Protest in Thailand: Zwei Tote – die Gewalt in Bangkok eskaliert
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Protest in ThailandZwei Tote – die Gewalt in Bangkok eskaliert

Bei den Protesten gegen die thailändische Regierung sind zwei Männer getötet worden. 45 Demonstranten sind verletzt worden. Die Polizei setzt Tränengas und Wasserwerfer ein.

von
pwe/jam

Bei den regierungsfeindlichen Protesten in Thailand ist am Samstag ein Mensch getötet worden. Nach Angaben der Polizei wurde der 21-Jährige am Abend bei einer Kundgebung durch zwei Kugeln tödlich getroffen. Wer die tödlichen Schüsse abgab, ist nicht klar. In der Nacht auf Sonntag meldeten Rettungskräfte den Tod einer weiteren Person. Beim zweiten Toten handelt es sich um einen 43-jährigen Regierungsbefürworter, der ebenfalls an Schussverletzungen gestorben sein soll. Überdies sind 45 Protestierende verletzt worden, teils durch Schüsse.

Der Angriff vom Samstag ereignete sich nach Polizeiangaben in der Nähe eines Stadions, in dem sich Anhänger der Regierung versammelt hatten. Auf dem Weg dorthin hatten Regierungsgegner zuvor einen Bus von Unterstützern der Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra mit Steinen attackiert. Hunderte Oppositionelle versuchten ausserdem, den schwer bewachten Regierungssitz in der Hauptstadt zu stürmen. Am Sonntagmorgen zerstreuten sich die Anhänger der Regierung zunächst, um eine weitere Eskalation der Situation zu vermeiden, wie die Nachrichtenagentur AFP meldete. Unter Polizeischutz würden die «Rothemden» das Stadion zu Tausenden verlassen, berichtete ein Fotograf der französischen Agentur aus Bangkok.

Im Verlauf des Sonntag eskalierte die Gewalt dann jedoch erneut. Regierungsgegner versuchten, das Büro von Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra zu besetzen und eine Beton-Absperrung einzureissen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, um die Menge zurückzudrängen. Auch vor dem Hauptquartier der Polizei setzten sich die Sicherheitskräfte gegen eine Gruppe Demonstranten zur Wehr.

Die Opposition sucht heute den «Tag des Sieges»

Die Opposition hat den heutigen Sonntag zum «Tag des Sieges» erklärt und eine Besetzung von Yinglucks Büro angekündigt. Die Demonstranten belagern seit einigen Tagen mehrere Ministerien sowie das Hauptquartier der Streitkräfte. Das Finanzministerium machten sie zu ihrer Protest-Zentrale.

Leser-Reporter F. Straumann ist in einem Hotel in der Nähe des Stadions und hat die Situation in der Nacht von Samstag auf Sonntag beobachtet. Er berichtet via E-Mail: «Seit ca. 19 Uhr sind immer wieder Schüsse gefallen und Sprengkörper explodiert. Ich habe gesehen wie Personen durch Schüsse verletzt und zu Boden gegangen sind. Es flogen mehrere Molotow-Cocktails durch die Luft. Im Moment ist die Lage noch sehr angespannt. Um ca. 23.30 Uhr waren um die 40 Polizeiautos auf der Strasse vor dem Hotel. Keine 400 Meter vom Hotel entfernt kann ich Schusswechsel beobachten. Das Ganze wird untermalt von einer agressiven und hasserfüllten Rede, die in voller Lautstärke aus dem Stadion ertönt. Ich konnte die Rede nicht verstehen, aber sie wurde geschrien und der Redner hatte getobt und geflucht. Ich habe mehrmals das Wort ‹fuck› gehört. Eine sehr beklemmende Situation.» Mittlerweile habe sich die Situation allerdings beruhigt.

Auf dem Leser-Video hört man Schüsse und Explosionen.

Tausende aus der Provinz angereist

Mit dem Aufmarsch Tausender rivalisierender Demonstranten spitzte sich die Lage in Bangkok zu. Die seit einer Woche andauernden Massenproteste waren bis am Samstag friedlich verlaufen. Die Demonstranten stürmten zwar Behörden und Ministerien, die Polizei verzichtete aber auf Gewalt.

Am Samstag waren allerdings Tausende Anhänger der Regierung aus den Provinzen nach Bangkok gereist, um ihre Loyalität zu bekunden. Die Polizei schätzte die Zahl der Rothemden auf 60'000. In verschiedenen Stadtteilen protestierten womöglich ebenso viele Regierungsgegner.

Tausende Regierungsgegner stürmten laut Augenzeugen das Gelände der Telekom-Behörde und der staatlichen Telekom-Firma TOT, machten aber vor den Gebäuden halt. TOT und Behörde liegen in der Nähe des Ministerienkomplexes in Nord-Bangkok, den Demonstranten Mitte der Woche besetzten. Der Komplex hat Klimaanlage, Sanitäreinrichtungen und Geschäfte und ist zu einem Hauptstandort der Demonstranten geworden.

Regierung der Korruption bezichtigt

Die Regierungsgegner prangern Korruption und Vergeudung von Steuergeldern an. Die Regierung erkaufe sich damit die Unterstützung der armen Massen, und nutze die Mehrheit im Parlament dann zum persönlichen Vorteil, sagen sie.

Regierungschefin Yingluck wolle etwa mit einer umstrittenen Amnestie ihren 2006 gestürzten Bruder Thaksin rehabilitieren, hiess es. Dieser war vor einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs ins Ausland geflohen. Das Gesetz scheiterte an vehementen Protesten.

Wortführer Suthep Thaugsuban kündigte an, die Demonstranten wollten die Gelände zahlreicher Behörden besetzen, um die Mitarbeiter fernzuhalten und den Regierungsbetrieb dadurch zu lähmen. Die Volksrevolte werde am Sonntag von Erfolg gekrönt, behauptete er.

«Unsere Regierung arbeitet weiter», sagte dagegen Vize-Regierungschef Phongthep Thepkanjana. «Wir haben bestimmte Gebäude, die wir mit Sicherheit (vor Eindringlingen) schützen werden.»

Die Regierung betont stets, dass sie keine Gewalt gegen die Demonstranten anwenden wolle. Das tat auch die Vorgänger-Regierung bei Massenprotesten 2010. Damals allerdings kamen innerhalb von acht Wochen bei Zusammenstössen mit Sicherheitskräften mehr als 90 Menschen um. Suthep war Vize-Regierungschef und hatte das harte Durchgreifen angeordnet.

Volks-Komitee soll Land regieren

Suthep ernannte in seinem Protest-Hauptquartier in der Nacht ein sogenanntes Volks-Komitee, das das Land vorübergehend regieren soll. Es besteht aus 37 Männern, darunter Geschäftsleuten und Professoren, mit Suthep an der Spitze. Was die überwiegend jungen Demonstranten davon hielten, war zunächst unklar. (pwe/jam/sda)

Thailändischer Oppositionsführer trifft Ministerpräsidentin

Nach den gewalttätigen Zusammenstössen bei den Protesten gegen die Regierung in Thailand hat sich Oppositionsführer Suthep Thaugsuban (Bild) mit Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra getroffen.

Es sei aber keine Einigung erzielt worden, sagte Suthep am Sonntag. Er habe die Forderung bekräftigt, dass die Regierung ersetzt werden müsse.

Suthep äusserte sich bei einer Versammlung seiner Anhänger. Die Opposition bezeichnete den Sonntag als «Tag des Siegs». Allerdings war es ihnen nicht gelungen, Yinglucks Büro zu besetzen. (sda)

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