Kantonsgericht St. Gallen: Zwilling freigesprochen – war es der Bruder?
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Kantonsgericht St. GallenZwilling freigesprochen – war es der Bruder?

Weil er zu schnell fuhr, wurde ein heute 42-Jähriger vom Kreisgericht verurteilt. Das Kantonsgericht sprach ihn allerdings frei, weil ebenso gut sein Zwillingsbruder gefahren sein könnte.

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taw
Lenkte der 42-jährige Beschuldigte das Auto mit 103 statt der erlaubten 60 km/h zwischen Wittenbach SG und Lömmenschwil oder war es sein Zwillingsbruder? (Bild: Google Street View)

Lenkte der 42-jährige Beschuldigte das Auto mit 103 statt der erlaubten 60 km/h zwischen Wittenbach SG und Lömmenschwil oder war es sein Zwillingsbruder? (Bild: Google Street View)

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Lenkte der 42-jährige Beschuldigte das Auto mit 103 statt der erlaubten 60 km/h oder war es sein Zwillingsbruder? Diese Frage beschäftigte im Oktober 2015 das Kreisgericht St. Gallen und letzte Woche auch das Kantonsgericht.

Fest stand, dass einer der beiden am 11. Oktober 2014 nachts um 2.30 Uhr 40 km/h zu schnell auf der Strasse zwischen Wittenbach SG und Lömmenschwil unterwegs gewesen war. Die Staatsanwaltschaft klagte den einen der groben Verkehrsregelverletzung an und verlangte eine unbedingte Geldstrafe.

Stirnfalte entscheidend

Man könne nicht mit Sicherheit sagen, wer von den beiden Brüdern das Auto gelenkt habe, hatte der Verteidiger vor dem Kreisgericht St. Gallen erklärt. Die eineiigen Zwillinge seien sehr schwer auseinander zu halten. Beide hätten dieselbe DNA. Nur der Fingerabdruck sei unterschiedlich.

Die Anklage führe an, dass sein Mandant an der Stirne eine Falte habe, die beim Bruder fehle. Dies stimme zwar, doch könne diese auf dem qualitativ schlechten Foto nicht erkannt werden. Der kriminaltechnische Dienst der Kantonspolizei meine zwar, sie zu erkennen, doch könne es sich ebenso gut um eine optische Täuschung handeln.

Urteil nicht akzeptiert

Für den Einzelrichter am Kreisgericht St. Gallen stand jedoch ohne Zweifel fest, dass der Beschuldigte und nicht sein Zwillingsbruder den Wagen zu schnell gelenkt hatte. Der kriminaltechnische Dienst habe unter anderem auch den Winkel

des Merkmals ausgemessen und dieser stimme mit der Falte, die auf dem Foto zu erkennen sei, überein. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass eine optische Täuschung ebenfalls genau diesen Winkel aufweise.

Der Beschuldigte erhielt wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 30 Franken.

Zweifel zu gross

Zusammen mit seinem Verteidiger legte der Schweizer Berufung ein. Er könne sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wer in der fraglichen Nacht das Auto gefahren habe, erklärte der 42-Jährige an der Berufungsverhandlung von anfangs Mai. Sowohl er als auch sein Zwillingsbruder hätten jeweils abwechslungsweise

das Fahrzeug der Schwester ausgeliehen.

Sein Verteidiger wiederholte einen Grossteil der Argumente, die er bereits vor der Erstinstanz ins Feld geführt hatte. Im kriminaltechnischen Bericht würden Wörter wie «eher» und «mit grosser Wahrscheinlichkeit» gebraucht. Dies reiche

für eine Verurteilung nicht. Um den Sachverhalt vollständig zu ermitteln, brauche es zwingend ein anthropologisches Gutachten.

Nun hat das Kantonsgericht seinen Entscheid veröffentlicht und fällte im Gegensatz zur Vorinstanz einen Freispruch. Damit trägt der Staat die Kosten des Untersuchungs- und der beiden Gerichtsverfahren von 4700 Franken. Zudem erhält der Mann für seine private Verteidigung rund 4800 Franken. (taw/sda)

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