50 000 Mückenstiche: Zwei Jahre entlang dem Amazonas
Aktualisiert

50 000 MückensticheZwei Jahre entlang dem Amazonas

Ein britischer Abenteuer hat als erster Mensch den Amazonas von der Quelle bis zur Meeresmündung abgelaufen. Eine Reise mit vielen Hindernissen.

von
Felipe Almeida
AP

Als die Wellen des Atlantiks Ed Staffords Füsse umspülten, war es geschafft: Der Brite wanderte als erster Mensch den gesamten Amazonas entlang - von der Quelle in den Peruanischen Anden bis zur Mündung im Norden Brasiliens. 859 Tage brauchte er für den rund 6400 Kilometer langen Fussmarsch.

«Es ist unglaublich, hier zu sein», sagte Stafford bei seiner Ankunft der Nachrichtenagentur AP. «Es beweist, dass man alles schaffen kann, selbst wenn die Leute sagen, dass man es nicht kann. Ich habe bewiesen, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur stark genug will.» Noch wenige Stunden zuvor war der 34-Jährige kurz vor seinem Ziel am Strassenrand zusammengebrochen. Doch bei seinem Sprung in den Ozean wirkte er, als habe er alle Energie der Welt. Überglücklich umarmte er seine Zuschauer.

Partner gab nach drei Monaten auf

Zum Motiv für sein Abenteuer sagte Stafford am Wochenende der AP, er sei kein Öko-Aktivist. Trotzdem hoffe er, dass seine Tat auf die Zerstörung des Regenwalds aufmerksam mache. Aber im Grunde sei es nur eine einzige lange Ausdauerprüfung gewesen. «Der Knackpunkt ist, wenn es nicht das egoistische Abenteuer eines grossen Jungen gewesen wäre, hätte es glaube ich nicht funktioniert», sagte der ehemalige Hauptmann der britischen Streitkräfte. «Ich mache das nur, weil es noch niemand vor mir gemacht hat.» Zwar gab es mindestens sechs Expeditionen, die den Amazonas von der Mündung bis zur Quelle erkundet haben, doch die haben den Fluss mit Booten befahren.

Am 2. April 2008 starteten Stafford und ein Freund aus Grossbritannien die Tour an der südlichen Pazifikküste Perus. Sein Partner hielt keine drei Monate durch. Stafford marschierte weiter. Hunderte Einheimische, die er unterwegs traf, begleiteten ihn auf seinem Weg. Im peruanischen Waldarbeiter Gadiel «Cho» Sanchez Rivera fand er einen neuen Weggefährten, der ihn bis an den Atlantik begleiten wollte.

Unterwegs ernährten sich Stafford und Rivera von Piranhas, die sie aus dem Fluss zogen, Reis und Bohnen sowie Proviant, den sie in den Dörfern entlang ihres Weges einkauften. Mit der Aussenwelt blieb Stafford auch im dichtesten Dschungel verbunden. Über ein Satellitenmodem hielt er die Welt mit Einträgen in seinem Blog auf dem Laufenden. Sponsoren sorgten dafür, dass der Brite auf den Kosten für die Reise von rund 100 000 Euro nicht sitzen blieb.

«Wenn der Gringo auftaucht, wird er getötet»

Auf ihrem Weg entgingen der 31-jährige Brite und sein 34-jähriger Kamerad allen Gefahren, die im Amazonasbecken lauern können: fünfeinhalb Meter langen Kaimanen, riesigen Anakondas, tropischen Krankheiten, Nahrungsmittelknappheit und natürlich dem Ertrinken. Auch die Indianerstämme auf ihrem Weg waren Stafford nicht immer wohl gesonnen. Im September 2008 nahm ihn ein Stamm freundlich auf. Über Funk wollten sie das nächsten Dorf auf seiner Route informieren und für ihn eine Erlaubnis einholen, ihr Gebiet zu durchqueren. «Die Antwort kam kristallklar zurück. Wenn der Gringo in ihre Siedlung komme, werde er getötet», schrieb Stafford damals in seinem Blog.

Er versuchte zwar das Dorf zu umgehen, wurde dabei aber von einem anderen Stamm gefangen genommen und den Stammesoberhäuptern vorgeführt. Stafford und Rivera mussten sich nackt ausziehen und ihr Gepäck wurde auf das Genaueste unter die Lupe genommen. Am Ende wurde nur eine Machete von den Indianern konfisziert. Erst nachdem sie mehrmals erklärt hatten, was sie eigentlich machten, gewannen sie die Zuneigung der Indianer. Sie erlaubten ihnen, über ihr Land weiter zu wandern - allerdings mussten sie einige Führer aus dem Dorf anheuern.

Ausgeprägtes Umweltbewusstsein der Brasilianer

Auf seiner Reise habe er ein besseres Verständnis für die Rolle gewonnen, die der Amazonas für das Weltklima spiele, sagte Stafford. Etwa wie das Amazonasgebiet dem Treibhauseffekt entgegenwirkt und welche komplizierten Mechanismen zu seiner Zerstörung beitragen. «Die mächtigen Leute profitieren von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen», sagte er. «Deshalb gibt es korrupte Politiker und deshalb werden die Gesetze nicht eingehalten. Deshalb wird so viel Regenwald ungehindert abgeholzt.»

«Ich bin ein Optimist, kein Pessimist», sagte Stafford über sich. Trotz der riesigen gerodeten Flächen, an denen er vorbeikam, und der ganzen Probleme hoffe er, dass sich die Dinge zum Guten wenden. «Ich glaube, der durchschnittliche Brasilianer hat ein deutlich ausgeprägteres Umweltbewusstsein als die Mächtigen.»

Von Staffords Optimismus zeugen auch seine weiteren Pläne. Im September 2011 will er auf die nächste Expedition gehen und etwas unternehmen, was noch kein Mensch vor ihm geschafft hat. Was das sein wird, will er noch nicht verraten, damit ihm niemand zuvorkommt. Bis dahin will er sich erst einmal ausruhen. «Diese Expedition war unser Leben. Zweieinhalb Jahre lang haben wir nichts anderes gemacht als laufen, laufen, laufen. Am Morgen danach aufzuwachen und zu wissen, dass wir es geschafft haben, wird eine grosse Veränderung sein», sagte Stafford. «Ich glaube aber, wir werden uns daran gewöhnen.»

www.walkingtheamazon.com

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