04.06.2020 02:59

CH-Musiker Sam Himself lebt in New York

«Zwei meiner Kumpels sind an Demos verhaftet worden»

Der Basler Sam Himself ist das SRF 3 Best Talent im Juni und lebt seit zehn Jahren in New York. Weil er in der Schweiz war, als der Lockdown erfolgte, kann er nicht mehr nach Hause fliegen.

von
Schimun Krausz
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Sam Koechlin alias Sam Himself kann nicht zurück in seine Wahlheimat New York, wegen der Pandemie sind die Landesgrenzen geschlossen. Darum wohnt der Basler, der schwerfällig-schöne Tear-in-my-Beer-Musik macht, zurzeit in einem Airbnb in seiner alten Heimatstadt.

Sam Koechlin alias Sam Himself kann nicht zurück in seine Wahlheimat New York, wegen der Pandemie sind die Landesgrenzen geschlossen. Darum wohnt der Basler, der schwerfällig-schöne Tear-in-my-Beer-Musik macht, zurzeit in einem Airbnb in seiner alten Heimatstadt.

Foto: Annie Forrest
Dort arbeitet er an neuen Songs. Fünf davon hat er am Freitag in Form der «Slow Drugs»-EP releast. Und noch mehr hörst und siehst du diesen Monat auf allen Channels von SRF 3 – Sam Himself ist nämlich das Best Talent im Juni.

Dort arbeitet er an neuen Songs. Fünf davon hat er am Freitag in Form der «Slow Drugs»-EP releast. Und noch mehr hörst und siehst du diesen Monat auf allen Channels von SRF 3 – Sam Himself ist nämlich das Best Talent im Juni.

Instagram/sam.himself
In seinem Airbnb erforscht Sam neue Klänge.

In seinem Airbnb erforscht Sam neue Klänge.

Instagram/sam.himself

Sam, wärst du jetzt auf der Strasse am Demonstrieren, wenn du in deiner Wahlheimat New York wärst?
Oh ja.

Was bekommst du von deinen Freunden mit?
Zwei meiner Kumpels sind verhaftet worden. Einige haben Tränengas abbekommen. Es ist eine brutale Situation. Ich empfinde viel Mitgefühl für alle, die dort sind und dafür sorgen wollen, dass es mit diesem Land nicht so weitergeht wie bisher.

Wie protestierst du von hier aus?
Das Mindeste, was ich tun konnte, war schon mal, beim Blackout Tuesday mitzumachen, Teil des Protest-Schweigetages der Musikindustrie zu sein. Aber du wirst mich dann auch an Demos sehen. Dass diese gerade auf der halben Welt passieren, stimmt mich hoffnungsvoll.

Wo warst du, als der Bundesrat den Lockdown beschlossen hat?
In der Schweiz. Am 7. März haben Anna Rossinelli und ich in Arbon noch das erste Konzert unserer gemeinsamen Tour spielen können. Dann wurde nach und nach alles abgesagt.

Wenig später hat Trump die Grenzen dichtgemacht.
Ich weiss noch genau, wo ich da war. Ich bin morgens bei einem Kumpel in Zürich aufgewacht, sah die News und wusste: In den nächsten Monaten wird nichts mehr so sein, wie es mal war.

Du hast in den Nachrichten erfahren, dass du nicht mehr nach Hause fliegen kannst.
Jep. Zunächst war völlig unklar, wer noch in die USA einreisen darf und wer nicht. In klassischer Trump-Manier liess man erst das Chaos losbrechen, bevor man sich um Schadensbegrenzung bemühte. Ich bin an den Swiss-Schalter an der Bahnhofstrasse in Zürich gegangen, weil mein Rückflug gecancelt wurde. Die Leute sind Schlange gestanden, einige haben geweint, Babys haben geschrien. Es war kurzzeitig ein wenig apokalyptisch.

Du hattest aber wie andere Leute mit Wohnsitz in den USA noch kurz Zeit, um zurück in die USA zu reisen – wolltest du nicht?
Mit meiner Greencard hätte ich noch einreisen können, ja. Aber New York ist das Epizentrum der Pandemie in den USA. Die Stadt ist im Shutdown und ich hätte andere gefährdet, wenn ich geflogen wäre – das wäre verantwortungslos gewesen. Und: In der Schweiz habe ich ein funktionierendes Gesundheitssystem, während in den USA der Staat versagt.

Wo bist du untergekommen?
Ich habe mich dann in ein Airbnb hier in Basel eingemietet und mir dort ein kleines Studio eingerichtet. Dabei haben mich Freunde und Familie unterstützt und wir haben meinen alten Bandraum ausgeraubt.

Wie, den alten Bandraum gibts noch, obwohl du seit zehn Jahren in New York lebst?
Ich war auch überrascht! Und ich weiss nicht, wer die Miete zahlt, will aber auch nicht nachfragen, muss ja nicht unbedingt schlafende Hunde wecken. Es lag sogar noch Dosenbier rum.

Hast du es getrunken?
Noch nicht. Ich spare es mir für den Notfall auf, wenn Armageddon passiert.

Wie ist es so, für ein Weilchen zurück in der Schweiz zu sein?
Ich finde es grossartig, wie das Land die Krise meistert. Und ich habe mir hier ein schönes Nestli einrichten können. Trotzdem habe ich Heimweh und viel Kontakt mit meinen Freunden in den USA, anderen Musikerinnen und Musikern, meinem Produzenten. Es schmerzt schon, nicht bei ihnen sein zu können. Vor allem jetzt während der Proteste. Ich spüre, dass mein Zuhause brennt und ich mache mir Sorgen.

Angenommen, New York würde gerade nicht brennen: Was vermisst du an deiner Wahlheimat?
Einerseits meine kreative Routine: Im Studio sein, mich mit den Leuten treffen, mit denen ich Musik mache, Demos hin und her schicken. Andererseits die Stadt an sich: Ich vermisse es, abends einfach durch die Strassen zu spazieren, Freunde in einer Bar treffen oder irgendetwas Geiles auf einem wildplakatieren Poster zu lesen oder von einem Musiker in der U-Bahn zu hören. Ich vermisse es, Teil dieser Leinwand zu sein, auf der ständig etwas passiert. Die Energie, die mich sonst so auf Trab hält, fehlt mir.

Wie lange bleibst du noch in der Schweiz?
Das kommt sehr auf New Yorks Regierung an. Mitte Juni will sie entscheiden, ob und wann die Stadt wieder geöffnet werden soll. Bis so Ende Juni, Anfang Juli bin ich sicher noch hier.

Und was passiert mit der Anna-Rossinelli-Tour?
So wies aussieht, dürfen die verschobenen Konzerte im Herbst stattfinden. Und ich darf nochmals dabei sein. Dann wäre ich im September schon wieder zurück in der Schweiz.

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