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Wurden Daten gefälscht?Zweifel an vernichtender Studie zu Malaria-Mittel bei Covid-19

Hydroxychloroquin soll laut einer Studie bei Corona-Patienten nicht wirken und schwere Nebenwirkungen haben. Nun distanzieren sich das Fachjournal und drei Autoren von den Ergebnissen.

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Während der Corona-Pandemie stehen Mediziner weltweit vor ein und derselben Frage: Was tun, wenn gegen eine neue Krankheit noch kein spezifisches Medikament existiert?

Während der Corona-Pandemie stehen Mediziner weltweit vor ein und derselben Frage: Was tun, wenn gegen eine neue Krankheit noch kein spezifisches Medikament existiert?

Foto: Keystone
Mit dieser Frage sahen und sehen sich auch die Mediziner des Universitätsspitals Zürich konfrontiert.

Mit dieser Frage sahen und sehen sich auch die Mediziner des Universitätsspitals Zürich konfrontiert.

KEYSTONE
Ihnen bleibt laut Peter Steiger, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich (USZ), nur, die Symptome zu lindern und den Patienten in dessen Selbstheilung zu unterstützten – mit Maschinen und Medikamenten. Neben erprobten Herangehensweisen wie ...

Ihnen bleibt laut Peter Steiger, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich (USZ), nur, die Symptome zu lindern und den Patienten in dessen Selbstheilung zu unterstützten – mit Maschinen und Medikamenten. Neben erprobten Herangehensweisen wie ...

USZ

Darum gehts

  • In einer am 22. Mai 2020 veröffentlichten Studie kamen Forscher zum Schluss, dass Hydroxychloroquin oder Chloroquin die Überlebenschancen von Covid-19-Patienten eher verschlechtert als verbessert.
  • Diese Arbeit wurde nun vom Fachjournal, das sie publiziert hat, mit einem Warnhinweis versehen. Tests, die infolge der Studie gestoppt wurden, werden nun fortgesetzt.
  • Zuvor war Kritik an dieser laut geworden. Unter anderem hatten drei der vier Autoren berichtet, dass sie Zweifel an ihren Daten nicht ausräumen konnten.

Mehrere Tests mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin bei Covid-19-Erkrankten können wieder aufgenommen werden. Experten haben sämtliche Daten erneut überprüft und sind zum Schluss gekommen, dass nichts gegen eine Fortsetzung der Tests spricht.

Das Mittel war Bestandteil einer von der WHO koordinierten Forschungsreihe mit mehr als 3500 Patienten in 35 Ländern, wie der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, in Genf sagte.

Dabei wird untersucht, ob verschiedene schon vorhandene Medikamente etwa gegen Malaria, HIV, Ebola und Multiple Sklerose einen Effekt gegen Covid-19 haben. Nach einem Bericht in der Fachzeitschrift «The Lancet», dass Hydroxychloroquin womöglich die Todesrate erhöhen könnte, waren die Versuche Ende Mai vorübergehend ausgesetzt worden. Auch Swissmedic war eingeschritten und hatte illegal gehandelte Chargen beschlagnahmt.

Keine Beweise für Wirksamkeit

Das sei eine Vorsichtsmassnahme gewesen, die nach Urteil der Experten nicht mehr nötig sei, sagte Tedros. Soumya Swaminathan, Chefwissenschaftlerin der WHO, betonte aber: «Es gibt bislang keine Beweise, dass irgendein Medikament die Mortalität reduziert.»

Das Journal «The Lancet» hat am Donnerstagabend seine Studie zu Hydroxychloroquin und Chloroquin mit einem offiziellen Warnhinweis – einem sogenannten «expression of concern» – versehen. Drei der vier Autoren – der Studienleiter Mandeep Mehra von der Harvard University sowie die Co-Autoren Frank Ruschitzka vom Universitätsspital Zürich und Amit Patel von der University of Utah – hatten berichtet, dass sie Zweifel an ihren Daten nicht ausräumen konnten.

Gemäss Spiegel.de teilten sie mit, dass sie sich für eine unabhängige Überprüfung der Daten eingesetzt hätten, dies sei jedoch von der vierten Partei, der Firma Surgisphere, die die Daten geliefert hatte, abgelehnt worden. «Auf der Grundlage dieser Entwicklung könnten wir nicht länger für die Richtigkeit der Primärdaten bürgen», so Mehra, Ruschitzka und Patel. Bei dem Fachjournal und den Lesern entschuldigten sich die Wissenschaftler laut dem Magazin.

Kein Zweifel an weiterer Studie des Zürcher Forschers

Frank Ruschitzka, Leiter des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Zürich, war nicht nur an der nun beanstandeten Studie beteiligt. Mit seinem Team hat er auch erstmals nachgewiesen, dass Covid-19 nicht nur eine Lungenkrankheit ist, sondern Sars-CoV-2 auch Entzündungen in sämtlichen Blutgefässen auslöst und damit die körpereigene Abwehr ausser Kraft setzt. «Das Virus trifft uns da, wo es uns am meisten schadet», so der Experte zu 20 Minuten. Die Folge seien Durchblutungsstörungen und vermehrte Thrombosenbildung im ganzen Körper. Das könne zu Organversagen bis zum Tod führen.

Forscher aus der Schweiz beteiligt

Die Forscher hatten die Studie in «The Lancet» vom 22. Mai veröffentlicht. Sie hatten nach Studien-Angaben Daten von gut 96'000 Patienten ausgewertet (siehe Box). Wegen der negativen Ergebnisse waren mehrere Studien zu Hydroxychloroquin ausgesetzt worden.

Zuvor hatte sich unter anderem ein Artikel im Fachjournal «Nature» Ende Mai kritisch über die Studie in «The Lancet» geäussert und dazu, dass daraufhin viele Studien zu Hydroxychloroquin ausgesetzt worden waren.

US-Präsident Donald Trump hatte Hydroxychloroquin wiederholt als Wundermittel und sogar als «Geschenk Gottes» gepriesen. Zuletzt sorgte er für Aufregung mit der Aussage, er nehme das Medikament prophylaktisch ein, um sich vor dem Virus zu schützen.

Woher stammen die Daten?

Die Daten, welche die Forscher in der nun mit einem Warnhinweis versehenen Studie ausgewertet haben, stammten vom US-Unternehmen Surgisphere, das nach eigenen Angaben auf die Analyse von Gesundheitsdaten spezialisiert ist. In ihrem offenen Brief kritisieren 146 Forscher unter anderem, dass andere Wissenschaftler keinen Zugang zu den Rohdaten erhielten. Diese bräuchte es, um die Schlussfolgerungen nachvollziehen zu können. Auch werde nichts über die Länder und die Krankenhäuser gesagt, aus denen die Daten kommen. Zudem sei fraglich, wie es Surgisphere in so kurzer Zeit möglich gewesen sei, die Daten von mehr als 96’000 Patienten zusammenzutragen. Insgesamt zehn Punkte listeten die Autoren auf, zu denen ihnen die Darstellungen in der Studie unklar oder zweifelhaft erschienen.

(SDA)

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139 Kommentare
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Überdenker

05.06.2020, 17:32

Ich als Laie sehe schon vom Schiff aus, dass dies keine gute Idee ist. Ich fühle mich langsam wirklich als Überdenker, nur weil ich Dinge doppelt, unabhängig recherchiere und eins plus eins zusammen zähle. Niemanden intressiert sich für Langzeitstudien, denn die Menschheit ist ja da um als Versuchskaninchen her zu halten. Wie sieht es mit anderen Dingen aus?

Amytis

05.06.2020, 17:22

Die US-Medien berichten, dass diese amerikanische Firma Surgisphere bloss drei Angestellte hat. Ein Angestellter davon ist ein Science-Fiction-Schriftsteller, die zweite Angestellte ist ein "Adult Content Model"(>_>). Ich bin sprachlos...

Tja

05.06.2020, 17:19

Man sollte jede Studie mindestens dreimal wiederholen, von unabhängigen Forscherteams. Erst dann können zuverlässige Aussagen gemacht werden.