Nachruf: Zwei Spieler, die ihrer Zeit voraus waren
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NachrufZwei Spieler, die ihrer Zeit voraus waren

Das Schweizer Eishockey verliert in einer Woche gleich zwei Legenden. Goalie Jean Ayer stirbt 82-jährig, Stürmer Urs Lott im Alter von 63 Jahren.

von
Klaus Zaugg
Jean Ayer (l.) und Urs Lott zählten zu den grössten Schweizer Eishockeyspielern. (Bild: Keystone)

Jean Ayer (l.) und Urs Lott zählten zu den grössten Schweizer Eishockeyspielern. (Bild: Keystone)

Einer der grössten Schweizer Torhüter aller Zeiten ist nicht mehr. Jean Ayer ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Und in der gleichen Woche hat unser Eishockey einen seiner grössten Stürmer verloren: Urs Lot ist im Alter von 63 Jahren verstorben, rund ein Jahr nach seinem Bruder Jürg.

Jean Ayer (*1930) und Urs Lott (*1948) haben ihre Epochen geprägt – als Spieler und Persönlichkeiten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Als Jean Ayer 1969 in der 1. Liga seine letzten Partien spielt, hat Urs Lotts Karriere in der NLA gerade richtig Fahrt aufgenommen.

Der schlaue Fuchs

Ayer ist weder besonders reaktionsschnell, noch wirkt er mit seinen 185 Zentimetern Körpergrösse sehr beweglich. Doch er ist schlau, er gilt als einer der intelligentesten Schweizer Goalies aller Zeiten. So wird er trotz durchschnittlichem Talent einer der Besten.

Seine «petits trucs» («kleinen Tricks») helfen ihm dabei. Er ist der erste Schweizer Goalie, der mit dem Stock den Schnee vor seinem Tor fein säuberlich wegwischt und seitlich neben dem Pfosten aufhäuft. Es ist kein Tick, sondern ein Trick: Die Schneehäufchen bewahren ihn vor den Buebetrickli-Versuchen. Er bastelt einen besonders leichte Brustpanzerung und schliesslich, nach der 17. Narbe im Gesicht, auch eine eigene Maske.

Als erster entdeckt er das autogene Training für den Sport, er beginnt mit den Konzentrationsübungen schon 24 Stunden vor dem Spiel. Er sammelt systematisch alle Informationen über die Stürmer und kennt bald jedes Trickli der grossen Skorer, die er regelmässig zur Verzweiflung bringt.

Mit 16 erstes NLA-Spiel

Ayer debutiert am 27. Januar 1946 mit 16 Jahren mit Lausanne gegen Arosa. 23 Jahre später, inzwischen 39 Jahre alt, tritt er nach dem Aufstieg mit Villars in die NLB zurück. Er ist zur Legende geworden. Als er die soeben gewonnene Erstliga-Meisterschaftsmedaille betrachtet, sieht er darauf einen Goalie mit einer Dächlikappe – sein eigenes Portrait.

Ayer ist einer der berühmtesten Goalies seiner Zeit in Europa. Er spielt während eines Sprachaufenthaltes mit einer Spezialbewilligung vom IIHF-Präsidenten für das Profiteam der Wembley Lions. Er gewinnt mit ACBB Paris dreimal hintereinander den Spengler Cup (1959, 60 und 61). Er spielt für Lausanne, Davos, Villars, Genf-Servette, die Young Sprinters, aber er wird nie Schweizer Meister. Sechsmal verpasst er den Titel um einen einzigen Punkt. Aber was zählen schon Titel für einen, der allein durch seinen Stil und seine Persönlichkeit unsterblich geworden ist?

Sammeln von Meistertiteln

Einer, der die Paraden von Ayer bei den Spengler Cup-Turnieren 1959 und 1961 am Fernsehen gebannt zusammen mit seinem Bruder Jürg verfolgt, ist Urs Lott. Sechs Jahre nach den Spengler-Cup-Triumphen von Ayer sind die Gebrüder Lott, die Buben des Gastwirtes der Klotener Eisbahn, auf einmal Schweizer Meister mit dem EHC Kloten. Urs hat die Aufgabe, die besten gegnerischen Stürmer zu neutralisieren, Jürg spielt als Verteidiger und der Lüthi-Sturm sorgt für die notwendigen Tore.

Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Urs einer der besten Schweizer Center wird – er beginnt als Defensiv-Stürmer und wird später in jedem Team den Paradeblock führen. Er ist seiner Zeit weit voraus. Nicht so spektakulär wie Michel Turler und Bruno Witter, aber auch nicht so eindimensional der Offensive und dem Spektakel verpflichtet. Sondern ein robuster Zweiwegcenter, der den ganzen Block zusammenhält – was heute von einem Mittelstürmer verlangt wird. Urs ist seiner Zeit voraus. Er ist, wie Ayer, auf seine ganz besondere Weise auch eine starke Persönlichkeit. Oft der Wortführer der Mannschaft, immer der Sache verpflichtet, nie dem persönlichen Vorteil. Kurzum: Eine der ganz grossen Spielerpersönlichkeiten unserer Hockeygeschichte.

Von Kloten zum ZSC

Sieben Jahre nach dem Titel mit Kloten verlassen Urs und Jürg Lott den Klub Richtung ZSC, es zeichnet sich in Kloten eine grundlegende Ablösung ab, der neue Trainer Jürg Ochsner bringt aus Arosa gleich einen ganzen Block Spieler mit. Urs hat in 165 Spielen 103 Tore für die Klotener erzielt, Jürg in 215 Partien 27 Treffer.

Zwei Jahre nach dem Wechsel zum ZSC klopft Biels allmächtiger Präsident Willy Gassmann bei Urs an, der inzwischen auch im Nationalteam als Leader fast unentbehrlich geworden ist. «Was bruuchet Ihr, Urs», fragt Gassmann seine Lohn-Frage, die fast jeder Schweizer Topspieler von ihm einmal gehört hat. Urs sagt eine Zahl, Gassmann nickt und Urs sagt: «Und das gleiche für den Jürg». Gassmann ist einverstanden. Das Duo, das sich vorgenommen hat, alles gemeinsam zu tun, wechselt 1976 nach Biel. Dort erleidet Jürg einen Hirnschlag. Er muss den Sport sofort aufgeben.

Auch mit Biel erfolgreich

Urs bleibt in Biel und wird zum Schlüsselspieler des ersten Meisterteams von 1978 Er führt die legendäre «L»-Linie mit den Nordamerikanern Steve Latinowich und Bob Lindberg. Er gewinnt zwei Titel: 1967 mit Kloten und 1978 mit Biel.

In der Nationalmannschaft dirigiert er den Paradesturm zwischen dem Langnauer Jürg Berger und dem Davoser Walter Dürst junior. Er bestreitet 103 Länderspiele und fünf WM-Turniere, als Höhepunkt die C-WM 1974: Die Schweiz schafft mit einem Torverhältnis von 63:4 in sieben Spielen den sofortigen Wiederaufstieg in die B-WM. Urs wird mit 12 Toren und vier Assists Torschützenkönig und Topskorer des Turniers. 1980 kehrt er nach Zürich zurück, seine letzte sportliche Tat ist der Aufstieg in die NLB mit GC.

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