Aktualisiert 24.12.2011 09:46

«Time-Out»

Zurück ins letzte Jahrhundert

Ein wundersamer Sieg in Genf verschafft den ZSC Lions Luft im Strichkampf. Sie haben eine Zeitreise zurück ins letzte Jahrhundert gemacht.

von
Klaus Zaugg
88 Sekunden vor Schluss konnten die ZSC Lions den Ausgleich bejubeln. Es ging in die Verlängerung.

88 Sekunden vor Schluss konnten die ZSC Lions den Ausgleich bejubeln. Es ging in die Verlängerung.

Heiliger Bimbam und Weihnachten im Powerplay: Servette führt 3:2 und zwei Zürcher sitzen auf der Strafbank. Die zweitletzte Minute läuft. Fünf gegen drei Feldspieler. Das muss die Entscheidung sein. Doch irgendwie bringt ZSC-Verteidiger Severin Blindenbacher – er ist eigentlich völlig ausser Form - die Scheibe aus dem Drittel raus. Auf einmal haben Jeff Tambellini und Mathias Seger nur noch Servettes hüftsteifen Riesen Goran Bezina vor sich – und 88 Sekunden vor Schluss ist der Puck zum 3:3 drin.

Trainer Bob Hartley wird hinterher gegenüber 20 Minuten Online sagen, er habe auch in dieser Schlussphase mit zwei Mann weniger auf dem Eis an den Sieg geglaubt: «Ich sagte meinen Jungs: Go! Go! Go! Probiert es! Spekuliert! Ich hoffte, dass die Genfer versuchen würden, einfach die Scheibe zu halten und die Zeit verrinnen zu lassen, statt sofort die Entscheidung zu suchen. Und dass sie dabei passiv und unvorsichtig werden könnten. Genau das ist passiert. Wir haben Roulette gespielt und gewonnen. Das gelingt nicht oft. Aber diesmal ist es gelungen.»

Schliesslich entscheidet Jeff Tambellini das kapitale Spiel im Penalyschiessen (4:3). Die ZSC Lions haben jetzt wieder sechs Punkte Vorsprung auf Servette und auf den Strich.

Zeitreise in die 1980er Jahre

Die ZSC Lions sind in Genf an ihre Ursprünge zurückgekehrt. Sie haben eine Zeitreise zurück ins letzte Jahrhundert, in die 1980er und frühen 1990er Jahre des alten, rauchigen Hallenstadions gemacht. Als die ZSC Lions «der ZSC» waren. Es durfte geraucht werden und Cannabisrauch lag in der Luft. Als Leiden schöner war als Siegen. Als mit einer legendär gewordenen Leidenschaft gegen alles Pech dieser Welt gekämpft wurde. Als es auch in aussichtsloser Lage doch irgendwie weiter gegangen ist. Die Jahre der Abstiegsdramen und Aufstiegsfeiern. Als der Topskorer noch keinen gelben Helm trug und auch Tambellini hiess. Steve Tambellini. Der Vater des aktuellen Topskorers Jeff Tambellini. Der Senior war in der Aufstiegssaison zur NLA 1988/89 mit 42 Spielen, 43 Toren und 33 Assists bester Stürmer.

So wie damals war es am Freitagabend in Genf. Der einzige Unterschied zu früher: Es gibt heute keine Geldnot mehr. Es gibt nur noch sportliche Krisen. Wenn ein ZSC-Fan, der zuletzt vor der Weihnachtspause 1988 ein Spiel gesehen hätte, am Freitag in Genf gewesen wäre – er hätte sich wohl gefühlt. Er hätte sich über den gelben Helm des Topskorers gewundert und gestaunt, dass beim ZSC-Anhang im Stadion keiner mehr kifft. Aber die intensive Nervosität der Zürcher, die Leistungsschwankungen, die unerklärlichen Formschwächen einiger Stars und die Heldentaten der Nobodys – all das wäre ihm vertraut vorgekommen.

«Sand im Getriebe»

Die ZSC Lions haben in diesem kapitalen Match gegen Servette nie aufgegeben. Der spielerische Glanz ist längst gewichen und blitzt nur noch hin und wieder auf. «Es ist einfach Sand im Getriebe», sagt Sportchef Edgar Salis. «Aber jeder versucht alles, dass dieses Getriebe trotzdem dreht.»

In jeder Szene waren in Genf Mut und «so-jetzt-erst-recht-Energie» zu spüren. Eigentlich unterliefen fast allen Spielern Fehler, die sie nicht machen, wenn alles saust und braust. Aber entscheidend waren nicht die Fehler. Sondern der Wille, diese Fehler zu korrigieren. Es war eines dieser dramatischen ZSC-Spiele, die im letzten Jahrhundert die Regel und nicht die Ausnahme waren. Es ist bemerkenswert, dass eine spielerisch so starke und talentierte Mannschaft wie die ZSC Lions eine so hohe Intensität entwickelt, so viel Frust verarbeitet und so leidenschaftlich eine Wende erkämpft. Und es ist ein Hinweis darauf, dass der ZSC nur mit «calvinistischem» Hockey erfolgreich sein kann: Mit einer Einstellung im Sinne von Calvin («beten und arbeiten»), mit Leidenschaft und Kampfbereitschaft. Die ZSC Lions kommen mit der spielerische Leichtigkeit des Seins nicht weit. Vielleicht sind in den letzten Jahren alle Trainer gescheitert, die in erster Linie an einer Verbesserung der spielerischen Fähigkeiten gearbeitet haben.

Zusammenhalt und Leidenschaft

Bob Hartley hat über 600 NHL-Spiele gecoacht und kennt das Wesen und Wirken der NHL-Profi. Es will also etwas heissen, dass er nach der wundersamen Wende vom 1:3 zum 4:3 nach Penaltys minutenlang den Zusammenhalt und die Leidenschaft seiner Spieler rühmt. Wie kein anderer Trainer sei Kent Ruhnke kommt er immer wieder auf diese Leidensfähigkeit und Leidenschaft seiner Spieler zu sprechen «Die sportliche Situation ist nicht einfach. Aber es macht riesig Freude, mit diesen Spielern zu arbeiten. Ich möchte nicht eine Sekunde meiner Zeit in Zürich missen.»

Bob Hartley bekräftigte gegenüber 20 Minuten Online noch einmal, dass es völlig ausgeschlossen sei, dass er ein Angebot zu einer Rückkehr in die NHL während der Saison annehmen würde. Sportchef Edgar Salis hatte eine Anfrage aus Calgary. «Kein konkretes Angebot, nur ein vorsichtiges Erkunden.» Doch Hartley hat für NHL-Schalmeienklänge kein Musikgehör. «Ich bin noch nie in meinem Leben aus einer schwierigen Situation davongelaufen und werde es nie tun. Mein Rückflugticket ist für den 1. Mai gebucht.» Vielleicht sind es gerade dieses Temperament und diese Kampfbereitschaft des Trainers, die sich auf die Mannschaft übertragen und ihr dabei helfen, die Krise zu überwinden. Der grosse Unterschied zum grossen, spielerisch ebenso guten Lugano, das 2008 und 2011 die Schmach der Playouts zu erdulden hatte und dem Playout-ZSC von 2006 ist dieser Biss.

Vertragsverhandlungen mit dem Leitwolf

Für Mathias Seger könnte sich der so wichtige Ausgleich zum 3:3 gegen Servette in den laufenden Vertragsverhandlungen auszahlen: Sportchef Edgar Salis sagt, er sei bereit, an die Schmerzgrenze zu gehen und dem 34jährigen Leitwolf einen Dreijahresvertrag zu offerieren und so ein Vertrag dürfte eine Million wert sein. Er ist überzeugt. «Seger bleibt bei uns». Auch das ein Schritt zurück ins letzte Jahrhundert, auch das zieht sich wie ein roter Faden durch die ZSC-Geschichte: Zu gut dotierte Verträge für einzelne Stars.

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