Doktor Sex

26. August 2018 15:00; Akt: 24.08.2018 17:03 Print

«Bin ich nach dem Petting noch Jungfrau?»

Binas Mutter besteht darauf, dass sie unberührt in die Ehe geht. Die Tochter fragt sich, welche Grenzen dafür eingehalten werden müssen.

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Frage von Bina (17) an Doktor Sex: Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Sie ist sehr streng mit mir, aber auch in ihren moralischen Ansichten, und besteht unbedingt darauf, dass ich als Jungfrau in die Ehe gehe. Jedoch habe ich seit einem Jahr einen Freund, mit dem ich eine Freundschaft-Plus-Beziehung führe. Bisher haben wir nur ein bisschen rumgemacht und uns dabei geküsst. Letzte Woche kam es nun aber zu meinem ersten Mal Petting. Aber Geschlechtsverkehr hatten wir nicht.

Natürlich war es wunderschön aber ich bin auch etwas verwirrt, weil ich nun nicht genau weiss, was das bezüglich dem Anspruch meiner Mutter bedeutet. Bin ich nun keine Jungfrau mehr, weil ich Petting hatte? Kann ich auch durch andere Handlungen entjungfert werden? Oder verliert eine Frau ihre Jungfräulichkeit erst in dem Moment, wenn der Penis eines Mannes in ihre Vagina eingedrungen ist?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Bina

Die sogenannte «Jungfräulichkeit» ist eine Konstruktion von Männern zur Kontrolle der Frau und ihrer Sexualität. Streng genommen bezieht sie sich nur auf den vaginalen Geschlechtsverkehr – will heissen auf das Durchstossen des Jungfernhäutchens. Durch Anal- oder Oralverkehr und Petting kann eine Frau ihre Jungfräulichkeit also eigentlich nicht verlieren. Subjektiv gesehen gilt diese Aussage aber nicht. Denn ein richtiger Patriarch würde es nie akzeptieren, dass die Frau, die er als seinen Besitz erachtet, vor der Ehe irgendwie geartete sexuelle Kontakte mit einem anderen Mann hat.

Es ist unglaublich, dass in manchen Ländern – und leider auch im Verständnis sogenannt zivilisierter und aufgeklärter Menschen in unseren Breitengraden – auch heute noch ein intaktes Stück Gewebe am Scheideneingang darüber entscheidet, ob eine Frau ehrbar ist oder als «Schlampe» abgestempelt wird, die im Extremfall aus der sozialen Gemeinschaft verstossen wird. In manchen Kulturen ist es nämlich möglich, dass der Ehemann die Hochzeit für nichtig erklären und die Frau so der Ächtung und dem sozialen Ausschluss aussetzen kann, wenn in der Hochzeitsnacht kein Blut fliesst.

Je nach Beschaffenheit des Hymens – so wird die Jungfernhaut in der medizinischen Fachsprache genannt – kann es aber beim ersten Mal gar nicht zu einer blutenden Verletzung kommen. Zwischen 30 bis 50 Prozent der Frauen spüren beim ersten Geschlechtsverkehr nämlich weder Schmerzen noch bluten sie, da ihr Hymen beim Eindringen des Penis nicht reisst, sondern nur gedehnt wird. Der Test mit dem blutigen Bettlaken am Morgen nach der Hochzeitsnacht ist also eigentlich ein Witz und viele «Jungfrauen» behelfen sich deshalb zu ihrem Schutz mit einer Kapsel aus künstlichem Blut, die sie im entscheidenden Moment platzen lassen.

Sorge dich nicht: Ob du noch Jungfrau bist, ist sekundär. In deinem Alter darfst du selber entscheiden, mit wem du deinen Körper teilen möchtest. Wenn du magst, kannst du aber trotzdem einmal das Gespräch suchen mit deinen Eltern und sie darum bitten, dir ihre Wertvorstellungen bezüglich Sexualität darzulegen. Vielleicht findet ihr dabei heraus, dass es deiner Mutter nicht so sehr um die Jungfräulichkeit an sich als vielmehr darum geht, dass du verantwortungsbewusst mit dir umgehst und nicht unerwünscht schwanger wirst. Viel Glück!

(eme)