Aktualisiert 11.09.2019 21:06

Vaterschaftsurlaub

«Zwei Wochen für Väter ist immer noch Steinzeit»

Frischgebackenen Väter sollen zwei Wochen Ferien erhalten. Linke Politiker sind ernüchtert. Die CVP jubelt über den Kompromiss.

von
B. Zanni
1 / 8
«Zwei Wochen reichen nicht. Die Schweiz befindet sich gleichstellungspolitisch immer noch in der Steinzeit», sagt Daniel Bekcic, Leiter Politik des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

«Zwei Wochen reichen nicht. Die Schweiz befindet sich gleichstellungspolitisch immer noch in der Steinzeit», sagt Daniel Bekcic, Leiter Politik des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Keystone/Gaetan Bally
Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli schliesst sich an: «Der Nationalrat hat es verpasst, mehr als ein kleines Zeichen zur Gleichstellung von Mann und Frau zu setzen.»

Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli schliesst sich an: «Der Nationalrat hat es verpasst, mehr als ein kleines Zeichen zur Gleichstellung von Mann und Frau zu setzen.»

Keystone/Anthony Anex
Echte Gleichstellung bringe einzig eine gleich lange Elternzeit für beide Elternteile – idealerweise von 52 Wochen.

Echte Gleichstellung bringe einzig eine gleich lange Elternzeit für beide Elternteile – idealerweise von 52 Wochen.

Bulat Silvia

Nur einen Tag nach der Geburt des Babys geht es für frischgebackene Väter wieder ab an die Arbeit, sofern es die Firma nicht anders geregelt hat. Am Donnerstag entschied der Nationalrat nach einer über sechsstündigen Debatte jedoch, Vätern künftig gesetzlich zwei Wochen Urlaub zu gewähren. Damit trat der Nationalrat auf den indirekten Gegenvorschlag ein – und lehnte die Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ab.

Die Initianten und linke Politiker sind ernüchtert. «Zwei Wochen reichen nicht. Die Schweiz befindet sich gleichstellungspolitisch immer noch in der Steinzeit», sagt Daniel Bekcic, Leiter Politik des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Dennoch sehe er das Ja zum zweiwöchigen Urlaub als Teilerfolg für ihre Initiative. «Nun gilt es, einen Schritt weiter zu gehen und die Initiative für den vierwöchigen Vaterschaftsurlaub zu gewinnen, den eine überwältigende Mehrheit des Volks befürwortet.»

Nationalrat habe Minimum gewählt

Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli schliesst sich an: «Der Nationalrat hat es verpasst, mehr als ein kleines Zeichen zur Gleichstellung von Mann und Frau zu setzen.» Der Vaterschaftsurlaub dürfe nicht Gnade oder Privileg sein. «Mit zwei Wochen habe sich der Nationalrat für das Minimum entschieden, das für eine junge Familie verkraftbar ist.» Echte Gleichstellung bringe einzig eine gleich lange Elternzeit für beide Elternteile – idealerweise von 52 Wochen.

Auch für SP-Nationalrätin Martina Munz ist der zweiwöchige Urlaub nur ein Tropfen auf den heissen Stein. «Die Schweiz ist familienpolitisch ein Entwicklungsland. Die beiden Wochen sind ein Kompromiss auf tiefem Niveau», sagt Munz. Selbst mit einem vierwöchigen Urlaub liege die Schweiz noch unter dem internationalen Durchschnitt. «Jetzt müssen wir so rasch wie möglich eine Elternzeit hinkriegen, die diesen Namen verdient.» Für sinnvoll halte sie die angekündigte Initiative für eine Elternzeit von 38 Wochen. «Aber selbst damit kann die Schweiz nicht mit dem europäischen Durchschnitt mithalten.»

«Das ist das Höchste der Gefühle»

Mitte-Politiker, aus deren Küche der indirekte Gegenvorschlag eines zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub stammt, hingegen jubeln: «Das ist das Höchste der Gefühle», sagt CVP-Nationalrat Martin Candinas. Noch 2016 sei seine parlamentarische Initiative für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub vom Nationalrat abgeschmettert worden, betont er. Er lobt den indirekten Gegenvorschlag als wirtschaftsverträgliches und finanzierbares Modell mit Mass. Ein Zeichen gegen die Gleichstellung sei dieses Modell nicht. «Die Gleichstellung von Mann und Frau hängt nicht nur vom Vaterschaftsurlaub ab.» Entscheidend sei auch das Fördern von Teilzeitjobs und der familienergänzenden Kinderbetreuung.

Bürgerliche Politiker zeigen sich halbwegs zufrieden. «In meinen Augen ist der zweiwöchige Urlaub finanzierbar. Die extrem starre Regelung ist aber ein Wermutstropfen», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Die FDP mache sich für eine flexible Lösung eines 16-wöchigen Elternurlaubs stark. In diesem habe die Mutter im Grundsatz acht Wochen Anspruch, während der Rest aber frei aufteilbar sei. «Wenn man sagt, Mann und Frau seien gleichgestellt, ist der Gegenvorschlag nicht gerade das Gelbe vom Ei.» Ein Paar solle sich selber organisieren können. «Der zweiwöchige Urlaub entspricht dem freiheitlichen und liberalen Modell nicht wirklich.»

Ohne Gesetz profitierten Väter mehr

Kein Gehör für einen Vaterschaftsurlaub haben rechte Politiker und Wirtschaftsverbände. «Es braucht keine Vaterschaftsurlaub auf Kosten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer», sagt SVP-Nationalrätin Nadja Pieren. Viele Unternehmen böten den Väter bereits gute Lösungen. «Es ist nicht Aufgabe des Staates, einen Urlaub für etwas zu finanzieren, wofür sich jeder freiwillig entscheidet.»

Zudem zögen Väter bei einem von der Erwerbsersatzordnung EO finanzierten Urlaub den Kürzeren. «Die EO bezahlt nur 80 Prozent des Lohns. Die Firmen, die ihren Mitarbeitern einen Vaterschaftsurlaub schenkten, machten das hingegen zu 100 Prozent.

Voraussichtlich kein Referendum

Der Schweizerische Arbeitgeberverband SAV lehnt sowohl die Initiative als auch den Gegenvorschlag ab. Diese würden die Vereinbarkeit für Eltern nicht nachhaltig verbessern, sagt SAV-Mediensprecher Fredy Greuter. «Für die Vereinbarkeit braucht es statt Symbolpolitik wirksame Massnahmen, etwa im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuung. Hier ist die Politik gefordert.»

Ein hoheitlich verordneter Vaterschaftsurlaub ist laut Greuter nicht nur wirkungslos, sondern zwingt die Unternehmen in ein teures Einheitskorsett und rennt offene Türen ein. «Gerade in Zeiten des Arbeits- und Fachkräftemangels müssen die Unternehmen für ihre Angestellten ohnehin möglichst flexibel attraktive Arbeitsbedingungen bieten.»

Pieren geht davon aus, dass die SVP von einem Referendum absieht. «Mit unserer eigenen Begrenzungsinitiative und dem Engagement gegen den EU-Rahmenvertrag haben wir zwei sehr wichtige Themen, die für die Zukunft der Schweiz zentral sind.»

Die Schlussabstimmung im Parlament findet Ende September statt.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.