Geiseln des IS: Zwei Jahre zwischen Hoffnung und Todesangst
Aktualisiert

Geiseln des ISZwei Jahre zwischen Hoffnung und Todesangst

Die «New York Times» zeichnet den Horror nach, den die IS-Geiseln vor ihrer brutalen Ermordung durchlaufen.

von
sut

James Foley sass mit 18 anderen Gefangenen in einer stockdunklen, kleinen Zelle. Er wurde ausgehungert und geschlagen. Auch «Waterboarding» musste der US-Videoreporter über sich ergehen lassen, die Foltermethode, die der CIA bei Al-Kaida-Führern angewandt hatte. Im August wurde der 40-Jährige vor laufender Kamera enthauptet, weil die USA keine Lösegelder zahlen.

In ihrem Bericht zeichnete die «New York Times» nach, wie die Schergen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die 23 bekannten Geiseln misshandelten. Foley erfährt im Artikel besondere Aufmerksamkeit: Der IS hatte das Video seiner Ermordung am 19. August als erstes veröffentlicht. Danach starben der US-Journalist Steven Sotloff sowie die britischen Helfer David Haines und Alan Henning.

Fast zwei Jahre festgehalten

Foleys 21 Monate lange Leidenszeit begann am 22. November 2012. Wie die «Times» aus Interviews mit befreiten Geiseln, Familienangehörigen der Ermordeten und Personen vor Ort rekonstruierte, legten Foley, der britische Fotojournalist John Cantlie und ein Übersetzer in einem Internet-Café in der syrischen Stadt Binesh einen Halt ein – 40 Autominuten vor der türkischen Grenze.

Während sie Bilder und Videos hochluden, fiel ihnen ein bärtiger Mann auf. «Er blickte uns finster an und ging wieder raus», erzählte der Übersetzer. Als sie später in einem Taxi Richtung Türkei weiter fuhren, schnitt ihnen plötzlich ein Lieferwagen den Weg ab. Maskierte Männer mit Waffen sprangen heraus und verfrachteten die Taxipassagiere in den Van. Nur der Übersetzer wurde später freigelassen.

Konvertierung zum Islam half nichts

Damals gab es den IS noch nicht. Die Journalisten waren in die Hände des Al-Kaida-Ablegers Nusra-Front geraten. Laut «Times» unterzogen die Peiniger die Geiseln einem brutalen Verhör: Sie mussten sich nackt ausziehen und wurden geschlagen. Die mit englischem Akzent sprechenden Kidnapper untersuchten Handys, Laptops und Speicherkarten, um herauszufinden, ob es sich um Militärs oder Spione handelte.

James Foley konvertierte schnell zum Islam. Im Gegensatz zu anderen Geiseln islamistischer Gruppen tat er dies wohl nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung.

19 Männer auf 20 Quadratmetern

In der ersten Hälfte 2013 wurden in Syrien rund zwei Dutzend weitere Westler entführt. Ende 2013 übernahm der IS die Führerschaft und pferchte schliesslich mindestens 19 Geiseln in einer dunklen, 20 Quadratmeter grossen Kellerzelle in seiner «Hauptstadt» Raqqa ein.

Die Opfer erhielten eine Handvoll Essen pro Tag. Um die Zeit zu vertreiben, spielten sie Schach mit Figuren aus Papierfetzen. An Weihnachten organisierte Foley den Tausch von Geschenken aus Abfallmaterial.

Nicht-britische Europäer hatten Glück

Im Frühjahr stellten die Dschihadisten ihren Geiseln plötzlich persönliche Fragen. Da wussten sie, dass die Kidnapper mit ihren Regierungen verhandelten. Auch Foley – Ex-Wahlkampfhelfer für Barack Obama – hoffte. Bis im Juni kamen 15 Geiseln zu Lösegeldern von je über zwei Millionen Euro frei.

Die amerikanischen und britischen Geiseln jedoch wurden in orange Overalls gesteckt und erneut gefoltert. Da wurde Foley klar, dass von Washington keine Hilfe zu erwarten war. Einem freigekauften Dänen gab er einen Abschiedsbrief an die Familie mit, bevor er im August ermordet wurde.

Von einst 23 Geiseln sind noch drei übrig: Der Brite John Cantlie, eine nicht identifizierte Frau aus den USA und der Medizintechniker Peter Kassig. Letzteren wollen die IS-Henker als Nächsten ermorden.

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