Selbstversuch: Zwei Wochen ohne Handy – geht das heute noch?
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SelbstversuchZwei Wochen ohne Handy – geht das heute noch?

Unsere Redaktorin verzichtet zwei Wochen lang auf Apps, SMS, Anrufe und alle anderen Smartphone-Funktionen.

von
J. Büchi
Am 1. August startet das Experiment «Handyentzug».

Am 1. August startet das Experiment «Handyentzug».

Keystone/Christoph Schmidt

Wie langen halten Sie es ohne Ihr Mobiltelefon aus? Eine Minute, eine Stunde oder einen ganzen Tag? Für viele Schweizer ist das Handy im Alltag nicht mehr wegzudenken. In kürzester Zeit haben wir uns daran gewöhnt, immer und überall erreichbar zu sein, per Push-Meldung über die aktuellsten News informiert zu werden, jedes Erlebnis fotografisch festzuhalten und sofort mit den Freunden auf Facebook zu teilen.

Gemäss einer aktuellen Studie der ZHAW sind rund fünf Prozent aller Schweizer Jugendlichen handysüchtig. Sie verfallen in eine depressive Stimmung, wenn der Akku leer ist und weisen laut den Studienautoren starke Parallelen zu Drogenabhängigen auf. Auch in der Welt der Erwachsenen treibt die Handy-Manie teilweise bizarre Blüten: Eltern vernachlässigen ihre Aufsichtspflicht in der Badi, weil sie statt ins Becken auf das Display starren. Und Brautpaare sehen sich dazu gezwungen, an Ihrer Hochzeit ein Handyverbot zu verhängen, weil die Gäste mit ihren Smartphones sonst die ganze Feier ruinieren.

Ein Selbstversuch – und eine überraschende Erkenntnis

Grund genug, den eigenen Umgang mit dem Handy einmal zu hinterfragen. Wäre ein Leben ohne das Gerät noch vorstellbar? 20 Minuten macht den Selbstversuch. In den nächsten zwei Wochen werde ich komplett auf mein Phone verzichten. Eigentlich easy. Die Zahl der Apps, die ich regelmässig nutze, ist überschaubar: Neben sechs Nachrichtenportalen sind da noch ein Wetter- und ein Kartendienst, der SBB-Fahrplan und Facebook. SMS und Anrufe sind für mich in erster Linie Mittel zum Zweck. Und die Faszination von Selfies habe ich auch nie verstanden. Ideale Voraussetzungen also, um den Leidensdruck während des Experiments klein zu halten. Dachte ich.

Doch dann belehrte mich eine App, die ich zur Vorbereitung auf meinem Samsung installiert hatte, eines Besseren. Sie misst, wie viel Zeit ich täglich durchschnittlich mit meinem Telefon verbringe (51 Minuten), wie viele SMS ich empfange oder sende (11), wie viele Anrufe ein- und ausgehen (3) und wie oft ich die Tastatur entriegle. Während mir die ersten drei Angaben ziemlich moderat erscheinen, gibt mir Letztere doch zu denken. Im Schnitt tippe ich laut Auswertung rund hundertmal täglich auf den gesperrten Bildschirm – nur, um zu checken, ob eine Push-Meldung oder eine Nachricht eingegangen ist. Bei einer täglichen Wachzeit von rund 16 Stunden macht das etwa sechs (meist unbewusst ausgeführte) Kontrollgriffe pro Stunde. Etwa jedes dritte Mal entsperre ich die Tastatur anschliessend tatsächlich, um eine App zu nutzen oder eine SMS zu beantworten.

Von der «Digitalen Demenz»

Damit ist für die nächsten vierzehn Tage also Schluss. Eine solch radikale Umstellung will natürlich geplant sein: Zur Vorbereitung schreibe ich mir die Telefonnummern der wichtigsten Kontaktpersonen heraus. Genauso wie jene meines eigenen Festnetztelefons, dessen Anschluss es gratis zum Internet-Abo dazugegeben hat und den ich bislang kaum gebraucht habe. Nicht, dass ich ein schlechtes Gedächtnis hätte – ich kann mir Telefonnummern eigentlich sogar relativ leicht merken. Seitdem ich alle Nummern stets in meinem Handy mit mir herumtrage, hielt ich das ganz offensichtlich aber nie mehr für nötig. «Digitale Demenz» heisse das Phänomen, las ich kürzlich. Fähigkeiten, die wir noch vor ein paar Jahren selber haben mussten, lagern wir heute aufs Smartphone aus. Mal schauen, wie es sich mit diesem Handicap im Jahr 2015 lebt.

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