Affäre Rappaz: «Zwangsernähren ist wie Gänse stopfen»
Aktualisiert

Affäre Rappaz«Zwangsernähren ist wie Gänse stopfen»

Der Walliser Hanfbauer Bernard Rappaz soll mittels Zwangsernährung am Leben gehalten werden. Für den obersten Schweizer Arzt Jacques de Haller ist dies ein «Gewaltakt».

Der oberste Arzt Jacques de Haller äussert sich zur Affäre Rappaz.

Der oberste Arzt Jacques de Haller äussert sich zur Affäre Rappaz.

Hanfbauer Bernard Rappaz soll laut der Wallisser Regierung im Fall der Fälle zwangsernährt werden. Ärzte des Unispitals Genf wehren sich dagegen. Zwangsernähren heisst auch Gewalt anwenden.

Es gebe zwei Methoden, um eine Person unter Zwang zu ernähren, erklärt der Präsident der Verbindung Schweizer Ärzte FMH, Jacques de Haller am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Bei der ersten Methode wird eine Magensonde verwendet. Dabei wird ein Schlauch über den Mund durch die Speiseröhre in den Magen des Patienten geführt.

Die Nahrung, die dem Patienten über den Schlauch zugeführt wird, besteht aus herkömmlichen pürierten Speisen, die allerdings genau ausgewählt und dosiert werden müssen. «Gewisse Personen im Koma oder auf der Intensivstation werden so ernährt», präzisierte Jacques de Haller.

Im Fall einer Person, die seit mehr als 70 Tagen im Hungerstreik ist, wie Bernard Rappaz, ist die Auswahl und Dosierung der Nahrungsmittel vital. «Würde man beispielsweise zuviel Zucker zuführen, könnte das den Patienten gefährden».

In einem solchen Fall wird statt einer Magensonde eine Infusion gelegt. Konkret wird dem Patienten über eine Arm- oder Halsvene Flüssigkeit zugeführt. Der Patient wird so mit Glucose und Vitaminen versorgt. «Im Endeffekt ist das Resultat dasselbe, die Person wird ernährt», sagte de Haller.

«Wie Gänse stopfen»

Einen widerspenstigen Patienten zu ernähren ist aber keine einfache Sache. Denn Sonde oder Infusion müssen nicht nur gesetzt werden, sondern auch halten. Der Patient muss deshalb gefesselt werden und mehrere Personen müssen die Sonde oder Infusion anbringen.

«Dieser Akt gleicht dem Stopfen von Gänsen und ist eine schwere Gewalttat», ereifert sich Jacques de Haller. «Man kann das eventuell für eine psychisch kranke Person vorsehen, die sonst ihr Leben in Gefahr bringen würde, aber man kann so etwas auf keinen Fall einer geistig gesunden Person aufzwingen.»

Für Jacques de Haller handelt es sich schon bei einer gewaltsamen Ruhigstellung um einen riskanten Akt für den Patienten, die Pflegepersonen und die Ärzte. Unter solchen Bedingungen eine Sonde oder eine Infusion legen zu wollen, würde zudem das Risiko von einer Perforation der Speiseröhre, von Venenentzündungen oder Blutungen beinhalten.

Einen Hungerstreikenden in ein künstliches Koma zu versetzen, um ihn ernähren zu können, überzeugt den FMH-Präsidenten nicht: «Das läuft der medizinischen Ethik ebenfalls zuwider und würde das Problem nur auf später verschieben. Wieder im Wachzustand würde der Patient erneut in Hungerstreik treten.»

(sda)

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