Aktualisiert 16.06.2017 15:01

Gesundheitskosten

Zum Sparen – Ärzte wollen Überbehandlung stoppen

Intensivmediziner wollen unnötige Behandlungen streichen, um Kosten zu senken. Zudem könne maximale Behandlung schaden.

von
B. Zanni
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Bei Patienten ohne Ernährungsdefizit sollten Ärzte in den ersten Tagen auf der Intensivstation darauf verzichten, künstliche Ernährung zu verabreichen. In einer kürzlich publizierten «Top-9-Liste» fasst die SGI eine Reihe von Behandlungen zusammen, die gegebenenfalls gestrichen werden könnten.

Bei Patienten ohne Ernährungsdefizit sollten Ärzte in den ersten Tagen auf der Intensivstation darauf verzichten, künstliche Ernährung zu verabreichen. In einer kürzlich publizierten «Top-9-Liste» fasst die SGI eine Reihe von Behandlungen zusammen, die gegebenenfalls gestrichen werden könnten.

Photographer:khunaspix
Gesundheitspolitiker halten die Liste für sinnvoll. «Wir müssen von der Maximalmedizin wegkommen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel.

Gesundheitspolitiker halten die Liste für sinnvoll. «Wir müssen von der Maximalmedizin wegkommen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel.

Keystone/Alessandro Della Valle
Die Überversorgung sei ein grosses Problem, sagt auch SVP-Nationalrat Heinz Brand. «Es kommt immer wieder vor, dass Ärzte Patienten gegen deren Willen einfach weiterbehandeln.»

Die Überversorgung sei ein grosses Problem, sagt auch SVP-Nationalrat Heinz Brand. «Es kommt immer wieder vor, dass Ärzte Patienten gegen deren Willen einfach weiterbehandeln.»

Keystone/Peter Klaunzer

Nach einem schweren Skateboard-Unfall liegt Marc auf der Intensivstation. Dabei wird er künstlich ernährt – eine unnötige Behandlung in den Augen der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin SGI. Bei Patienten ohne Ernährungsdefizit sollten Ärzte in den ersten Tagen auf der Intensivstation darauf verzichten, künstliche Ernährung zu verabreichen. In einer kürzlich publizierten «Top-9-Liste» fasst die SGI eine Reihe von Behandlungen zusammen, die gegebenenfalls gestrichen werden könnten.

Bei Patienten mit einem signifikanten Sterbe- oder Schadensrisiko sollen Ärzte lebenserhaltende Massnahmen nur fortsetzen, wenn mit dem Patienten oder Angehörigen die Behandlungsziele zuvor besprochen wurden. Damit sich Patienten schneller erholen, schlägt die SGI zudem vor, Patienten nur so stark wie nötig zu sedieren.

Die aufgelisteten Punkte begründet die SGI unter anderem mit dem Ziel, Kosten zu verringern. Bis 2030 wird ein Anstieg der Krankenkassenprämien um 60 Prozent erwartet. Kritiker behaupten, dass unnötige Behandlungen die Gesundheitskosten ständig in die Höhe treiben.

«Wir müssen von Maximalmedizin wegkommen»

«Das Maximum an Behandlungen ist nicht immer das Beste», sagt Thierry Fumeaux, Präsident Ärzte der SGI und Intensivmediziner. Es gebe aber immer noch Ärzte, die aus reiner Routine Patienten überbehandeln würden. «Es hat sich gezeigt, dass gewisse Behandlungen nicht nur Kosten verursachen, sondern dem Patienten auch mehr schaden als nützen.»

Gesundheitspolitiker halten die Liste für sinnvoll. «Wir müssen von der Maximalmedizin wegkommen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Studien hätten ergeben, dass 20 Prozent der Gesundheitskosten gespart werden könnten – ohne negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass gewisse Behandlungen unnötig seien, lägen längst vor. «Wichtig ist, dass diese jetzt in die Praxis umgesetzt werden.»

Die Überversorgung sei ein grosses Problem, sagt auch SVP-Nationalrat Heinz Brand. «Es kommt immer wieder vor, dass Ärzte Patienten gegen deren Willen einfach weiterbehandeln.» Er fordert, dass Ärzte mit den Patienten beim Spitaleintritt den Behandlungsverlauf und dessen Ende ausführlich besprechen. «Auch sollen Ärzte bei der Medikamentenabgabe genau hinschauen, ob es ein Medikament wirklich noch braucht oder nicht.»

Wegen Durchfall operiert

Auch die Stiftung SPO Patientenschutz begrüsst die Sparmassnahmen. «Es ist richtig, dass man über die Bücher geht und festlegt, welche Behandlungen notwendig sind und welche nicht», sagt Präsidentin Margrit Kessler. Sie schildert den Fall einer Patientin, deren Bein von Krampfadern überzogen war. «Der Arzt fand dann, dass auch das zweite völlig gesunde Bein unbedingt operiert werden müsse.» Kessler erinnert sich an eine Patientin, die wegen Bauchschmerzen innerhalb von zwei Stunden auf dem OP-Tisch lag. «Man entfernte ihr den Blinddarm und perforierte aus Versehen auch noch den Dünndarm. Dabei hatte sie nur Durchfall.»

Kessler warnt aber auch: Wichtig sei, dass die Sparmassnahmen die Ärzte nicht unter Druck setzen. Würden schwerkranke Patienten nicht rechtzeitig künstlich ernährt, könne dies zu Defiziten führen. «Die Intensivmediziner dürfen auf keinen Fall voreilige Schlüsse ziehen. Die individuelle Behandlung hat vor allen Kosteneinsparungen Priorität.» Auch die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH wehrt sich gegen einen primären Fokus auf das Sparen. «An erster Stelle müssen die Qualitätssicherung und die Patientensicherheit stehen», sagt FMH-Vizepräsident Christoph Bosshard. «Stehen die Kosten im Vordergrund, besteht die Gefahr einer Zweiklassenmedizin.» Dann würden nur noch Patienten, bei denen es sich finanziell rentiere, behandelt.

«Keine schwarze Liste»

Die SGI betont, dass es sich bei der «Top-9-Liste» «um keine schwarze Liste, sondern um eine Grundlage zur Reflexion» handele. Diese solle die Diskussion zwischen Ärzten und Patienten fördern. Die SGI und ihre Mitglieder würden aufmerksam sein und keine abweichende Anwendung dieser Massnahmen zulassen. «Die Liste richtet sich nicht an Krankenkassen oder kantonale Gesundheitsämter, sondern an Ärzte, die gut überlegte Entscheidungen treffen», präzisiert Thierry Fumeaux.

Unterstützt wird die «Top-9-Liste» vom Verein Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland. Die Kampagne kämpft gegen Fehl- und Überversorgung in der Medizin. «Bei den Massnahmen geht es nicht darum, Behandlungen zu rationieren», betont Geschäftsführerin Bernadette Häfliger. Ihr Anliegen sei, die Behandlungsqualität zu verbessern und unnütze Behandlungen zu verhindern. «Kommt es gleichzeitig zu einer Kostenreduktion, ist dies ein schöner Nebeneffekt.»

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