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13. Oktober 2019 20:18; Akt: 13.10.2019 20:18 Print

Behinderung hält SP-Mann nicht vom Wahlkampf ab

Islam Alijaj leidet an Zerebralparese. Die Lähmung hindert ihn nicht daran, als Nationalratskandidat anzutreten.

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Islam Alijaj (33) sitzt in einem Lokal im Zürcher Kreis 9. Ihm gegenüber sitzt seine Verbalassistentin. Sie sei da, um auszuhelfen, wenn Alijajs Aussprache zu undeutlich werde, sagt sie. Energetisch gestikuliert Alijaj mit den Händen, während er, der für die Zürcher SP für einen Nationalratssitz kandidiert, erzählt, wie es ihn in die Politik verschlug: «Nach meiner KV-Lehre wollte ich eigentlich die Berufsmatura machen und anschliessend Wirtschaft oder Wirtschaftsinformatik studieren. Doch mein ehemaliger Lehrbetrieb wusste das zu verhindern.»

Der Grund dafür seien falsche Anreize. Denn ein Arbeitgeber erhält von der IV Geld dafür, dass er eine Person mit Behinderung beschäftigt. Zudem: «Je besser die Ausbildung, desto besser ist das hypothetische Jahreseinkommen, das für die Berechnung der IV-Rente ausschlaggebend ist. Deshalb muss die IV Personen mit höherer Ausbildung auch höhere Renten zahlen», erklärt Alijaj. Der Staat habe also im Grunde gar kein Interesse daran, dass Leute wie er – also Menschen mit Behinderung – studieren.

Der Ausbruch aus der Bubble

Der zweifache Familienvater Alijaj lebt mit Zerebralparese (siehe Box). Konkret bedeutet das: «Mir fallen vor allem körperliche Aktivitäten schwer, also von A nach B zu reisen oder Sachen zu tragen. Aber auch das Reden fällt mir schwer. Wenn ich lange reden muss, werde ich immer undeutlicher und schnell müde.» Seine Kinder bezeichnet Alijaj als sein grösstes Hobby – und seinen grössten Antrieb: «Ich will ihnen zeigen, dass ihr Vater trotz Behinderung etwas erreichen kann. Es nützt nichts, wenn Menschen wie ich nur zu Hause sitzen und Forderungen anbringen.» Mit dieser Grundeinstellung hat Alijaj schon 2011 damit begonnen, sich in Behindertenorganisationen zu engagieren. Mittlerweile sitzt er in vielen Gremien.

Und nun also will er den Schritt in die nationale Politik wagen. «Ich habe gemerkt, dass mein Engagement in den Betroffenen-Organisationen nicht weit genug ging. Da sitzt man in einer Blase. Deshalb bin ich der SP beigetreten. Ich möchte Verbindungen schaffen zwischen dieser Bubble und der Politik.» Denn Menschen mit Behinderungen gingen in der Bevölkerung oft einfach vergessen. Alijaj sagt, man werde nicht gesehen. So sässen selbst in Geschäftsleitungen von Behindertenorganisationen zumeist Nicht-Betroffene.

1,8 Millionen Menschen mit Handicap

Sein Ziel sei es, verschiedene politische Minderheiten zusammenzubringen, damit sie wiederum zu einer politischen Mehrheit werden. «Die Repräsentation in unserem Parlament ist ungerecht. Es gibt viele Themen, an die Nicht-Betroffene schlicht nicht denken und die deshalb gar nicht erst auf die Agenda kommen.» In der Schweiz leben laut dem Bundesamt für Statistik knapp 1,8 Millionen Menschen mit einer Form von Behinderung. Rund 300'000 davon mit einer starken Beeinträchtigung. Alijaj verweist darauf, dass es nur einen einzigen Nationalrat gebe, der betroffen sei.

Alijaj sagt, er wünsche sich, dass es in Zukunft normal sei, dass jemand wie er für den Nationalrat kandidiere. Denn eines wolle er keinesfalls: «Man soll mich nicht aufgrund meiner Behinderung wählen. Ich will für meine politische Agenda gewählt werden. Neben der Inklusionspolitik sind mir besonders Bildung und Umwelt ein Anliegen.» Zusätzlich zu seiner Kandidatur arbeitet er an einem Förderprogramm für Personen mit Behinderungen, die in die Politik wollen. Alijaj ist der Überzeugung, dass es von allen Seiten noch Effort braucht, damit Gleichberechtigung erreicht wird: So müssten Menschen mit Behinderungen bereit sein, sich aktiv zu betätigen, aber auch der Bund muss systematische Fehlanreize abschaffen.

«Proaktiv mit der Behinderung umgehen»

Wahlkampf betreibt Alijaj vorwiegend im Rahmen der von der SP lancierten Küchentisch-Treffen. Dabei treffen Politiker und Wähler bei jemandem zu Hause bei einem Abendessen aufeinander und diskutieren. Das kommt Alijaj viel mehr entgegen als grosse Podien: «Man kommt den Menschen nahe. So werden viele Vorurteile abgebaut.» Was er am allerwenigsten leiden könne, sei der sogenannte Jöh-Effekt, sagt der SP-Mann. Er habe gelernt, mit seiner Behinderung umzugehen. Als sein Sohn in den Kindergarten kam, hat er dessen Lehrpersonen schriftlich im Voraus informiert: «So nimmt man seinem Gegenüber präventiv allfällige Berührungsängste. Zudem war es mir gerade in diesem Falle wichtig, dass es um meinen Sohn geht und eben nicht um die Behinderung seines Vaters.»

Die Verbalassistentin hilft ihm an Podien oder bei der Kontaktaufnahme mit Wählern. Rechne man die Kosten ihrer Dienste für einen durchschnittlichen Wahlkampf über sechs Monate hinweg aus, komme man auf über 20'000 Franken. «Das heisst: Damit ich mit den anderen Kandidierenden auf Augenhöhe bin, muss ich zuerst einen solchen Aufwand betreiben und genau das zeigt, wie defizitär die Gleichberechtigung noch ist.»

Ob ihm nach einer allfälligen Wahl irgendetwas im Wege steht, hat Alijaj präventiv mit den Parlamentsdiensten abgeklärt. Infrastrukturtechnisch sei das überhaupt kein Problem und sowieso: «Bevor Frauen gewählt wurden, hatte es im Bundeshaus auch keine Frauen-WCs.» Dann spricht der SP-Mann weiter. Auch wenn es gelegentlich schwer ist, ihn zu verstehen, fällt es leicht, ihm noch eine weitere halbe Stunde zu folgen, denn seine Aussagen sind pointiert und fordernd. Mit dieser Art habe er sich nicht nur Freunde gemacht, sagt er. «Aber solange meine Behinderung überhaupt noch Thema ist, werde ich nicht aufhören, darüber zu sprechen.»

(jk)

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