«Switzerländers»

05. Juli 2019 04:50; Akt: 05.07.2019 04:50 Print

«Mein Video zeigt, was in Lausanne so läuft»

von Olivia Fuchs - Tagsüber ist Hippolyte Samonini Lehrer an einer Primarschule in Lausanne. In seiner Freizeit fährt er gern stehend und nur auf dem Hinterrad Velo.

Das ist Hippolytes «Switzerländers»-Beitrag – und wo ist deiner?
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Hippolyte Samonini hat eine grosse Leidenschaft: «Wheeling», er nennt es auch das «Bike Life». Wenn er nicht gerade Mathe, Geschichte, Französisch oder Geografie in einer Primarschule in Lausanne unterrichtet, fährt der 26-Jährige mit seinem Velo durch die Strassen – und zwar nur auf dem Hinterrad. Der junge Mann mit italienischen Wurzeln widmet uns ein wenig seiner Zeit, um von seinem Hobby zu erzählen.

Hippolyte, warum hast du uns dieses Video geschickt?

Das Video repräsentiert ziemlich gut, was in Lausanne so läuft. Es wurde während der Critical Mass in Lausanne gedreht. Das ist ein Event, der jeden letzten Freitag im Monat stattfindet und die Autofahrer sensibilisieren soll, auf die Velofahrer auf der Strasse zu achten. An jenem Tag waren wir stolze 250 Leute. Es macht immer besonders Spass, wenn wir so viele sind. Da hat man sofort ein angenehmes Gefühl.

Kannst du uns in zwei, drei Worten beschreiben, was im Video zu sehen ist?

Man sieht mich beim «Wheeling» an verschiedenen Orten in Lausanne: bei der Kirche Saint-François, auf der Place de la Riponne, am Bahnhof und sogar bei der Kapelle La Maladière. Es macht mir Spass, mich nur auf einem Rad fortzubewegen, stehend und ohne die Hände zu benutzen. Ich gehe dieser Leidenschaft seit etwa zwei Jahren nach. Eigentlich wäre die richtige Bezeichnung dafür «Bike Life» – so nennen die Engländer und Amerikaner es.

Warum ist dir dieses Video wichtig?

Ganz einfach: Weil wir versuchen, die Leute zu sensibilisieren. Wir wollen zeigen, dass wir nichts Kriminelles machen. Wenn es ums «Wheeling» geht, hält man uns manchmal für Idioten, entschuldige den Begriff. Aber wir werden wirklich oft so angeschaut. Ich finde es wichtig, dass wir versuchen, dieses Image zu ändern, indem wir zeigen, was wir machen.

«Mein Video repräsentiert ziemlich gut, was in Lausanne so läuft»

Seit wann machst du «Wheeling»?

Vor etwa zwei Jahren habe ich damit angefangen und seit sechs Monaten mache ich Videos. Man muss wissen, dass es in London und in den USA inzwischen sogenannte «Bike Storms» gibt. Dabei treffen sich Leute fürs «Wheeling». Vor zwei Wochen kamen in London 8000 Personen zusammen. Das ist einfach riesig und lässt einen träumen! Ich weiss nicht, ob wir in der Schweiz irgendwann ähnliche Ausmasse erreichen. Aber ich will mich im «Bike Life» weiterentwickeln, weil ich dadurch die Chance habe, viele unglaubliche Menschen kennenzulernen. Ich habe Lust, weiterzumachen!

Wie lernt man «Wheeling»?

Man muss möglichst schnell verschiedene Reflexe einsetzen. Am Anfang hebt man das Rad eine Sekunde lang einen Zentimeter an und ist zufrieden. Dann lernt man, wie man in die Pedale treten kann und gleichzeitig sein Gleichgewicht behält. Aber das Wichtigste ist die Bremse. Man muss hinten ein bisschen bremsen, um nicht zu stark nach hinten zu kippen und auf den Rücken zu fallen. Das Ziel ist, sich zwischen dem Gleichgewichtspunkt und dem Punkt, in dem man fällt, zu halten. In bin auf einem Niveau angekommen, auf dem ich zwei oder drei Kilometer so fahren kann, ohne anzuhalten.

Ist es erlaubt, auf der Strasse so zu fahren?

Das ist ein bisschen das Problem. «Wheeling» ist nirgends richtig erlaubt. In den Skateparks stört es die Kickboards und Skates. Die Franzosen nutzen oft die Leichtathletikbahnen, aber in der Schweiz hat man nicht wirklich das Recht, diese dafür zu nutzen. Auch auf Parkplätzen wurde ich schon angeschnauzt. Es gibt also kaum Orte, an denen man «Wheeling» ungestört machen kann. Ich wurde sogar schon zwei- oder dreimal von der Polizei angehalten. Normalerweise sagen sie mir dann, ich solle es nicht auf dem Trottoir machen. Auf den Velowegen ist es aber akzeptiert.

Wie hast du dein Video gedreht?

Mein bester Freund hat gefilmt. Wir treffen uns ein- oder zweimal pro Woche, um kleine Sequenzen zu filmen. Darin können Events wie die Critical Mass oder auch nur ich vorkommen. Er filmt mich mit einem Handy und einem Stabilisator, den wir vor etwa sechs Monaten gekauft haben. Ich kümmere mich dann mithilfe einer Videosoftware um den Schnitt.



Warum wolltest du bei Switzerländers mitmachen?

Ich war an der Tankstelle in meinem Quartier und habe die «20 Minuten» gesehen mit dem Titel und der Person, die mit dem Finger auf mich zeigte. Da habe ich mir gesagt: «Hippolyte, du machst Videos. Du willst dich ein wenig bekannt machen. Mach mit! Du hast nichts zu verlieren.» Ich fand das Konzept sehr interessant, einen Film zu machen aus Videos von irgendwem.

Warum sollte man deiner Meinung nach beim Projekt mitmachen?

Einfach weil das Projekt eine Erinnerung für die kommenden Generationen werden könnte. So werden die Menschen sehen können, wie wir 2019 gelebt haben. Ich finde es interessant und wichtig, ein Andenken zu hinterlassen.

Wenn du an die Schweiz denkst, was kommt dir in den Sinn?

Als Erstes denke ich an die Multikulturalität. Ich finde, das ist DIE Stärke der Schweiz. Wir haben das Glück, jeden Tag mit total unterschiedlichen kulturellen Aspekten in Kontakt zu kommen. Ich finde, es gibt diese Diversität in der ganzen Schweiz, ganz besonders aber in Lausanne. Ich arbeite als Lehrer. Das ist grossartig, denn in meiner Klasse sind etwa fünfzehn verschiedene Kulturen vertreten.

Was sind deine Träume? Was wünschst du dir für die Zukunft?

Mein erster Wunsch wäre, im Film von Michael Steiner mitzumachen (lacht). Ansonsten hoffe ich, weiterhin Videos über «Wheeling» machen zu können und mich darin zu verbessern. Später möchte ich eine Familie gründen und meinen Traumberuf weiterhin ausüben. Also auf der gleichen Schiene wie bisher weitermachen, so geht es mir gut. Ich bin schon dabei, meine Träume zu erfüllen. Im Hinblick auf die Schweiz habe ich Angst, dass sie sich wieder abschotten könnte, wie die anderen europäischen Länder. Ich hoffe, dass wir vielmehr eine aufgeschlossene Geisteshaltung einnehmen und anfangen, ein bisschen mehr ans Klima und die Umwelt zu denken.


Creative Director Michael Steiner erklärt dir im Video, worum es bei «Switzerländers» geht.

Hier erklärt dir Michi Steiner kurz, wie du deinen «Switzerländers»-Beitrag filmst, damit er die besten Chancen auf einen Platz im Kinofilm hat.

«Switzerländers» ist ein Kulturprojekt der Tamedia.