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Fiat vor der Expansion«Zwischen Arbeitslosigkeit und Mafia»

Im Fiat-Werk in Pomigliano d'Arco bei Neapel stehen die Bänder still. Nur vorübergehend, beteuert der Autobauer. Für immer, fürchten die Arbeiter. Ihre Zukunft ist ungewiss, aber, so sagen sich viele: «Wenn das Werk geschlossen wird, gehen wir auf die Barrikaden.»

«Wenn sie die Fabrik dichtmachen, haben wir nur noch die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und der Mafia», sagt der zweifache Vater Mimmo Vacchiano, der vor den geschlossen Fabriktoren steht. Im Gegensatz zum reichen Norden Italiens gebe es hier sonst keine Arbeit.

«Wenn das Werk geschlossen wird, gehen wir auf die Barrikaden.» Vacchiano fürchtet wie viele der 40 000 Einwohner von Pomigliano, dass die Stadt im Schatten des Vesuv den Preis für Fiats weltweite Expansionsstrategie bezahlen muss.

Nach dem Einstieg beim US-Konzern Chrysler hat Fiat auch ein Gebot für den deutschen Auto-Konzern Opel abgegeben. Ohne Einschnitte, so viel steht fest, wird ein Zusammenschluss mit der Tochter des US-Konzerns General Motors (GM) nicht über die Bühne gehen.

Jeder fünfte arbeitslos

In Pomigliano ist schon heute fast jeder Fünfte arbeitslos. Macht Fiat die Autofabrik dicht, stünden 5000 Menschen mehr auf der Strasse. Auch 20 000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern stünden auf der Kippe.

«Alles würde zusammenbrechen», prophezeit Bürgermeister Antonio Dellaratta. Es wäre ein neuer Tiefpunkt für die Region um Neapel, deren industrieller Niedergang in den 1980er-Jahren begann.

Fiat-Chef Sergio Marchionne will mit Opel und Chrysler einen globalen Konzern schmieden, der über sechs Millionen Autos im Jahr verkauft. 20 Prozent am bankrotten Chrysler-Konzern haben die Italiener schon, am Mittwoch gaben sie ihr Angebot für Opel ab.

Marchionne schürt Angst

Mit den italienischen Gewerkschaftern will Marchionne erst verhandeln, wenn die Fusion unter Dach ist, aber sein Konzept für Opel schürt schon jetzt die Angst.

Gemäss dem Plan «Project Phoenix» soll das Werk in Pomigliano verkleinert werden, und am Standort im sizilianischen Termini Imerese sollen gar keine Autos mehr gebaut werden.

Pomigliano könnte zum Verhängnis werden, dass es entgegen des Trends zu sparsamen Modelle Luxuskarossen der Marke Alfa Romeo baut. In Termini Imerese wird die Marke Lancia produziert, die bei einer Allianz mit Opel wegfallen könnte.

Deutschland im Vorteil

»Der Erhalt der fünf italienischen Fiat-Standorte steht nicht zur Debatte», sagte Italiens Industrieminister Claudio Scajola noch am Dienstag. Doch die Einflussmöglichkeiten der Regierung sind begrenzt: Italien ist hoch verschuldet und muss den Wiederaufbau in der Erdbebenregion Abruzzen schultern.

Die deutsche Regierung, die gerade vor der Bundestagswahl alle Opel-Standorte erhalten will, könnte im Zweifel mehr Geld zur Verfügung stellen und so die deutschen Standorte sichern, fürchten viele in Süditalien.

Die Menschen hier seien nicht gegen einen Zusammenschluss mit Opel, sagt Pomiglianos Bürgermeister Dellaratta. «Aber die Produktion muss hier bleiben - schliesslich ist Fiat eine italienische Firma.»

Daniel Flynn, Reuters

(sda)

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