«Switzerländers»

16. Juni 2019 08:24; Akt: 26.06.2019 08:42 Print

«Auf dem Rhein fühle ich mich geborgen»

von Noah Zygmont / Julia Panknin - Seit eh und je arbeitet Thomas Schweizer (58) auf dem Wasser. Zuerst als Matrose, jetzt als Flussfahrtschiff-Kapitän im Basler Hafenbecken.

Das ist Thomas' «Switzerländers»-Beitrag – und wo ist deiner? (Video: Manuel Täuber / Tarek El Sayed)
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Lässig läuft Thomas Schweizer auf das 110 Meter lange Flusskreuzfahrtschiff, die FGS Jane Austin zu, die im Hafenbecken von Basel liegt. Es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint auf das Upperdeck, während die Passagiere ordentlich aufgereiht und mit entspannten Gesichtern auf den Einstieg warten. Der Kapitän ist heute nicht im Dienst, trotzdem kann er sich ein «Welcome on board!» nicht verkneifen.

Mit 17 Jahren absolvierte der gebürtige Oensinger die Ausbildung zum Matrosen, anschliessend machte er die Patentprüfung zum Schiffsführer. Nun chauffiert Thomas seit knapp 40 Jahren Menschen von Basel her den Rhein hinauf Richtung Norden. Im Gespräch wird schnell klar: Für ihn ist die Arbeit auf dem Wasser nicht nur ein Job, es ist seine Leidenschaft.

Der Mann, der sich selbst als Vollblutschweizer bezeichnet («ich habe die Schweiz ja sogar im Namen»), sagt, er erfülle auch bei der Arbeit die traditionellen nationalen Klischees: «Ich bin immer pünktlich und sehr präzise.» Die grösste Verspätung, die er je mit einem Passagierschiff gehabt habe, seien sechs Stunden gewesen. Und das nur, «weil etwas mit der Technik an Land nicht stimmte», erklärt er.

Mit glänzenden Augen steht der 58-Jährige in der Fahrerkabine. Hier findet er jeden Knopf blind, weiss genau, welches Lämpchen welche Information preisgibt. Sein Blick schweift in die Ferne, als er seine Liebe zur Schifffahrt erklärt: «Das stille Dahingleiten auf dem Wasser, das Reisen auf dem Rhein und quer durch Europa – für mich gibt es kaum etwas Schöneres. Auf dem Wasser fühle ich mich einfach geborgen.»


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Sein erweitertes Zuhause sei eine kleine Welt für sich. «Hier hat man auf engem Raum mit vielen Menschen zu tun. Natürlich gibt es da auch manchmal Zoff an Bord.» In der Regel ist Thomas sieben bis zehn Tage am Stück mit seiner Crew unterwegs, gearbeitet wird dann zwölf Stunden am Tag. Er lebt also aus dem Koffer. Das mache ihm nichts aus: «Die Freizeit, die mir bleibt, nutze ich dafür sehr effizient und intensiv mit meiner Familie. Ich empfinde die Abwechslung als sehr schön.» Er könne sich deshalb gut vorstellen, seiner Arbeit auch noch mit 75 Jahren nachzugehen, natürlich nur, falls er dann immer noch fit sei.

Und danach sieht es im Moment aus. Erst kürzlich habe er routinemässig den Belastungstest machen müssen, bei dem die Mitarbeiter regelmässig auf Herz und Nieren geprüft werden. Mit seinen 58 Jahren habe er im Fitnessbereich überdurchschnittlich gut abgeschlossen, erzählt er nicht ohne Stolz: «Ich war selbst überrascht, interpretiere es nun aber einfach als positives Zeichen für die Zukunft.»

«Vor fünf Jahren im August havarierte mein damaliges Schiff»

Trotz oder gerade wegen seiner Freude an seinem Beruf und seiner Heimat gibt es jedoch auch Dinge, über die sich Thomas ärgert: «Die Schifffahrt wird ganz klar als Stiefkind der Schweizerischen Verkehrspolitik behandelt.» Seit 1950 werde kaum noch Geld in diesen Sektor investiert, dabei wäre es unter anderem dringend nötig, die Schleusen der französischen Elektrizitätsgesellschaf EDF zwischen Basel und Strassburg zu modernisieren und die «kleinen» Schleusen auf zwei Schiffsbreiten zu vergrössern, erklärt er. «Das wäre viel wichtiger als der unüberlegte Plan, in Basel ein drittes Hafenbecken zu bauen.»

Jedes Schiff sei ein sehr effizientes und gleichzeitig ressourcenschonendes Transportmittel, das grosse Leistung erbringe. Die Schweizer Schifffahrt benötige aber dringend mehr Gehör und Aufmerksamkeit, auch um im europäischen Vergleich zu überzeugen, meint Thomas. Deshalb engagiere er sich auch im Verband für Schiffsverkehr und setze sich dort für ein besseres Image ein.

Der Unfall ereignete sich an seinem freien Tag, trotzdem erlebte er ihn vom Basler Hafen aus mit.

Als wir Thomas zum Abschluss des Gesprächs noch nach einem besonderen Moment in seiner Laufbahn fragen, senkt er seinen Blick: «Vor fünf Jahren im August havarierte mein damaliges Schiff. Merlin war kein Personentransportmittel, sondern ein Kranschiff, das Kies geladen hatte. Es bekam Schlagseite und kippte.» Der Unfall ereignete sich an seinem freien Tag, trotzdem erlebte er ihn vom Basler Hafen aus mit. Die Bilder des auf dem Rücken liegenden Schiffs waren in den Tagen darauf in allen Medien zu sehen. Eine prägende Erfahrung für den Kapitän, die ihn lange beschäftigte: «Zum Glück wurde niemand verletzt», seufzt er.

Als Thomas Schweizer von «Switzerländers» hörte, überlegte er nicht lange. Er wollte seine Sicht auf sein Land unbedingt einbringen. Jetzt hast du «seine Schweiz» kennen gelernt – und wie sieht deine aus? Teile dein Video auf switzerlanders.20min.ch mit uns!


Creative Director Michael Steiner erklärt dir im Video, worum es bei «Switzerländers» geht.

Hier erklärt dir Michi Steiner kurz, wie du deinen «Switzerländers»-Beitrag am filmst, damit er die besten Chancen auf einen Platz im Kinofilm hat.

«Switzerländers» ist ein Kulturprojekt von Tamedia.