Aktualisiert 08.03.2004 17:00

Zwang zur Prostitution

Schätzungen von Hilfsorganisationen zufolge soll es allein in Deutschland jährlich zwischen 120.000 bis 200.000 Fälle von Zwangsprostitution geben.

Wenige Wochen vor der Osterweiterung der Europäischen Union warnen Experten vor einer weiteren Zunahme des Frauenhandels aus Osteuropa. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung nahm am Montag den Weltfrauentag zum Anlass, um auf das Schicksal hunderttausender junger Frauen aus den ehemaligen Ostblockstaaten aufmerksam zu machen, die von skrupellosen Menschenhändlern in den Westen gelockt und sexuell ausgebeutet werden.

Als prominenter Unterstützer warnte der Schauspieler Miroslav Nemec alias Tatort-Kommissar Ivo Batic davor, diese Schicksale zu ignorieren. Völlig schuldlos würden osteuropäische Frauen immer häufiger Opfer der postkommunistischen Wirtschaft: «Einziger Ausweg scheint die Welt der schönen Versprechungen.» Die Realität sei dann oft grausamer als in jedem Krimi, sagte Nemec. Schätzungen von Hilfsorganisationen zufolge soll es allein in Deutschland jährlich zwischen 120.000 bis 200.000 Fälle von Zwangsprostitution geben.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk sagte, dass es ihr «kalt den Rücken herunterlief», als sie die Zahl des ukrainischen Innenministeriums gehört habe, wonach das Land in den neunziger Jahren nicht weniger als 400.000 Mädchen und Frauen durch Menschenhändler und Zuhälter verloren habe. Viele andere mittel- und osteuropäische Länder könnten Ähnliches berichten. «Mit der Aufnahme vieler dieser Staaten in die EU heuer und im Jahr 2007 wird sich das Problem aller Voraussicht nach noch verschärfen», warnte die CSU-Politikerin.

Eine Einschätzung, die neben anderen Teilnehmern der Konferenz auch der Kripoleiter Franz Frommer von der Grenzpolizei Furth im Wald an der tschechischen Grenze teilte. Allein in seinem 60.000 Einwohner zählenden tschechischen Nachbar-Landkreis Domazlice gebe es offiziell 40 bordellartige Betriebe mit über 500 Prostituierten, die Dunkelziffer sei vermutlich noch wesentlich höher. Immer häufiger brächten Zuhälter Zwangsprostituierte über die tschechische Grenze direkt zu Treffen mit Kunden nach Deutschland.

Bis vor kurzem seien rund 70 Prozent der im Grenzgebiet tätigen Prostituierten aus Rumänien gekommen, berichtete Frommer. Vor knapp zwei Jahren habe sich jedoch die damals frisch vereinbarte grenzübergreifende Zusammenarbeit der deutschen und tschechischen Polizei bewähren können. 2002 vereinbarten die Bundesrepublik und Tschechien ein Bündel von Massnahmen, etwa dass Polizeibeamte Verdächtige auch ins Nachbarland verfolgen dürfen und Telefonüberwachungen nach richterlicher Anordnung auf beiden Seiten ebenso durchführen können wie grenzüberschreitende Observationen.

Anfang 2002 hatte die deutsche Polizei heraus gefunden, dass mehrere Deutsche in Domazlice Bordelle betrieben und vor allem junge Rumäninnen nach Tschechien lockten. In ihrer Heimat seien die jungen Frauen in Zeitungsinseraten als Bedienungen, Küchen- oder Haushaltshilfen angeworben worden oder in Discotheken angesprochen worden. «In der Tschechischen Republik angekommen, wurden die Mädchen direkt bei den oft in schäbigen Gebäuden untergebrachten Bordellen abgeliefert», berichtete Frommer.

Dort sollten sie seinen Worten zufolge angeblich für den Transport entstandene Schulden von 1.000 bis 1.500 Euro bezahlen. Falls sie sich dadurch nicht zur Prostitution drängen liessen, seien sie auch geschlagen und misshandelt worden. Viele sollten anschliessend weiterverkauft werden, auch nach Deutschland. In enger Zusammenarbeit mit den tschechischen und auch rumänischen Kollegen habe die deutsche Polizei mithelfen können, den Ring schliesslich zu sprengen.

Hoffnung auf tschechisches Gesetz

Deutsche Täter seien in Tschechien inzwischen selten geworden, an ihre Stelle träten heute vermehrt Gruppierungen aus den Ex-UdSSR-Staaten. «Der Stellenwert der Frauen ist dadurch sicherlich nicht gestiegen», merkte der Polizeibeamte bitter an. Die Brutalität nehme zu, immer öfter gebe es zudem auch Bandenkriege. Trotz Schlagzeilen über das Grenzgebiet als «Bordell Europas» lobte Fromme die tschechische Polizei als engagiert und erfolgreich im Kampf gegen die Zwangsprostitution.

Einen Durchbruch verspricht sich der Grenzpolizist von einem Gesetz zur Regelung der Prostitution, das bis Mitte des Jahres in Tschechien verabschiedet werden solle. Damit hätten die Kollegen «endlich die Möglichkeit, gezielt gegen Strassenstriche und wilde Bordellbetriebe vorzugehen», sagte Fromme. (dapd)

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