrlässiges Unterfangen, wie heute auch Vereinsarzt José Romero zugibt. «Das ist medizinisch natürlich nicht vertretbar», sagt er am Ärtztekongress. «Aber Hannu wollte der Mannschaft einfach helfen. Heute würden wir das klar anders handhaben.» Man habe seither vereinsintern klare Richtlinien erstellt.

Tihinen suchte aktiv nach Schutzmöglichkeiten

Ein gutes Jahr später ist der FCZ im Uefa-Cup bei Sturm Graz zu Gast. In einem Kopfballduell steigt Hannu Tihinen in die Höhe - und einer der Österreicher rammt ihm den Ellbogen gegen den Kopf. Der Finne muss mit der Bahre vom Feld getragen werden, die nächste Kopfverletzung ist perfekt. Für den FCZ-Captain ist das Mass voll. Er will sich und sein Gehirn künftig schützen und sucht nach Möglichkeiten. Er landet bei Dr. Reto Agosti, Leiter des Kopfweh-Zentrums der Klinik Hirslanden, der ihm den Kopfschutz «Full 90» beschafft. Ein 80 Gramm leichtes Stirnband, das aus Stoff und Gel besteht, keine harten Teile enthält und deshalb auch regelkonform ist.

Am Anfang sei er wegen dem Kopfschutz schon ausgelacht worden, sagt Tihinen. «Besonders in der finnischen Nati haben alle gesagt: 'Hannu, warum machst du das?'» Doch ihm sei dies nach den vielen Gehirnerschütterungen einfach wichtig gewesen. Mitspieler, Gegner, Schiedsrichter und Fans gewöhnen sich schnell an den neuen «Kopfschmuck» des FCZ-Captains. Schon bald einmal ist ein Hannu Tihinen ohne Stirnband undenkbar. Was nicht heisst, dass er sich seit dem Entscheid, einen Kopfschutz zu tragen, nie mehr am Kopf verletzte. «Einmal kriegte ich einen Fussballschuh ins Auge. Danach war der Augendruck so gross, dass ich nicht mehr fliegen durfte», so der Finne. Ein Allheilmittel ist also auch der «Full 90» nicht.

Kluge Köpfe schützen sich nach wie vor selten

«Die meisten Kopfverletzungen im Fussball passieren durch Kopf-gegen-Kopf-Vorfälle und diese werden durch das Stirnband am besten abgedeckt», sagt Dr. Reto Agosti. Der Kopfschutz federe das Wichtigste ab. «Viele Verletzungen kann man damit tatsächlich verhindern und auch das Ellbogenfoul (an Hannu Tihinen gegen Sturm Graz, Anm. d. Red.) wäre damit nicht mal halb so schlimm gewesen.» Trotzdem gibt es noch kaum Nachahmer auf den Fussballplätzen. Agosti: «Ich habe vorwiegend Anfragen von besorgten Müttern und aus dem Damenfussball.» Die Frauen würden sich nach Aussage des Arztes offenbar etwas mehr mit dem Thema auseinandersetzen als die Männer. Dennoch hat unlängst ein weiterer männlicher Fussball-Profi bei Agosti einen Kopfschutz bestellt - eher unfreiwillig jedoch. Die Rede ist von Emiliano Dudar von den Berner Young Boys, der sich im September bei einem Zusammenprall mit einem Teamkollegen eine schwere Kopfverletzung zuzog und die Zunge verschluckte (20 Minuten Online berichtete). Er wird frühestens Anfang Jahr auf den Rasen zurückkehren - mit Kopfschutz versteht sich.

Hannu Tihinen hat bis zu seinem Karrierenende im letzten Juli mit seinem Kopfschutz gespielt. Egal ob in der Axpo Super League, mit der finnischen Nati oder gar in der Champions League. Auch wenn er in der «Königsklasse» sämtliche Schriftzüge auf seinem Stirnband übermalen musste - aus werbetechnischen Gründen. Sein grösstes Erfolgserlebnis feierte der Finne denn aber auch in ebendieser Liga: Am 30. September 2009 besiegte der FCZ in der CL-Gruppenphase auswärts die grosse AC Milan mit 1:0. Hannu Tihinen war es vergönnt, den Siegtreffer im San Siro zu erzielen - und was für einen: In der 10. Minute verwertete er nach einem Eckball von Gajic mit einem tollen Hackentrick (siehe Video unten). Tihinen: «Das war ganz ein besonderes Tor. Es war nicht nur der Siegtreffer im San Siro und der erste Sieg in der Champions League. Ich habe mir gesagt: 'Ok, Hannu. Du kannst deinen Kopf trotz allem noch irgendwie benützen. Die kognitiven und koordinativen Fähigkeiten sind noch da.' Es war alles perfekt.» Seine geistigen Fähigkeiten setzt Hannu Tihinen übrigens heute als Direktionsassistent beim FC Zürich ein - oder auch einmal als Gast-Referent an einem Ärztekongress.

Tihinens Hackentor gegen die AC Milan

Hirnerschütterungen im Eishockey

Nach einer Serie von über 20 Gehirnerschütterungen in der National League A sprach 20 Minuten Online bereits Anfang Jahr mit Ärzten und Verbandsverantwortlichen über das Thema. Die Artikel dazu finden Sie hier:

Allein in dieser Woche haben sich zwei Eishockeyspieler an Kopf verletzt. Am Freitagabend wurde Servette-Spieler Jan Cadieux von hinten in die Bande gecheckt und blieb danach liegen. Medienberichten zufolge hat er dabei eine schwere Hirnerschütterung erlitten. Am Dienstag musste auch EVZ-Verteidiger Yannick Blaser nach einer Stock-Attacke mit einer schweren Hirnerschütterung ins Spital gebracht werden. Wann er wieder fit ist, ist zurzeit noch nicht klar. (aeg)

Allein in dieser Woche haben sich zwei Eishockeyspieler an Kopf verletzt. Am Freitagabend wurde Servette-Spieler Jan Cadieux von hinten in die Bande gecheckt und blieb danach liegen. Medienberichten zufolge hat er dabei eine schwere Hirnerschütterung erlitten. Am Dienstag musste auch EVZ-Verteidiger Yannick Blaser nach einer Stock-Attacke mit einer schweren Hirnerschütterung ins Spital gebracht werden. Wann er wieder fit ist, ist zurzeit noch nicht klar. (aeg)

Allein in dieser Woche haben sich zwei Eishockeyspieler an Kopf verletzt. Am Freitagabend wurde Servette-Spieler Jan Cadieux von hinten in die Bande gecheckt und blieb danach liegen. Medienberichten zufolge hat er dabei eine schwere Hirnerschütterung erlitten. Am Dienstag musste auch EVZ-Verteidiger Yannick Blaser nach einer Stock-Attacke mit einer schweren Hirnerschütterung ins Spital gebracht werden. Wann er wieder fit ist, ist zurzeit noch nicht klar. (aeg)

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