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«Musikantenstadl»Zwei Tage zu Besuch in einer heilen Welt

Seit 32 Jahren gibt es den Musikantenstadl. Das heisst: 32 Jahre Schnitzel, schunkeln und heile Welt. Alles nur Lug und Trug? Wir haben den Selbstversuch gewagt.

von
Lucien Esseiva

Die Schlagerszene ist debil und verkokst. Die heile Welt ist nur gespielt. Es geht um das grosse Geld, die ganze Sache ist ein abgekartetes Spiel. So lauten die gängigen Vorurteile gegenüber des Schunkel-Genres. Stimmt das? 20 Minuten hat sich in die Höhle der Pauke und Trompete gewagt. Zwei Tage verbrachten wir für Sie am Musikantenstadl in Freiburg. Inspizierten den Backstagebereich, assen uns durch Schnitzelberge und fühlten der Szene auf den Zahn.

Die Reise in die fremde Welt des «Musikantenstadls» beginnt früh. Um zehn Uhr Morgens werden die akkreditierten Journalisten vom Hotel abgeholt. Der Tourismusverband der Region Fribourg will uns Land, Leute, Wein und Essen näherbringen. Es geht ins mittelalterliche Städtchen Murten. Gemeinsam mit Ex-Miss Schweiz und Neo-Schlagerstar Linda Fäh schreitet die Medienschar durch die schmalen Gässchen. Die Schreiber, die dabei sind, haben schon etliche Stadl gesehen und sind allesamt Schlagerfans. Sie lieben und kennen diese Musik. Leben sie. Auf der Schifffahrt auf dem Murtensee später schiessen die Journalisten Fotos mit Linda Fäh. Selfies sind auch in dieser Szene angekommen. Bei der Weindegustation bei einem lokalen Weinproduzenten wird zum ersten Mal angestossen. Aber nicht zum letzten Mal.

Fleisch und Drogen

Geselligkeit und Freundlichkeit wird beim Stadl grossgeschrieben. Auch gegenüber Journalisten. «Wir sind hier sehr offen, wenn man sich an die Regeln hält», sagt Walther Kahl, der seit Jahrzehnten den Stadl betreut. Er erzählt die Geschichte von «RTL Exclusiv», deren Journalisten sich beim Stadl eingeschlichen und auf dem WC nach Drogenspuren gesucht hätten. Natürlich wurde RTL fündig. «Wie auf jedem Klo auf dieser Welt», sagt Kahl. Die Stadl-Droge ist sowieso eine andere. Nämlich Fleisch. Die Speisekarte im Backstagebereich liest sich so: Wurst- oder Käsesemmel (Fr. 4.00, Frankfurter mit Senf und Gebäck (Fr. 6.50), Fleischkäse-Semmel (Fr.4.50). Schnitzelsemmel (Fr. 5.80). Gemüse gibts nicht.

So wichtig Essen auch ist: Es geht eigentlich um Musik. Noch eine Stunde, bis die Sendung beginnt. Im Backstagebereich, dem sogenannten Stadlwirt, sitzen die Stars der Show wie Stefan Mross, Michelle oder Peter Kraus zusammen mit Bühnenarbeitern auf Holzbänken und trinken Bier oder Weisswein. Champagner? Fehlanzeige. Natürlich gibt es Künstlergarderoben, aber die sind zweckmässig karg eingerichtet. Die Sänger und Sängerinnen, die Stimmungsbands oder Jodelgruppen mischen sich unters Volk. «Supertalent»-Gewinner Michael Hirte schlurft dermassen unglamourös durch den Backstagebereich, dass man ihn leicht für den Hausabwart halten könnte.

Überraschungen sind unerwünscht

Überraschungen mag man beim Stadl nicht so gerne. Quasi alle Auftritte sind Vollplayback. Spontane Aktionen oder Singeinlagen werden im mitgebrachten Mini-Studio vor Ort eingesungen und dann in der Sendung abgespielt. Live wäre auch etwas schwierig. Die Bands laufen ja Gitarre, Handorgel oder Bass spielend durchs Publikum. Ein Kabel stört da nur. Auch Moderator Andy Borg begibt sich gerne in die klatschende Masse, immer begleitet von starken Männern in Schwarz – seinen Bodyguards. Hinter der Bühne erzählt ein Stadlmitarbeiter, dass noch nie etwas passiert sei. Spinner gebe es aber immer. Apropos Publikum: Die feiernden, meist recht ansehnlichen Fans scheinen gecastet zu sein. Oder Models. Oder beides. Denn weiter hinten im Saal, meist nicht von den Kameras erfasst, steigt der Alkoholpegel und die Attraktivität sinkt. Dieser Umstand könnte genau diese Überraschungen geben, die man hier nicht so gerne mag.

Nach der Show, an der Seitenblicke-Party, feiern dann alle zusammen. Stars, Produktionsmitarbeiter, VIPs. Wieder gibt es Schnitzel, Freibier und gespritzten Weisswein aus Tassen. Bei dieser gemeinsamen Feierei zeigt sich, dass der gern propagierte Mythos der Stadl-Familie genau eines ist. Nämlich wahr.

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