Brand am Zürichberg - Zwei Stunden vor der Eskalation bat R.S.* (65) um mehr Zeit
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Brand am ZürichbergZwei Stunden vor der Eskalation bat R.S.* (65) um mehr Zeit

Am Montagmorgen verschanzte sich R.S.* (65) in seiner Zürcher Villa. Wenige Stunden vor seinem Suizid bat er die Behörden um eine Verschiebung der Zwangsausweisung.

von
Céline Krapf
Daniel Krähenbühl
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Ein Bewohner hatte sich in seinem Wohnhaus verschanzt.

Ein Bewohner hatte sich in seinem Wohnhaus verschanzt.

BRK
Grosseinsatz in Zürich am Montagmorgen aufgrund eines Brandes.

Grosseinsatz in Zürich am Montagmorgen aufgrund eines Brandes.

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Er wollte sich so gegen eine Zwangsausweisung wehren, teilt die Stadtpolizei in einer Medienmitteilung mit.

Er wollte sich so gegen eine Zwangsausweisung wehren, teilt die Stadtpolizei in einer Medienmitteilung mit.

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Darum gehts

  • R.S. (65) hatte sich am Montagmorgen in seinem Haus verschanzt und darin ein Feuer entfacht. Zudem gab er mehrere Schüsse ab.

  • Der Bewohner der Villa widersetzte sich einer Zwangsausweisung. Später nahm er sich das Leben.

  • Nur wenige Stunden zuvor hatte er die Behörden um eine Verschiebung oder Sistierung des Prozesses gebeten.

Es war eine Eskalation mit Vorwarnung: Am Montagmorgen verbarrikadierte sich R.S.* (65) in seiner Villa am Zürichberg. Er versuchte, sich so vor einer Zwangsausweisung und Versteigerung der Liegenschaft zu schützen. Der Arzt zündete sein Haus an, gab mehrere Schüsse ab. Dann nahm sich R.S. das Leben.

S. bat um einen Monat Verschiebung

Den Behörden war das Risiko bekannt: «Ich bitte Sie, eine Eskalation von heute durch eine Absage und eventuelle Verschiebung um mindestens einen Monat zu verhindern», schreibt der Arzt rund zwei Stunden vor seinem Tod in einem Email, das 20 Minuten vorliegt. «Eine 350 Quadratmeter Wohnfläche mit Praxis und Praxis-Inventar zu übersiedeln, ist doch äusserst aufwendig!!!» Seiner Bitte wurde nicht entsprochen: Ab acht Uhr waren Stadtammannamt und Stadtpolizei vor Ort, wie diese in einer Mitteilung schreiben.

Laut den Behörden war die Liegenschaft im Oktober 2020 bereits zwangsversteigert worden. «Der neue Eigentümer konnte bis heute nicht über sein Eigentum verfügen, da der Exmittierende sich gegen die Ausweisung gewehrt hat», schreibt Stadtammann Christian Müller auf Anfrage von 20 Minuten. Das Verfahren sei aufgrund eines richterlichen Befehls und dem Gesuch des Eigentümers durchgeführt worden. Der Ausweisungstermin werde jeweils rund einen Monat im Voraus angekündigt, damit der Exmittierende genügend Zeit habe, um das Nötige zu veranlassen. Das Verfahren sei an den festgesetzten Termin gebunden, da man mit einer Fristerstreckung Gefahr laufe, dass der Gerichtsbefehl unwirksam werde. Zudem überschreite es die Kompetenz des Stadtammannamtes, eine weitere Fristerstreckung zu gewähren. Auf die Frage, ob man die Eskalation verhindern hätte können, schreibt Müller: «Aufgrund der Vorgeschichte des Mannes vermutlich nicht.»

«Er war sehr einsam»

Ein Bekannter des Arztes ist mit dieser Aussage nicht einverstanden: «Man hätte seinen Tod verhindern können – das war Mord», sagt dieser zu 20 Minuten. «Ich habe heute Morgen mehrmals mit R.S. telefoniert, war vor Ort und habe die Behörden mehrfach auf das Risiko einer Eskalation aufmerksam gemacht.» Doch diese hätten «null Interesse» gezeigt, das Schlimmste zu verhindern. Und dies, obwohl der verstorbene Arzt bereits eine Lösung gehabt hätte, wo er seine Sachen hinbringen hätte können – aber erst in einem Monat, sagt der Bekannte.

Eine ehemalige Mitarbeiterin berichtet über den Arzt: «R.S. war ein spezieller Mensch – und sehr einsam. Ausser seinem Hund hatte er niemanden.» Zwar habe er eine Familie gehabt, die Frau und die Kinder hätten sich jedoch nie blicken lassen. Zudem habe er mit den Mitarbeitenden – sei es mit dem Reinigungspersonal oder mit der Sekretärin – ständig über Privates sprechen wollen. «Daher gab es eine hohe Fluktuation, viele haben schnell wieder gekündigt.»

*Name der Redaktion bekannt

Der Rauch ist weitherum zu sehen – 20 Minuten ist vor Ort.

20min

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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