tAusnahmezustand – Drei Tote nach Militärputsch im Sudan
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tAusnahmezustandDrei Tote nach Militärputsch im Sudan

Der Regierungschef ist nach offiziellen Angaben festgenommen, weitere ranghohe Mitglieder der Regierung ebenfalls. Auf den Strassen regt sich Protest

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Im Sudan sind Sicherheitskräfte nach einem Militärputsch mit tödlicher Gewalt gegen Proteste vorgegangen. 

Im Sudan sind Sicherheitskräfte nach einem Militärputsch mit tödlicher Gewalt gegen Proteste vorgegangen.

REUTERS
Im ostafrikanischen Sudan will das Militär wieder an die Macht. Der höchste Militärvertreter im Land, General Abdel Fattah al-Burhan, verkündete am Montag die Entmachtung der zivilen Regierungsmitglieder.

Im ostafrikanischen Sudan will das Militär wieder an die Macht. Der höchste Militärvertreter im Land, General Abdel Fattah al-Burhan, verkündete am Montag die Entmachtung der zivilen Regierungsmitglieder.

AFP
Im ganzen Land wurde der Ausnahmezustand verhängt.

Im ganzen Land wurde der Ausnahmezustand verhängt.

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Darum gehts

  • Am frühen Montagmorgen hat das Militär im Sudan geputscht.

  • Am Mittag verkündete der höchste General, Abdel Fattah al-Burhan, in einer TV-Ansprache die Auflösung der Übergangsregierung.

  • Premierminister Abdullah Hamduk und weitere Regierungsvertreter wurden von Soldaten festgenommen.

  • Aus der Hauptstadt werden Feuergefechte gemeldet.

Im Sudan sind Sicherheitskräfte nach einem Militärputsch mit tödlicher Gewalt gegen Proteste vorgegangen. Drei Menschen seien getötet worden, als Sicherheitskräfte am Montag das Feuer auf Menschenmassen eröffnet hätten, teilte das sudanesische Ärztekomitee mit. Ausserdem seien 80 Menschen verletzt worden. Stunden zuvor war Regierungschef Abdullah Hamduk festgenommen worden. General Abdel-Fattah Burhan erklärte den Ausnahmezustand und das Übergangskabinett sowie den regierenden Souveränitätsrat für aufgelöst.

Das Informationsministerium teilte mit, Regierungschef Hamduk sei an einen unbekannten Ort gebracht worden. Mehrere weitere ranghohe Mitglieder der Regierung wurden ebenfalls verhaftet. Burhan sagte, das Militär habe wegen des Streits zwischen den politischen Fraktionen eingegriffen. Es werde eine Regierung von Fachleuten einsetzen, die das Land bis zu für Juli 2023 geplanten Wahlen führen solle.

Stimmung war aufgeheizt

Der Gewerkschaftsverband SPA, der 2019 auch die Proteste gegen den später abgesetzten Langzeitmachthaber Omar al-Baschir angeführt hatte, und die Umma-Partei, die grösste Partei des Landes, riefen zu Protesten gegen die versuchte Machtergreifung des Militärs auf.

Die Stimmung auf den Strassen war aufgeheizt. In der Hauptstadt Khartum und im angrenzenden Omdurman gingen riesige Menschenmengen auf die Strassen, wie in Videos zu sehen war, die online zirkulierten. Einige der Demonstranten blockierten Strassen und steckten Reifen in Brand. Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengas. In den Videos war zu hören, wie die Menschen skandierten: «Das Volk ist stärker» und «Rückzug ist keine Option».

Emmanuel Macron verurteilte Putsch

Der Nachrichtenagentur AP lagen Berichte aus einem Krankenhaus in Khartum vor, es seien Menschen mit Schusswunden zur Behandlung gebracht worden. Die Aktivistin Dura Gambo sagte, Paramilitärs hätten Demonstranten verfolgt. In vielen Teilen der Hauptstadt seien Schüsse zu hören gewesen.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron verurteilte den Putsch. Frankreich unterstütze die Übergangsregierung, die den Sudan zu demokratischen Wahlen führen sollte, twitterte Macron. Er forderte ebenso wie UN-Generalsekretär António Guterres die Freilassung Hamduks und anderer Festgenommener.

Die US-Regierung hat den Militärputsch im Sudan «aufs Schärfste» verurteilt und eine Rückkehr zu einer zivilen Regierung gefordert. US-Aussenminister Antony Blinken erklärte am Montag: «Wir lehnen die Auflösung der von Zivilisten geführten Übergangsregierung und der mit ihr verbundenen Institutionen entschieden ab und fordern ihre sofortige Wiedereinsetzung.» Angesichts des Einsatzes von scharfer Munition gegen Demonstranten durch Sicherheitskräfte zeigte er sich besorgt.

Der festgenommene Ministerpräsident der Übergangsregierung, Abdalla Hamdok, müsse sofort freigelassen werden, sagte Blinken. Das Militär hatte am Montag die Übergangsregierung aufgelöst und den Regierungschef sowie weitere Mitglieder seiner Regierung an einen unbekannten Ort gebracht.

Festnahmen von Regierungsmitgliedern

Burhan war bisher der Vorsitzende im sogenannten Souveränitätsrat, der nach der Absetzung Al-Baschirs gegründet wurde und in den letztlich auch zivile Kräfte eingebunden wurden. Der Rat bestellte auch die Regierung unter dem Wirtschaftsexperten Hamduk und sollte das Land zu freien und demokratischen Wahlen führen. Allerdings gab es bereits im September einen Putschversuch.

Neben dem Regierungschef wurden nach Angaben aus informierten Kreisen auch Industrieminister Ibrahim al-Scheich, Informationsminister Hamsa Balul, Mohammed al-Fiki Suliman vom Souveränitätsrat und Faisal Mohammed Saleh, Medienberater von Hamduk, festgenommen. Auch Aiman Chalid, der Gouverneur der Hauptstadtregion Khartum, sei verhaftet worden, hiess es auf seiner offiziellen Facebook-Seite.

Internet abgeschaltet

Das Militär habe Internetverbindungen abgeschaltet und Brücken abgesperrt, teilte das Informationsministerium mit. Im staatlichen Fernsehen wurden traditionelle, patriotische Lieder gespielt, begleitet von Bildern vom Nil. Auch die Organisation NetBlocks, die Internet-Ausfälle dokumentiert, bestätigte grossflächige Störungen im Sudan. Anhand der vorliegenden Daten gehe man davon aus, dass sowohl mobiles Internet als auch der Netzzugang über Kabel abgeschaltet worden sei, hiess es in einer Mitteilung. Dies werde den Informationsfluss und die Berichterstattung der Nachrichtenmedien beschränken.

Eine 30 Jahre alte Geschichte

Der Sudan wurde fast 30 Jahre lang von Omar al-Baschir regiert. Der Langzeit-Machthaber wurde im April 2019 durch monatelange Massenproteste und einen Militärputsch aus dem Amt getrieben. Daraufhin einigten sich das Militär und die zivile Opposition auf eine gemeinsame Übergangsregierung, die den Weg zu Wahlen ebnen sollte. Es folgten zahlreiche Reformen, wodurch sich das ölreiche, aber verarmte Land aus einer jahrzehntelangen Isolation befreien konnte.

Im Mai gewährten internationale Geber, darunter auch Deutschland, dem Sudan einen milliardenschweren Schuldenerlass, um den friedlichen Übergang zur Demokratie zu unterstützen. Allerdings hat sich die wirtschaftliche Lage für viele Menschen nicht verbessert: Nach Angaben der Vereinten Nationen sind die Preise für Lebensmittel und Treibstoff in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. Seit Monaten kommt es im Land immer wieder zu Protesten von Menschen, die politische und wirtschaftliche Reformen fordern.

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Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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(DPA/AFP/kle/chk)

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