Interlaken BE: «Zunge hing aus dem Mund» – wie sehr leiden Kutschenpferde unter der Hitze?

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Interlaken BE«Zunge hing aus dem Mund» – wie sehr leiden Kutschenpferde unter der Hitze?

Bei den aktuell sehr hohen Temperaturen seien Kutschenfahrten Tierquälerei, meint eine Tierschutzorganisation. Das Veterinäramt und eine Kutschenfahrerin sehen das anders. 

von
Dominique Dussling
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Tierschützer kritisieren Kutschenfahrten für Touristen. Bei Hitze sei das Einsetzen von Pferden unverantwortlich.

Tierschützer kritisieren Kutschenfahrten für Touristen. Bei Hitze sei das Einsetzen von Pferden unverantwortlich.

Tier im Fokus
Der Beitrag wird hundertfach geteilt. In der Kommentarspalte entbrannte eine heftige Diskussion.

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Facebook
Das Veterinäramt Bern relativiert: «Dass ein Ross die Zunge raushängen lässt, sagt kaum etwas darüber aus, ob das Tier unter Stress steht.» Es gebe keine Anzeichen von Tierleid. 

Das Veterinäramt Bern relativiert: «Dass ein Ross die Zunge raushängen lässt, sagt kaum etwas darüber aus, ob das Tier unter Stress steht.» Es gebe keine Anzeichen von Tierleid. 

Tier im Fokus

Darum gehts

  • Die Tierschutzorganisation Tier im Fokus kritisiert auf Facebook die Kutschenfahrten in Interlaken.

  • Bei Hitze sei das Ziehen der Kutschen für die Pferde nicht zumutbar. 

  • Eine Pferdekutschenbetreiberin weist die Vorwürfe zurück.

  • Das Veterinäramt bestätigt den Vorfall. Der Fall wurde geprüft. 

Die Pferdekutschen gehören zum Ortsbild des Tourismusortes Interlaken. Nun stehen aber genau diese in der Kritik: Die Tierrechtsorganisation Tier im Fokus hat auf Facebook ein Bild eines Kutschenpferds gepostet, mit den Worten: «Trotz brütender Hitze werden weiterhin Pferde vor Kutschen gespannt. Diesem Individuum hing dabei die Zunge aus dem Mund. Wir haben deshalb das Veterinäramt informiert.»

Der Beitrag wird hundertfach geteilt. In der Kommentarspalte entbrannte eine heftige Diskussion. Mehrere Userinnen und User danken dem Verein «fürs nicht Wegschauen». Jemand merkt an: «So etwas Unsinniges. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter!» Befürworter der Kutschenfahrten geben indes zu bedenken, dass Pferde äusserst widerstandsfähig seien. So schreibt ein Nutzer: «Pferde sind nicht aus Zucker. Die schmelzen auch bei 34 Grad nicht.»

Auch in anderen Tourismus-Hotspots sorgt die Praxis für Diskussionen. In Berlin beispielsweise dürfen seit 2019 keine Pferde mehr zum Ziehen von Kutschen eingesetzt werden, wenn das Thermometer über 30 Grad im Schatten anzeigt.

«Die Anschuldigungen grenzen an Verleumdung»

Eine erfahrene Interlakner Anbieterin von Kutschenfahrten sagt hingegen: «Die Anschuldigungen grenzen an Verleumdung.» Ihre Pferde würden nicht überanstrengt, betont sie gegenüber 20 Minuten: «Im Sommer machen wir nachmittags von zwei bis fünf Uhr Pause.» Laut der Halterin werden die Pferde regelmässig ausgewechselt, sodass sie maximal vier bis fünf Stunden pro Tag im Einsatz sind. «In Interlaken kühlen wir die Pferde zusätzlich mit Wasser aus einem Hydranten.» Sie habe auch schon Kutschenfahrten verschoben, weil es zu heiss gewesen sei. Sie fügt an: «Ich lade Kritiker herzlich dazu ein, sich auf unserem Hof ein eigenes Bild vom Alltag unserer Pferde zu machen.» 

Findest du, dass die Kutschenpferde gequält werden?

«Jeden Sommer erhalten wir unzählige Meldungen»

Das Berner Veterinäramt bestätigt, dass eine Meldung von Tier im Fokus eingegangen sei. Diese sei jedoch eine von vielen. «Jeden Sommer bekommen wir unzählige Meldungen über leidende Zugpferde in Interlaken», teilt eine Sprecherin des Veterinäramtes mit. Es handle sich dabei meistens um besorgte Bürgerinnen und Bürger, die der Meinung seien, es handle sich um Tierquälerei, wenn bei diesen Temperaturen Pferde vor die Kutschen gespannt werden. «Wir haben die Kutschenfahrer bereits mehrfach kontrolliert. Bisher konnten wir in keiner Weise Tierquälerei feststellen.»

«Ich sehe auf dem Bild nichts Tierschutz-Relevantes»

Die Besorgnis basiere auf Unwissen, so die Veterinäramtssprecherin. Man könne anhand des menschlichen Wärmeempfindens nicht auf das Wohl des Tiers schliessen. Pferde seien Steppentiere und würden hohe Temperaturen besser tolerieren als Menschen, erklärt die Kommunikationsbeauftragte. «Ich sehe auf dem Facebook-Bild nichts Tierschutz-Relevantes. Dass ein Ross die Zunge raushängen lässt, sagt kaum etwas darüber aus, ob das Tier unter Stress steht. Wenn das Pferd tatsächlich unter Hitzestress leiden würde, würde es schwitzen. Am Fell und am Zaumzeug wäre dann weisser Schaum zu sehen.» Dies sei auf dem Bild aber nicht der Fall.

Eine Temperatur-Regelung wie jene in Berlin sei nicht praktikabel, «weil es sehr viele verschiedene Rassen gibt, die die Hitze unterschiedlich gut vertragen», so die Sprecherin. Eine feste Temperaturmarke, die dann für alle Pferde gelte, gebe es dementsprechend nicht.

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