01.06.2016 21:14

Rätselhafter Patient

Zwangsstörung macht Italiener zum Franzosen

Ein Italiener spricht plötzlich nur noch Französisch – gebrochen zwar, aber dafür mit Inbrunst. Forscher nennen ihn die «typische Karikatur eines Franzosen».

von
fee
1 / 5
Plötzlich Franzose: Nach einem Eingriff am Gehirn benimmt sich ein 50-jähriger Italiener so französisch, dass dagegen selbst dieser Rugby-Fan alt aussieht.

Plötzlich Franzose: Nach einem Eingriff am Gehirn benimmt sich ein 50-jähriger Italiener so französisch, dass dagegen selbst dieser Rugby-Fan alt aussieht.

AFP/Glyn Kirk
Er spreche sehr schnell Französisch, schreiben die mit der Ursachenforschung beauftragten Wissenschaftler. Und das mit übertriebener Intonation und mit einer Gestik, wie man sie etwa von Louis de Funès kennt.

Er spreche sehr schnell Französisch, schreiben die mit der Ursachenforschung beauftragten Wissenschaftler. Und das mit übertriebener Intonation und mit einer Gestik, wie man sie etwa von Louis de Funès kennt.

Keystone/dpa - Bildfunk
Doch um ein sogenanntes Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (siehe Box) handelt es sich laut Forschern nicht. Denn der rätselhafte Patient ist auch verhaltensauffällig. Er schaut französische Filme ...

Doch um ein sogenanntes Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (siehe Box) handelt es sich laut Forschern nicht. Denn der rätselhafte Patient ist auch verhaltensauffällig. Er schaut französische Filme ...

Bruno Calvo

30 Jahre hat der Italiener, den sie JC nennen, kaum einen Brocken Französisch gesprochen. Entsprechend schlecht kann er es, was ihn jedoch nicht davon abhält, neuerdings ausschliesslich in der Sprache Voltaires zu parlieren. Und das, obwohl er nach wie vor in seiner italienischen Heimat lebt.

Als würde JC damit noch nicht genug auffallen, gestaltet er auch seinen Alltag weitestgehend so, wie es die Menschen im EM-Gastgeberland tun: Er kauft ausschliesslich französische Produkte, schaut französische Filme und kocht nach französischen Rezepten. Jeden Morgen ruft der 50-Jährige seinen Nachbarn zudem ein lautes «Bonjour» durchs Fensters entgegen. Dass er mit seinem Verhalten in Italien allein auf weiter Flur sei, störe ihn nicht, berichten Forscher im Fachjournal «Cortex».

Tonnenweise Brot

Den Franzosen in sich entdeckt hat JC nach einer Gehirn-Operation. Seither gibt er die «typische Karikatur eines Franzosen» ab. Damit hat er das Interesse von Wissenschaftlern des Somma Lombardo Hospital in Varese und der University of Edinburgh geweckt.

Dem Team um Nicoletta Beschin zufolge liegt bei JC kein sogenanntes Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (siehe Box) vor. Die Veränderungen seien in seinem Fall viel weitreichender. So beschreiben sie ihren mysteriösen Patienten auch als merklich enthemmt. Soll heissen: Er bietet seinem Umfeld beispielsweise ungefragt Französischlektionen an oder bäckt «zum Kummer seiner Frau tonnenweise Brot», wie der Discover-Blog berichtet.

Der Versuch, die Verwandlung mithilfe von Medikamenten in den Griff zu bekommen, hat gemäss Beschin und ihren Kollegen nichts gebracht. Sie suchen weiter nach einer Kur. Derweil vermuten sie, dass JCs Gehirn bei dem operativen Eingriff Schaden genommen hat, was zu einer Art Zwangsstörung mit manischen Zügen – eben dem Leben als Franzosen – geführt hat.

Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (FAS)

Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (FAS)

Es handelt es sich beim FAS um eine neurologische Erkrankung, die nach einem Schlaganfall oder einer Schädelverletzung auftreten kann. Sie äussert sich in einer Änderung von Sprachmelodie und Aussprache des Patienten, die von anderen häufig als Akzent einer Fremdsprache interpretiert wird. Das FAS kommt so selten vor, dass ein durchschnittlicher Mediziner in seinem gesamten Leben keinen einzigen Betroffenen zu Gesicht bekommt. Experten sprechen von weltweit rund 60, maximal 100 Fällen, die überhaupt jemals bekannt wurden.

Den ersten Fall beschrieb der französische Neurologe Pierre Marie 1907: Eine Pariserin, die einen Schlaganfall erlitten hatte und danach rechtsseitig gelähmt war, begann daraufhin mit einem elsässischen Akzent zu sprechen.

Fehler gefunden?Jetzt melden.