Gotthard-Game: Zweite Röhre? Bilden Sie sich spielend Ihre Meinung
Publiziert

Gotthard-GameZweite Röhre? Bilden Sie sich spielend Ihre Meinung

Junge Menschen interessieren sich zu wenig für Politik. Das finden drei Game-Entwickler und haben ein Spiel zur Meinungsfindung geschrieben.

von
J. Graber

Sind Sie für eine zweite Röhre durch den Gotthard oder nicht? Sie wissen es nicht und bleiben der Abstimmung deshalb fern? Wenn die Schweizer Spieleentwickler Benjamin Lemcke und Sebastian Imbach an die Politikverdrossenheit der stimmberechtigten Schweizer Bevölkerung denken, werden sie unruhig. «1993 ging von den unter 30-jährigen Stimmberechtigten noch die Hälfte abstimmen», sagt Lemcke und ergänzt: «Heute sind es noch 25 Prozent, ein Viertel!»

Diesem Desinteresse wollen der 26-jährige Lemcke und der 28-jährige Imbach zusammen mit ihrem dritten Partner, Christian Enzler (31), entgegentreten: Mit ihrem Start-up Opinion Games veröffentlichen sie rechtzeitig zur kommenden Abstimmung am 28. Februar das gleichnamige Politikspiel «Opinion Games». Mit dem Serious Game, das für zukünftige Abstimmungen erweitert werden soll, hofft das Trio, vor allem bei jungen Leuten das Feuer für politischen Entscheidungen zu entfachen.

Argumente der Opponenten erspielen

Das Spiel ist simpel: Gamer können auf spielerische Weise die Argumente zweier politischer Gegner erleben. Im Fall der zweiten Gotthardröhre schlüpfen sie in die jeweiligen Rollen der Opponenten. Als Gegner der Röhre verschieben sie beispielsweise im Rennen gegen die Zeit Lastwagen auf den Zugverkehr und klicken Schlaumeier weg, die den Pannenstreifen als Schnellspur benutzen wollen. So erfahren sie mehr über die Probleme, die bei nur einer Spur entstehen könnten. Umgekehrt sehen die Spieler die Argumente der Befürworter und erleben, wie wegen des Gegenverkehrs bei nur einer Röhre frontale Kollisionen drohen. Am Ende einer Partie werden die Argumente der Befürworter und Gegner aufgelistet.

«Wir stellten uns dafür selbst ein bisschen naiv und versuchen die Argumente auf zugespitzte Weise zu vermitteln», sagt Imbach. Das Game soll lediglich als Einstiegspunkt für die weitere, vertiefte Meinungsbildung dienen. Opinion Games orientiere sich ausschliesslich an den Argumentationen der jeweiligen Komitees, sagt er. Die eigene Meinung versuchten sie aussen vor zu lassen. Für den ersten Versuch haben sie die Finger bewusst von der schwierigeren Durchsetzungsinitiative gelassen. «Uns fehlte zudem lange ein offizielles Gegenkomitee, das uns seine Argumente vorlegen konnte», sagt Lemcke.

Für mehr Bewusstsein

Als Motivation für «Opinion Games» nennen Lemcke und Imbach einerseits Erfahrungen in der eigenen Familie. Imbach ist vor einem intellektuellen, politischen Hintergrund aufgewachsen. Und in Lemckes Familie und Bekanntenkreis sei stets über Politik diskutiert worden. Lemcke: «Ich finde es bedenklich, wie in der weltweit besten Demokratie die Beteiligung am demokratischen Prozess immer mehr schwindet.» Viele Menschen hätten eigentlich ein politisches Interesse, aber ihre Ahnungslosigkeit hindere sie daran, am Prozess teilzunehmen.

Im spielerischen Lernen sehen sie einen Lösungsansatz. «Ich habe selbst vieles aus Games erlernt», sagt Imbach. Games seien nicht nur reine Unterhaltung, sondern könnten auch zur Bildung des Intellekts beitragen. Imbach: «Als das grösste Problem empfinde ich nicht Leute mit politischen Meinungen, die meiner eigenen widersprechen, sondern Menschen, die sich überhaupt nicht informieren.» Imbach und Lemcke sind sich einig, dass sie in einer Welt leben möchten, in der Menschen mehr Bewusstsein entwickeln und an politischen Entscheidungen teilnehmen.

«Opinion Games: Gotthardsanierung» ist seit dem 1. Februar für iOS- und Androidgeräte erhältlich. http://opiniongames.ch/

Deine Meinung