Wahlen 2019

18. September 2019 04:38; Akt: 18.09.2019 11:32 Print

«CVP schiesst komplett an den Wählern vorbei»

Die Onlinekampagne der CVP, in der sie Politiker direkt angreift, sorgt für heftige Kritik. Laut einem Politologen dürfte sie der Partei mehr schaden als nützen.

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Politologe Louis Perron erzählt im Interview, was er von der umstrittenen CVP-Online-Kampagne hält. Dutzende Posts unter dem Hashtag #CVPFail buhen auf Twitter die CVP seit Dienstagmorgen heftig aus. Auslöser des kollektiven CVP-Bashings ist eine Kampagne der CVP. Eine Reihe von National- und Ständeratskandidaten der grossen Parteien fühlt sich von dieser diffamiert. Googelt man deren Namen, erscheint als oberstes Suchergebnis oft die URL Kandidaten2019.ch Beim National- und Ständeratskandidaten David Roth heisst es etwa, die SP wolle die steigenden Gesundheitskosten nicht an der Wurzel packen. Die CVP hingegen habe mit der Kostenbremse eine effiziente und solidarische Lösung parat, bekräftigt die Website. «Die CVP öffnet den Giftschrank und packt das Senfgas aus. Negative Evolution – unschweizerisch – So nicht! Anstand bleibt!», polter FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Auch wenn man die die Aargauer SP-Grossrätin Lelia Hunziker googelt, ... ... stösst man rasch auf die Website der CVP-Kampagne. Auch die FDP-Kandidaten schauen auf der Website dumm aus der Wäsche. So schmückt die CVP die Ziele der FDP zur Verhinderung des finanziellen Kollapses im Gesundheitswesen mit einem «Klingt gut!», schiebt aber nach: «Doch wie will die FDP das erreichen?» Anhand von Balthasar Glättli (Nationalrat Grüne) ... ... will die CVP echte Lösungen aufzeigen. Mit Regula Rytz, Präsidentin Grüne, vergleicht die CVP ... ... ihre Positionen ebenso. Auch SVP-Kandidaten wie Camille Lothe, Präsidentin der Jungen SVP Zürich, ... ... blieben nicht verschont. CVP-Präsident Gerhard Pfister verteidigt die Kampagne als Vergleichskampagne. «Wir wollen den Wählern ein möglichst gutes Bild unserer Partei bieten», sagt er. Dazu gehört laut Pfister, die Inhalte der anderen Parteien aufzuzeigen und diese mit denjenigen der CVP zu vergleichen.

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Die CVP setzt im Wahlkampf mit einer Negativkampagne auf Konfrontation: Wer bei Google nach anderen Politikern sucht, landet auf einer CVP-Seite, die auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar ist. Dort wird einem erklärt, warum man statt der gegoogelten Person besser einen CVP-Kandidaten wählt.

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Politiker reagierten harsch, sie fühlen sich blossgestellt: «Schmutzkampagne», «Verzweiflungstat», «unschweizerisch», poltern sie in den sozialen Medien. Politologe Louis Perron versteht die Entrüstung und erzählt im Interview, was er von dieser Kampagne hält.

Herr Perron*, die neueste Kampagne der CVP wirft hohe Wellen. Glückte ihr ein Coup?
Ich denke, eher nicht. Für mich ergibt die Kampagne wenig Sinn: Vor allem Form und Inhalt haben mich überrascht. Dass die CVP auf den digitalen Weg setzt und andere Politiker aller Couleur direkt angreift, würde eher zu einem Aussenseiter wie zum Beispiel der Piratenpartei passen. Diese Kampagne passt weder zum bisherigen Stil noch zu den politischen Inhalten und Werten, die die CVP vertritt.

Also weder nett noch lösungsorientiert ...
Genau. Die Kampagne schiesst an der ländlichen, gemässigten, mittelständigen Stammwählerschaft vorbei. Eigentlich müsste die Partei Hausbesuche bei ihrer Basis machen, um diese Stimmen zu halten – und nicht online andere Politiker diffamieren.

Aber sie sorgt für Gesprächsstoff …
Auffallen im Wahlkampf ist grundsätzlich nicht schlecht und bringt Beachtung. Polarisieren muss man aber strategisch: Nehmen sie die «schwarzen Schafe» der SVP. Viele waren empört, aber den Stammwählern der SVP sprach das damals aus den Herzen. Bei dieser Kampagne nimmt man das der CVP nicht ab.

Sie könnte zum Rohrkrepierer werden?
Gut möglich, dass viele der CVP-Basis das nicht gerade mobilisiert. Schliesslich startete die Partei mit dem Slogan «Wir halten die Schweiz zusammen» in den Wahlkampf. Diese Kampagne impliziert das überhaupt nicht. Ich kann auch keine Gesamtstrategie dahinter sehen.

«Fake-News», «Hetze», «ohne Anstand»: Betroffene Politiker laufen sturm. Zu Recht?
Ja. Ich kann deren Unmut verstehen. Googelt jemand nach ihrem Namen, wird er auf eine falsche Seite geleitet. Das ist irreführend, zumindest wird die Irreführung in Kauf genommen. Zudem sind auf diesen Seiten nicht direkte Aussagen der Politiker aufgeführt, sondern nur vage Positionen seiner Partei, die die CVP ihren Lösungen gegenüberstellt.

Also kein Pendant zum amerikanischen Wahlkampf?
Mitnichten. Dort ist «opposition research» gang und gäbe. Dabei werden aber gemachte Aussagen oder Abstimmungsverhalten von politischen Gegner widerlegt, hinterfragt und kritisch beäugt. Das hat einen direkten Bezug zur angegriffenen Person mit Quellenangaben. Das ist bei der CVP-Kampagne nicht der Fall.

Ist das Abzielen auf einzelne Politiker ein Novum im Schweizer Wahlkampf?
Von einer Mittepartei schon und mit dieser digitalen Ausbreitung auf Kandidaten von links bis rechts ebenfalls. Aber die SVP hat schon in den letzten zwanzig Jahren im Wahlkampf öfter gezielt Einzelpersonen attackiert. Und umgekehrt musste auch Christoph Blocher schon einige Angriffe von linker Seite einstecken.

Warum macht die CVP nicht einmal vor FDP-Kandidaten halt?
Das erschliesst sich mir auch nicht. In vielen Kantonen haben die beiden Parteien Listenverbindungen, sind aufeinander angewiesen, vertreten ähnliche Positionen. Nachdem die CVP sich etwas von der Umarmung von GLP und BDP distanzierte, müsste sie der Partnerin FDP mehr Sorge tragen.

Ratlosigkeit, ein letzter Strohhalm: Was bringt eine Partei dazu, eine solche Kampagne zu starten?
Der verführerische Gesang der Meerjungfrau? (lacht) Viele Politiker denken, der Onlinewahlkampf sei günstig und quasi automatisch. Aber beides ist falsch.

Wie teuer könnte diese Kampagne gewesen sein?
Das kann ich nicht abschätzen.

Liess sich die CVP vielleicht von einer Agentur oder Werbern dazu überreden?
Das sind Ihre Vermutungen, ich kenne die Hintergründe nicht.

*Louis Perron ist Politologe und Politberater aus Zürich.

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frank Müller am 17.09.2019 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    Senfgas

    Na ja. Einen vielleicht übertriebenen Wahlkampf mit Senfgaseinsätzen zu Vergleichen, finde ich jetzt milde gesagt stark übertrieben.

    einklappen einklappen
  • Wellendeller am 17.09.2019 18:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Well done

    Geschicktes Marketing ist es wenn die Konkurrez sich beschwert...

  • Orange am 17.09.2019 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In's Schwarze getroffen!

    Getroffene Hunde bellen... War doch schon immer so..'n

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jeannette Wibmer am 18.09.2019 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Die inhaltliche Diskussion ist eröffnet!

    An alle, die sich über das CVP-Kampagnenformat aufregen: Wieso beschäftigt Ihr Euch nicht mit den inhaltlichen Positionen der CVP und der CSV? Das wäre die echte politische Auseinandersetzung für unsere gute direkte Demokratie! Kleine Gebrauchsanweisung: 1. PolitikerInnen googlen, 2. Google-Ad lesen, 3. unten rechts klicken und dort findet Ihr die C-Position. Die inhaltliche Diskussion ist eröffnet!

  • Päsci am 18.09.2019 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Plakate

    Ich finde diese Kampagne sehr smart. Manicht langweilige Plakate wie von der Konkurenz. lUnd man sieht ja das es gelungen ist alle sprechen davon. Und was sie schreiben stimmt die SP schadet dem Mittelstand.

  • Nominus am 18.09.2019 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    "Die christlichen Werte der CVP bedeuten Diffamierung ihrer Konkurrenten und Verbreiten von Fake News", sind den Diffamieren Anderer und das Verbreiten von Fake News nicht genau die Werte, die von (fast) jeder Religion seit Jahrhunderten erfolgreich vertreten werden? Für mich passt diese Kampagne perfekt zur CVP.

  • E.H. am 18.09.2019 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wenn Konkurrenz aufheult!

    Immer wenn die Konkurrenz aufheult, macht man etwas gut. Je lauter das Aufheulen der Konkurrenz, desto besser die Kampagne!

  • E.H. am 18.09.2019 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Immer gut wenn die Konkurrenz aufheult

    Immer wenn die Komkurrenz aufheult,macht man etwas gut. Je lauter das Aufheulen der Konkurrenz, desto besser die Kampagne!